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Anfang des Jahres ist Klaus Schirdewahn für sein Engagement bei einer Gruppe für ältere schwule Männer geehrt worden. Bis der 73-Jährige sich selbst so offen zu seiner Homosexualität bekannt hat, war es ein langer Weg. Und es ist eine berührende Geschichte. Sie beginnt mit seiner Verhaftung.

Das Coming-out von Klaus Schirdewahn war alles andere als freiwillig. Im Dezember 1964 erwischt ihn die Polizei mit einem anderen jungen Mann auf der Toilette eines Kaufhauses in Ludwigshafen. Natürlich hätten sie Sex haben wollen, sagt er. Aber daran sei nicht mehr zu denken gewesen, nachdem mehrere Polizisten gegen die Tür gehämmert hätten. Dass gleichgeschlechtliche Liebe im Jahr '64 durch den Paragraphen 175 verboten ist, lernt Klaus Schirdewahn auf die harte Tour: Mit einem Streifenwagen fahren sie ihn durchs weihnachtsbeleuchtete Ludwigshafen zum Polizeipräsidium. Seine Fingerabdrücke werden genommen, er wird fotografiert – von vorn, von rechts, von links – und stundenlang verhört. Er war gerade mal 17 Jahre alt und sei sich vorgekommen wie ein Schwerverbrecher.

Klaus Schwirdewahn kann mit seinen Gefühlen nur schlecht hinterm Berg halten. Wenn er heute von der Vernehmung erzählt, dann beginnen seine Hände zu arbeiten: Er presst sie zusammen, er ballt sie, es nimmt ihn immer noch mit. Aber auch die Rührung ist ihm bis heute anzusehen, wenn er von der anschließenden Begegnung mit seinem Gemeindepfarrer spricht: Als seine Eltern von seiner Verhaftung erfahren, schicken sie ihn beichten.

Klaus Schirdewahn in seinem Wohnzimmer in Mannheim (Foto: SWR)
Klaus Schirdewahn, gebürtiger Ludwigshafener, leitet heute die Gruppe "gay and gray" in Mannheim

Davor habe er wahnsinnige Angst gehabt, der Pfarrer sei ein strenger Mann gewesen. Aber genau dieser strenge Mann empfängt ihn mit Güte, vermittelt ihm, es sei doch alles gar nicht so schlimm. Schirdewahn solle in Ruhe alles aufschreiben. Der Junge tut wie ihm aufgetragen und bringt dem Pfarrer am nächsten Tag einen Umschlag mit mehreren eng beschriebenen Seiten. Der Pfarrer versiegelt den Umschlag und packt ihn ungeöffnet in einen Tresor. „Lese ich gar net!“. Danach sei nie wieder darüber gesprochen worden. Klaus Schirdewahn durfte seine Geheinisse für sich behalten. Jahre später bekam er den Umschlag zurück. Das Siegel war noch immer unversehrt.

Wegen „Unzucht“ in Ludwigshafen vor Gericht

Schirdewahn wird vor die Wahl gestellt: Therapie oder Gefängnis. Er wählt die Therapie und lässt sich zwei Jahre lang einreden, das Interesse an anderen Männern sei nur eine Phase, die spätestens dann vorüber sei, wenn er die richtige Frau fände. Am Ende glaubt er es sogar, möchte es glauben, allein um des Friedens in seinem Elternhaus willen. Also sucht er sich eine Frau. Er habe sie auf der Arbeit kennengelernt, erzählt er, Sie sei nett gewesen, mit ihr habe man die Nächte durchquatschen können. Sonst passiert in den Nächten allerdings nicht viel.

„Sechs Wochen nach meiner Hochzeit lag ich wieder mit einem Mann im Bett.“

Klaus Schirdewahn

Nach 12 Jahren zerbricht die Ehe endgültig, auch weil Klaus Schirdewahn einen Mann kennenlernt, der nicht bereit ist, nur eine Nebenrolle in seinem Leben zu spielen: Achim. Das war Anfang der achtziger Jahre. Während Klaus Schirdewahn uns in seinem Wohnzimmer die Geschichte seines Lebens erzählt, schläft Achim ein Zimmer weiter. Er hat die Corona-Impfung nicht gut weggesteckt –er ist über 80. Sie sind noch immer zusammen, und sie sind noch immer glücklich.

Gay und gray in Mannheim

Nach seinem Umzug nach Mannheim („der Liebe wegen“) begann Klaus Schirdewahn sich bei „gay and gray“ zu engagieren, einer Freizeitgruppe für ältere, schwule Männer. Sie besuchen gemeinsam Konzerte, gehen ins Theater oder in die Kneipe. Seit Corona Vergnügen dieser Art ausgebremst hat, versuchen sie sich regelmäßig im Netz zu treffen. Eine Selbsthilfegruppe seien sie aber nicht, darauf legt Klaus Schirdewahn großen Wert. Und doch gibt es bei Ihnen Mitglieder, die Ihre Homesexualität bis heute verstecken, deren Nachbarn nicht wissen, dass sie schwul sind und sie nur als „alleinstehend“ kennen. Die Zeit, in der Liebe unter Männern verboten war, hallt in ihnen bis heute nach. Traurig findet Klaus Schirdewahn das. Aber er kann es nicht ändern. Er kann ihnen nur davon erzählen, wie glücklich es ihn macht, endlich er selbst sein zu dürfen. Wie frei sich das anfühlt.

Klaus Schirdewahn zeigt die Urkunde der Stadt Mannheim. (Foto: SWR)
Anfang des Jahres hat die Stadt Mannheim Klaus Schirdewahn für sein Engegagement bei "gay and gray" geehrt.

Am 11. Juni 1994 wurde der Paragraph 175 abgeschafft. 30 Jahre nachdem Klaus Schirdewahn auf einer Toilette in Ludwigshafen verhaftet worden ist.

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