Eine Skulptur mit der Aufschrift "Mia warum?" (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)

Der Fall Kandel Chronologie im Fall Mia

Kurz nach Weihnachten 2017 wurde die 15-jährige Mia aus Kandel erstochen. Verurteilt: Ihr mutmaßlich aus Afghanistan stammender Ex-Freund. Die Chronologie des Mordfalls und die Vorgeschichte.

Mai 2016

Abdul D. wird im Mai 2016 in Frankfurt als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling registriert. Er hat keine Papiere bei sich und gibt an, 14 Jahre alt zu sein. Noch im Mai wird er dem Landkreis Germersheim in der Südpfalz zugewiesen.

Fortan besucht er die Integrierte Gesamtschule Kandel (IGS). Dort lernt er Mia kennen, die beiden werden wohl Ende des Jahres ein Paar. Außerdem wird er in einer Jugendhilfeeinrichtung in Wörth (Kreis Germersheim) untergebracht.

Ortskern von Kandel (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Beschaulicher Ort: Kandel Picture Alliance

September 2017

Abdul D. wechselt den Wohnort: Er zieht in die Wohngruppe eines privaten Trägers nach Neustadt. Der junge mutmaßliche Afghane besucht dennoch weiterhin die Gesamtschule in Kandel, das Jugendamt Germersheim ist weiter zuständig und auch der dortige Vormund.

Dezember 2017

Anfang Dezember - Das Paar trennt sich.

15. Dezember - Mia und ihre Eltern erstatten Anzeige bei der Polizei Germersheim gegen ihren Ex-Freund. Er soll das Mädchen über WhatsApp und am Telefon bedroht, genötigt und beleidigt haben.

17. Dezember - Nach Zeitungsberichten zeigt der Vater den Ex-Freund erneut an.

18. Dezember - Nach Angaben der Kreisverwaltung informiert die Polizei an diesem Tag das Jugendamt - aber nur darüber, dass es eine körperliche Auseinandersetzung zwischen dem Flüchtling und einem Jugendlichen an der Schule gegeben hat.

Das Jugendamt sei auch über die Strafanzeigen informiert worden, aber laut Kreisverwaltung nicht darüber, dass das Mädchen bedroht werde. Laut Polizei ist der Vormund des Angeklagten über die Inhalte der Anzeigen informiert worden. Die Polizei ist an diesem Tag an die Schule nach Kandel gekommen und hat das Handy von Abdul D. mitgenommen und ihn verwarnt.

19. Dezember - Es kommt zu einem Gespräch zwischen Jugendamt, dem Vormund und dem Wohngruppen-Betreiber.

21. Dezember - Es gibt ein Gespräch in der Wohngruppe des mutmaßlichen Afghanen. Mit dabei: Eine Vertreterin des Jugendamts, Betreuerinnen und Abdul D. selbst. Es geht um die Anzeigen und die möglichen Konsequenzen. Dabei soll ein weiterer Gesprächstermin für den 28. Dezember vereinbart worden sein. Da sollte überprüft werden, ob sich der Afghane an die Absprachen hält. Nach Angaben des Jugendamts und der Wohngruppe gab es damals keine Hinweise auf eine mögliche Bluttat.

27. Dezember - Der Tattag: Laut Staatsanwaltschaft sticht Abdul D. Mia in einem Drogeriemarkt in Kandel nieder. Der mutmaßliche Täter wird direkt festgenommen. Die Tatwaffe: ein etwa 20 Zentimeter langes Küchenmesser. Laut Obduktionsbericht und Staatsanwaltschaft Landau stach der Ex-Freund mindestens sieben Mal auf Oberkörper und Hals ein. Ein Stich trifft das Herz. Das Mädchen stirbt kurz darauf in der Klinik.

Blumen vor Drogeriemarkt in Kandel (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Vor dem Drogeriemarkt werden Blumen und Kerzen abgelegt Picture Alliance

Zuvor hatten Polizeibeamte den Flüchtling in seiner Wohngemeinschaft in Neustadt aufgesucht. Es gab eine sogenannte Gefährderansprache. Die Beamten ermahnten ihn, seine Ex-Freundin nicht weiter zu bedrohen.

