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Selbstfahrende Lkw oder vernetze Roboter: Der Mobilfunkstandard 5G weckt in der Industrie große Hoffnungen - auch bei der BASF. Unternehmen können seit Donnerstag firmeneigene 5G-Netzwerke beantragen. Das ist umstritten.

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Sendedatum
Sendezeit
18:00 Uhr
Sender
SWR Fernsehen RP

Auf den ersten Blick sieht er wie ein ganz normaler Lkw aus. Doch dann fällt auf: Dieser Lastwagen hat gar kein Führerhaus. Der gigantische Transporter bewegt 75 Tonnen Chemikalien völlig autonom über das Werksgelände der BASF. "Automated guided vehicles" nennt das der Chemiekonzern. Sensoren und Kamerasignale machen das möglich. Auf dem Fabrikgelände in Ludwigshafen gibt es derzeit rund 600.000 solcher Sensoren und Aktoren. Durch die Digitalisierung erhofft sich das Unternehmen rund zehnmal so viele.

Deshalb will die BASF ein eigenes 5G-Netzwerk auf dem Firmengelände errichten - auch, um unabhängig von Netzbetreibern zu sein. So sollen aus den derzeit sechs autonomen Transportern in Ludwigshafen mal zwanzig werden. Mit 5G lassen sich auch die Augmented-Reality-Brillen, mit denen BASF-Mitarbeiter schon jetzt in der Produktion arbeiten, weltweit am Besten vernetzen. "Es wird sich für alle Beteiligten lohnen, 5G zielgerichtet und rasch auszubauen und entsprechende Lösungen zu entwickeln, die diese Technologie im industriellen Rahmen optimal nutzen", ist sich BASF-Vorstandsmitglied Michael Heinz sicher. 

Ein autonomfahrender der Lkw der BASF in Ludwigshafen (Foto: SWR)
Von solchen autonom fahrenden Lkw will die BASF künftig mehr einsetzen. Dafür braucht sie ein starkes Mobilfunknetz

Hohe Datenrate, kurze Reaktionszeit

5G ist für die Industrie deshalb interessant, weil sich nicht nur viel größere Datenmengen drahtlos übertragen lassen, sondern auch weil der Mobilfunkstandard der fünften Generation reaktionsschnell ist. Das ermöglicht Übertragungen nahe an der Echtzeit. Eine Voraussetzung für autonomes Fahren, aber auch für Industrie 4.0-Kommunikation in der Fertigung oder Roboterinteraktion ohne Kabel.  

Automobilbranche scharrt mit den Hufen

Auch die Automobilbranche scharrt deshalb schon mit den Hufen: "Die Koordination von perspektivisch vielen hundert Transportsystemen und intelligenten Robotern in der Fabrik der Zukunft setzt den kabellosen Austausch großer Datenmengen in Echtzeit voraus", schreibt Volkswagen auf SWR-Anfrage. Auch VW will deshalb 5G-Lizenzen bei der Bundesnetzagentur erwerben. Gespräche mit Netzausrüstern laufen derzeit. Doch es gibt bislang noch keine Pilotprojekte.

BMW ist da in China schon weiter: Das Joint Venture "BMW Brilliance" betreibt bereits seit Juli 5G-Mobilfunknetze an allen Produktionsstandorten und ist nach eigenen Angaben der erste Automobilhersteller, der die Technik anwendet. Jetzt sollen auch die Werke in Deutschland folgen. Beispielsweise Fahrzeug-Updates mit großen Datenmengen und Echtzeit-Diagnosen könnten so künftig aus der Ferne durchgeführt werden. 

Ein BMW auf einer Teststrecke in China (Foto: BMW)
Joint Venture "BMW Brilliance" betreibt in CHina bereits seit Juli 5G-Mobilfunknetze an allen Produktionsstandorten. BMW

5G und Industrie: "Weltweite Vorreiterrolle"

Dass der Staat Lizenzen für solche sogenannten "Campusnetzwerke" für die Industrie möglich gemacht hat, hatte international eine große Signalwirkung. "Deutschland ist dadurch weltweit in einer Vorreiterrolle", sagt Professor Hans Schotten vom Deutschen Forschungsinstitut für Künstliche Intelligenz. Er leitet in Kaiserslautern eine der sechs 5G-Modellregion-Projekte in Deutschland. In seinem Projekt will er nächstes Jahr unter anderem ein portables 5G-Campusnetz auf Rädern an den Start bringen. "Wir wollen Unternehmen die Möglichkeit bieten, 5G auf ihrem Gelände zu testen. Das Interesse ist groß", sagt Schotten.

Streit über Gebührenhöhe  

Lange musste die Industrie auf den Start der Lizenzvergabe warten. Denn die Politik stritt lange über die Höhe der Gebühren für solche 5G-Industrielizenzen. Das Finanzministerium wollte Medienberichten zufolge gerne mehr Geld damit einnehmen. Die Gebühr richtet sich nun nach der Fläche des Netzwerkes, der Nutzungsdauer und der benötigten Bandbreite. Verglichen mit den rund 6,5 Milliarden Euro, die die Mobilfunkbetreiber Telekom und Co. für die 5G-Lizenzen zahlen mussten, fallen die Gebühren für die Industrie gering aus.

Die Kritik der Netzbetreiber, dass überhaupt rund ein Fünftel des 5G-Spektrums für die Industrie reserviert bleibt, war bereits bei der Mobilfunkversteigerung im März heftig: "Das bedeutet vor allem ein Fünftel weniger für die Bürger dieses Landes", kritisierte Telekom-Sprecher Philipp Schindera. "Wir finden, das ist ein sehr großer Teil." Der Digitalverband Bitkom verweist auf seine Umfrage, wonach nur sechs Prozent der Unternehmen Interesse an unternehmenseignen 5G-Netzen haben. "Es liegt also viel wertvolles Spektrum brach und man hätte intelligentere Wege finden können, hochsichere Netze auf die Betriebsgelände zu bringen, ohne die öffentlichen Netze zu beschneiden", bemängelt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder.  

Neue Rolle für Netzbetreiber?  

Die Kritik von damals möchte die Telekom heute so nicht wiederholen. Sie hofft nun auch bei den 5G-Industrienetzen mitzuverdienen, indem sie als Dienstleister solche Netze aufbaut. "Wir haben das Knowhow, um die Industrie als Partner zu unterstützen und gemeinsam Lösungen umzusetzen. Die lokalen Frequenzen können dabei das umfangreiche Frequenzspektrum der Telekom ergänzen", erklärte Dirk Wössner, Vorstandsmitglied Deutsche Telekom. 

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