Ukraine-Krieg: Hilfstransporte aus der Pfalz gestoppt

Bad Dürkheim: Hilfsorganisation entsetzt über Krieg in der Ukraine

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Der Bad Dürkheimer Augenarzt Michael Zaczkiewicz organisiert Hilfstransporte in die Ukraine. Erst am Mittwoch hat er mit Mitstreitern im ukrainischen Lemberg telefoniert: Keiner habe an eine russische Invasion geglaubt. Wenige Stunden später kam sie.

Michael Zaczkiewicz verliert beim Erzählen die Fassung. Er ringt nach Luft, wischt sich die Tränen aus den Augen. Seit 30 Jahren unterstützt er mit seinem Verein "Nadija" eine Einrichtung für spastisch gelähmte Kinder in Lemberg. Jedes Jahr reist der ukrainische Nationalchor in die Pfalz und gibt hier ein Konzert. Der Erlös geht zusammen mit anderen Privatspenden an die Behinderteneinrichtung, die in etwa der Bad Dürkheimer "Lebenshilfe" entspricht.

Behinderteneinrichtung Dzherelo in Lemberg (Foto: SWR)
Behinderteneinrichtung Dzherelo in Lemberg

"Die behinderten Kinder bekommen in normalen Zeiten natürlich auch von ukrainischen Bürgern Unterstützung. Jetzt spenden die Ukrainer aber nur noch fürs Militär. In 24 Stunden sind da gestern über eine Million Dollar für das Militär zusammengekommen. Für soziale Zwecke gibt da jetzt keiner mehr etwas", erzählt der Augenarzt.

Behinderteneinrichtung bald nicht mehr versorgt

Die Leitung des Heimes habe ihn angerufen: Bald werde die Versorgung zusammenbrechen. "Das Gas ist zu teuer, die Kinder erfrieren mir noch vor Ort!", fasst Michael Zaczkiewicz sein Entsetzen zusammen.

Behinderteneinrichtung Dzherelo in Lemberg (Foto: SWR)
Behinderteneinrichtung Dzherelo in Lemberg

Die Lage in der Ukraine beschreibt der Augenarzt als unübersichtlich und chaotisch. "Wir unterstützen auch Einzelprojekte, zum Beispiel die Ausbildung einer jungen, angehenden Ärztin. Sie hat uns erzählt, die Universität in Ternopil in der Westukraine wurde geschlossen. In unmittelbarer Nähe der Universität wird eine Militärbasis bombardiert. Jetzt weiß die junge Frau nicht mehr wohin". Menschen versuchten aus den großen Städten aufs Land zu fliehen, doch der gesamte Öffentliche Nahverkehr, alle Zugverbindungen seien zusammengebrochen.

Volljährige Männer kommen nicht mehr aus dem Land

Menschen, die aus der Ukraine fliehen wollten, würden an der Grenze gestoppt, zumindest wenn darunter auch volljährige Männer sind. "Es herrscht jetzt Kriegsrecht und alle Männer ab 18 Jahren dürfen nicht mehr das Land verlassen", erklärt Michael Zaczkiewicz traurig.

Viele, die es mit dem Auto bis zur Grenze geschafft haben, kommen dann nicht mehr weiter – eine entsetzliche Situation.

Panik, Hamsterkäufe, Ratlosigkeit

Auch sonst scheint die Panik überall mit den Händen zum Greifen nah. Michael Zaczkiewicz kennt durch seine humanitäre Arbeit viele Menschen vor Ort persönlich.

"Heute Morgen habe ich mit einer Professorin aus Lemberg telefoniert, die uns auch immer unterstützt. Sie wollte Medikamente besorgen und hat von Panikkäufen auch in den Apotheken der Stadt erzählt. Überall heulen die Sirenen. Die Leute wissen einfach nicht mehr, wie es weiter geht."

Der Oberbürgermeister von Lemberg versuche die Leute zu beruhigen, er verweise auf die über 1000 Luftschutzbunker in Lemberg. Michael Zaczkiewicz ist entsetzt, und kann es kaum fassen, dass die Bevölkerung von Lemberg überhaupt Zuflucht in Luftschutzbunkern suchen muss. "Das hätte ich nicht für möglich gehalten!"

Humanitäre Katastrophe im Osten der Ukraine

Eine humanitäre Katastrophe spiele sich unterdessen im Osten des Landes ab, so Michael Zaczkiewicz. Er habe auch mit dem Präsidenten des Ukrainischen Roten Kreuzes telefoniert, der Kontakte im ganzen Land habe. Im Osten des Landes herrsche ein totaler Kriegszustand, das normale Leben liege komplett brach.

Verzweiflung und Ratlosigkeit

Michael Zaczkiewicz weiß selbst nicht mehr so recht, wie er jetzt aus der Ferne noch helfen soll. Noch im August vergangenen Jahres hat er, wie so oft, die Behinderteneinrichtung besucht und die Kultur und die Freundschaften vor Ort genossen. "Dort gibt es so viel unterschiedliche Kulturangebote, das glaubt man gar nicht", weiß er.

Dass die Menschen vor Ort nun nur noch ums nackte Überleben kämpfen würden, kann der Bad Dürkheimer kaum fassen. Aber er werde nicht aufhören, etwas gegen die Zustände in der Heimat seiner Eltern zu unternehmen - und greift schon wieder zum Telefon, um mit Freunden, Bekannten und Helfern zu sprechen.

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