Danach trifft er am Bahnhof Kandel auf sein späteres Opfer, das von zwei Jugendlichen begleitet wird. Laut Staatsanwaltschaft folgt er ihnen in den Supermarkt, kauft sich dort zwei Küchenmesser, darunter die Tatwaffe. Er folgt dem Trio in den Drogeriemarkt.

28. Dezember - Abdul D. wird in Landau dem Haftrichter vorgeführt. Er kommt in U-Haft.

Das Polizeipräsidium Rheinpfalz informiert Medienvertreter in einer Pressekonferenz. Am Tatort werden Kerzen angezündet und Blumen abgelegt. Der Dm-Markt öffnet wie immer.

Die Polizei spricht von einer "Beziehungstat". Hintergrund soll eine mehrmonatige gescheiterte Beziehung sein, die Mia beendet hat. Gegen den jungen Mann ergeht ein Haftbefehl wegen Totschlags. Die Landauer Oberstaatsanwältin Angelika Möhlig zieht eine Anklage wegen Mordes in Betracht. Außerdem wird die Überprüfung des Alters des Beschuldigten ins Spiel gebracht.

29. Dezember -  Spontane Gedenkfeier für Mia am Tatort. Etwa 100 Menschen versammeln sich - Freunde, Mitschüler und auch der Landrat des Kreises Germersheim, Fritz Brechtel (CDU).

Trauer um Mia (Foto: SWR)
Trauer um Mia

Januar 2018

02. Januar - Offizieller Gedenkgottesdienst für Mia in der St. Pius-Kirche in Kandel. An dem ökumenischen Gottesdienst nehmen rund 350 Menschen teil - darunter auch viele Vertreter aus der Politik. Mias Eltern sind nicht dabei. Außerdem gibt es einen Schweigemarsch durch Kandel. Der Aufruf erfolgt unter anderem durch ein anonymes Flugblatt. Rund 400 Personen nehmen teil. Vor dem Tatort gibt es Rangeleien.

Stadtbürgermeister Günter Tielebörger (SPD) mahnt, Trauer dürfe nicht in Hass umschlagen. Sein Amtskollege, der Bürgermeister der Verbandsgemeinde, Volker Poß (SPD), ruft ebenfalls zur Besonnenheit und gegen Hetze auf. Tielebörger und Poß erhalten in der Folge Hass-Mails und werden bedroht.

03. Januar - Die Obduktion kommt zu dem Ergebnis, dass der Messerstich in die Herzgegend tödlich war. Die Staatsanwaltschaft gibt ein medizinisches Gutachten in Auftrag, welches das Alter des Tatverdächtigen prüfen soll.

11. Januar - Der Innenausschuss des rheinland-pfälzischen Landtags beschäftigt sich mit dem Fall. Den Antrag hat die AfD-Fraktion gestellt.

Mia wird im engsten Familien- und Freundeskreis auf dem Friedhof in Kandel beigesetzt.

Am Nachmittag findet ein Trauergottesdienst in der protestantischen St. Georgs-Kirche statt. Es versammeln sich rund 750 Trauergäste - darunter auch der stellvertretende rheinland-pfälzische Ministerpräsident Volker Wissing (FDP). Pfarrer Arne Dembek hält eine emotionale Predigt. Er hatte Mia im Vorjahr konfirmiert.

16. Januar - Die Staatsanwaltschaft Landau ermittelt inzwischen wegen Mordverdachts. Mordmerkmal: Heimtücke. Mia war nach Angaben der Staatsanwaltschaft vom Angriff überrascht worden und daher wehrlos.

24. Januar - Der Fall ist Thema im Landtag in Mainz. Die AfD-Opposition fordert verpflichtende Alterstests für minderjährige Flüchtlinge. SPD, FDP und Grüne lehnen das ab. Die CDU-Opposition fordert eine zentrale Clearingstelle im Land, die im Zweifelsfall Alterstests konsequent durchführt.

Demo in Kandel (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Januar 2018: Demo in Kandel Picture Alliance

28. Januar - Ein "Frauenbündnis" und das rechtspopulistische Bündnis "Kandel ist überall" rufen zu einer Demo auf. Es kommen rund 1.000 Teilnehmer. Darunter sind laut Polizei bis zu 150 gewaltbereite Rechtsextreme.

