Eine Frau steht neben einem Baum.  (Foto: dpa Bildfunk, Julian Stratenschulte)

Pandemie belastet die Psyche

Auch in der Pfalz: Mehr Depressionen und Angst-Erkrankungen durch Corona

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Die Corona-Pandemie verstärkt Ängste und Depressionen - das zeigt sich auch in der Pfalz. So behandelt das Pfalzklinikum in Klingenmünster deutlich mehr ambulante Patienten mit Angst-Erkrankungen und Depressionen als vor der Pandemie.

Reine Wittmann leidet seit Jahren unter Depressionen. Und Corona hat dafür gesorgt, dass zu ihrem persönlichen Paket aus der Vergangenheit noch weitere Ängste dazugekommen sind. "Ich wusste nicht, wie es weiter gehen soll. Ich hatte Existenzängste wegen meines Geschäfts", sagt Reine Wittmann. Sie betreibt in Edenkoben ein Café. Und ist selbständig – trotz ihrer Depression.

Die schwierige wirtschaftliche Situation vieler Menschen und die damit verbundenen Sorgen und Belastungen seit Beginn der Corona-Pandemie ist einer der Gründe, warum Angst-Erkrankungen und Depressionen seitdem stark zugenommen haben, sagt Sylvia Claus, stellvertretende Ärztliche Direktorin am Pfalzklinikum Klingenmünster. Ein weiterer Grund seien die Einschränkungen durch die Corona-Auflagen.

Deutlich mehr Menschen in ambulanter Behandlung

Auch am Pfalzklinikum sei diese Entwicklung deutlich spürbar, so Claus. So sei seit Beginn der Pandemie vor zwei Jahren die Zahl der ambulanten Patienten mit Angst-Störungen um 60 Prozent gestiegen. Auch die Zahl der Patienten mit Depressionen, die am Pfalzklinikum ambulant behandelt werden, habe um 30 Prozent zugenommen.

Klingenmünster

Fünf Fragen rund um eine gefährliche Erkrankung Was Sie über Depressionen wissen sollten

Wer depressiv ist, der ist nicht einfach nur schlecht drauf. Die Depression ist eine gefährliche Krankheit. Denn 10 bis 15 Prozent der schwer depressiven Patienten nehmen sich das Leben. Dr. Sylvia Claus, stellvertretende Ärztliche Direktorin des Pfalzklinikums in Klingenmünster beantwortet die wichtigsten Fragen:

Menschen mit psychischen Vorerkrankungen gefährdet

Besonders gefährdet sind Menschen mit körperlichen und psychiatrischen Vorerkrankungen, so Claus. Der Grund: Während Corona habe es bei Menschen mit Angst-Erkrankungen oder Depressionen eine deutliche größere Hürde gegeben, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Zum Teil einfach deshalb, weil Betroffene Angst hatten, sich in einer Klinik mit dem Corona-Virus anzustecken.

Vor allem Frauen und junge Männer betroffen

Als Folge der Corona-Pandemie seien derzeit mehr Frauen als Männer von Angst-Erkrankungen und Depressionen betroffen. Außerdem auch Menschen im Gesundheitssystem - auch da arbeiten viele Frauen, so Claus.

Eine weitere Gruppe seien jüngere Männer. Die seien belastet durch Themen wie Homeoffice, Kurzarbeit und wirtschaftliche Unsicherheit als Folge der Pandemie. Hinzu komme, dass den jungen Männern der Ausgleich fehle – beispielsweise durch Mannschaftssport.

"Keine Macht mehr über sich selbst"

Reine Wittmann kann sehr gut beschreiben, wie sich eine Depression anfühlt: "Das Bedrohliche ist, dass man keine Macht mehr hat über sich selbst: Die Depression übernimmt alles. Ich war nicht mehr fähig zu laufen, ich war wie gelähmt." Reine Wittmann war schon mehrmals in stationärer Behandlung in der Psychiatrie im Pfalzklinikum in Klingenmünster. Und erst vor kurzem wieder dort.

Der Auslöser für die Depression der 62-Jährigen liegt lange zurück: Vor 20 Jahren verlor sie ihren Sohn, der damals erst zehn Jahre alt war. Die "schlimmste Erfahrung in meinem Leben", sagt Wittmann.

Gefährliche Suizid-Gedanken

Reine Wittmann hatte auch schon Suizid-Gedanken. Und das hat die Frau mit dem sympathischen Lachen dann selbst erschreckt. Dr. Sylvia Claus sagt, dass sich von 100 schwer depressiven Patienten 10 bis 15 Prozent das Leben nehmen. Grundsätzlich könne man diese gefährliche Krankheit aber gut behandeln, sagt Ärztin Claus:

"Niemand muss mit seiner Depression unbehandelt und allein zu Hause sein. Es gibt für jeden eine Behandlungsmöglichkeit. Manchmal dauert es ein bisschen, aber es ist auf jeden Fall so, dass sich Menschen mit Depressionen Hilfe holen und auch sich behandeln lassen sollten."

Corona verstärkt die Ängste

Auch Cafe-Inhaberin Reine Wittmann war immer wieder in Behandlung und hat sich dadurch stabilisiert. Trotzdem kam ihre Depression und eine damit verbundene Essstörung wieder zurück. Deswegen wollte sie schon Ende vergangenen Jahres in eine Reha gehen. Aber sie hat eben auch ihr Café, um das sie sich kümmern muss: "Wenn ich in Reha gehe, dann bricht hier alles zusammen. Ich habe ganz viele Schulden, was mache ich dann?"

Die Corona-Pandemie macht diese Ängste nicht kleiner. Eher noch größer. Da geht es Reine Wittmann wie vielen anderen Betroffenen mit Angst-Erkrankungen und Depressionen.

Psyche Angsterkrankungen erkennen und richtig behandeln

Die Coronavirus-Pandemie belastet uns alle. Insbesondere Menschen, die ohnehin schon mit psychischen Krankheiten kämpfen. Nehmen Angststörungen und Panik zu? Wann wird Angst krankhaft, wie erkennt und behandelt man das? Prof. Andreas Ströhle, Leiter der Spezialambulanz für Angsterkrankungen an der Charité Berlin, im Gespräch.

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