März 2018

03. März - Demos in Kandel: Es gibt an diesem Samstag mehrere Kundgebungen. Es demonstrieren rechtsgerichtete Gruppierungen und Gegendemonstranten. Das rechtspopulistische Bündnis " Kandel ist überall" bringt die meisten Demonstranten auf die Straße. Anmelder ist unter anderem eine AfD-Politikerin und Mitglied des baden-württembergischen Landtags aus Stuttgart.

Polizeikräfte bei Demo (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
März 2018: Polizeikräfte sichern eine Demo in Kandel Picture Alliance

Außerdem in Kandel: Mitglieder der sogenannten Identitären Bewegung und als gewaltbereit geltende Hooligans aus Kaiserslautern und Stuttgart sowie NPD-Funktionäre aus der Pfalz. Ihr Tenor: Die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung trage Mitschuld am Tod von Mia.

Auf der Gegenseite demonstriert das neugegründete Bündnis von Kandeler Bürgern "Wir sind Kandel", unterstützt von Kirchen und Gewerkschaften. Sie wollen ein Zeichen gegen Rechts setzen und wehren sich gegen Aufmärsche von Rechts in ihrer Stadt.

An den Demos nehmen insgesamt fast 4.500 Menschen teil. Die Polizei ist mit einem Großaufgebot vor Ort, riegelt den Ortskern ab. Es gibt Straßensperrungen, die Einzelhändler schließen ihre Läden.

Demonstration "Wir sind Kandel" (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
März 2019: Gegendemo "Wir sind Kandel" Picture Alliance

Im Nachgang kündigt Bürgermeister Günther Tielebörger (SPD) künftig Widerstand gegen Demos von Rechts an.

13. März - Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) besucht Kandel und kündigt ein breites Bündnis gegen die Demos von Rechts an.

24. März - Erneute Demo in Kandel: Deutscher Gewerkschaftsbund (DGB), Unternehmerverbände und Parteien unterstützen das Bündnis "Wir sind Kandel". Bei einer Kundgebung sagt Dreyer, sie habe den "Eindruck, dass in Kandel eine Art Pegida-West aufgebaut werden soll."

Während der Demo kommt es zu Ausschreitungen seitens der Antifa. Böller werden gezündet und auf Polizisten geworfen. Acht Beamte werden leicht verletzt. Es gibt viele Anzeigen.

Malu Dreyer bei "Wir sind Kandel" (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) bei einer Kundgebung von "Wir sind Kandel" Picture Alliance

Mai 2018

04. Mai - Das Landgericht Landau lässt die Mordanklage zu. Der Prozess soll unter Ausschluss der Öffentlichkeit geführt werden. Hintergrund: Die 2. Strafkammer des Landgerichts geht im Gegensatz zur Staatsanwaltschaft offenbar davon aus, dass der mutmaßliche Täter Ende Dezember noch nicht volljährig war und somit als Jugendlicher gilt. Es soll ein weiteres Altersgutachten eingeholt werden.

24. Mai - Verbandsbürgermeister Poß ist zu Gast bei Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Berlin. Bei dem vertraulichen Gespräch geht es um das Thema "Gewalt gegen Mandatsträger". Poß hatte zuvor Hass-Mails erhalten.

Bürgermeister Volker Poß bei Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Bürgermeister Volker Poß (2.v.r.) bei Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Picture Alliance

Juni 2018

10. Juni - Das Gericht teilt mit, dass die Öffentlichkeit vom Prozess ausgeschlossen wird. Der Verdächtige soll strafrechtlich als Jugendlicher behandelt werden.

Über das Alter des Verdächtigen war intensiv diskutiert worden: Nach der Registrierung beim Jugendamt Frankfurt am Main war er zur Tatzeit 15 Jahre alt. Ein Gutachten der Staatsanwaltschaft geht aber von einem Mindestalter von 17,5 Jahren und einem wahrscheinlichen Alter von etwa 20 Jahren aus. Das Gericht geht davon aus, dass er zur Tatzeit das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet hatte. Die Eltern von Mia treten in dem Verfahren als Nebenkläger auf. Laut Staatsanwaltschaft hat der Angeklagte das Mädchen wohl aus Rache getötet, weil es sich von ihm getrennt hatte.

18. Juni - Prozessauftakt vor dem Landgericht Landau. Der mutmaßliche Täter muss sich für den Mord an Mia verantworten. Bis Ende August sind zwölf Verhandlungstermine angesetzt. Der erste Prozesstag gerät wegen eines Dolmetschers ins Stocken. Die Verhandlung muss daher für mehrere Stunden unterbrochen werden. Die Verteidigung beantragt, den Dolmetscher auszuwechseln. Abdul D. bekundet am ersten Prozesstag Reue. Zudem werden erste Zeugen gehört. Insgesamt sollen mehr als 80 Zeugen geladen werden.

Das Landgericht Landau (Foto: SWR)
Das Landgericht Landau

Juli 2018

29. Juli - In der Nacht zum 30. Juli entdecken Vollzugsbeamte Abdul D. verletzt in seiner Zelle. Das teilt sein Pflichtverteidiger dem SWR mit. Er hat demnach versucht, sich selbst zu töten.

August 2018

17. August - Mias Mutter sagt vor dem Landgericht Landau aus. Auch zwei Jugendamtsmitarbeiter und ein Psychologe werden vernommen. Wenige Tage später wird bekannt, dass der Angeklagte bei der Anhörung der Mutter aufgesprungen und zur Tür gelaufen sei. Als die Beamten eingriffen, soll er sich gewehrt haben. Nach SWR-Informationen soll er einen Justizbeamten gebissen haben. Auch ein weiterer Polizist wird verletzt.

21. August - Nach dem Beißvorfall im Gericht wird gegen den Angeklagten ermittelt. Die Justiz habe wegen des Verdachts auf Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und Körperverletzung Ermittlungen gegen den jungen Mann aufgenommen, teilt die Staatsanwaltschaft in Landau mit.

22. August - Der Prozess wird fortgesetzt. Der Anwalt von Abdul D. rechnet mit einer Urteilsverkündung im September. Eigentlich sollte das Urteil bereits am 29. August fallen. Zwei weitere Prozesstage sind angesetzt: 3. und 10. September.

Das Landgericht Landau hört ehemalige Mitbewohner des Angeklagten an. Sie sollten Auskunft darüber geben, wie Abdul D. in Neustadt an der Weinstraße die Zeit kurz vor dem Verbrechen verbrachte. Auch der Vater des getöteten Mädchens ist als Zeuge geladen.

27. August - Das Gericht kündigt das Urteil im Kandel-Mordprozess für den 3. September an. Die Beweisaufnahme sei abgeschlossen.

29. August - Plädoyers im Prozess vor dem Landgericht Landau. Mias Eltern haben als Nebenkläger laut Mitteilung des Landgerichts Landau Gelegenheit zu einer letzten Stellungnahme ebenso wie der Angeklagte Abdul D. selbst. Zum Inhalt macht das Gericht keine Angaben.

September 2018

03. September - Das Urteil: Abdul D. wird nach Jugendstrafrecht wegen Mordes und Körperverletzung zu acht Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Sein Anwalt kündigt an, sein Mandant nehme das Urteil an und gehe nicht in Revision.

05. September - Die Staatsanwalt legt Revision gegen das Urteil ein.

November 2018

Bis November gibt es insgesamt 174 Strafanzeigen gegen Demonstranten, meldet die Polizei. Seit dem gewaltsamen Tod von Mia gibt es immer wieder Demonstrationen und Gegenkundgebungen in Kandel - auch nach dem Urteil.

Dezember 2018

20. Dezember - Die Staatsanwaltschaft nimmt ihre Revision gegen das Urteil des Landgerichts Landau zurück. Damit ist das Urteil gegen den Mörder der 15-jährigen Mia rechtskräftig.

Oktober 2019

10. Oktober - Abdul D. wird tot in seiner Zelle in der Jugendstrafanstalt Schifferstadt aufgefunden. Ersten Erkenntnissen zufolge hat er sich erhängt.

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