Polizisten sichern den Bahnhof in Kandel ab (Foto: SWR)

Ein Jahr nach Mias Tod Kandel kommt nicht zur Ruhe

Seit der Ermordung der 15-jährigen Mia demonstrieren in Kandel immer wieder rechte und linke Gruppen. Die Bewohner wünschten sich am Jahrestag des Verbrechens nur eines: Ruhe für Trauer und Aufarbeitung.

Zwischen Kosmetikwaren und Haushaltsartikeln tötet der vermutlich aus Afghanistan stammende Flüchtling Abdul D. am 27. Dezember seine Ex-Freundin Mia mit einem Brotmesser. Für Kandel, eine Gemeinde mit rund 9.500 Einwohnern in der Südpfalz, ist die Tragödie bis heute traumatisch. "Nach dieser Gewalttat herrschte große Bestürzung", sagt Bürgermeister Volker Poß (SPD). "Wie konnte das nur passieren? Man kann es nicht verstehen."

Am Jahrestag des Mordes - Eine Frau legt rote Rosen ab (Foto: SWR)
Am Jahrestag des Mordes - Eine Frau legt rote Rosen ab

Kandel als Kristallisationspunkt

Der Ort ist seitdem nicht wiederzuerkennen. Kein Monat vergeht ohne Aufmärsche rechter und linker Gruppen, getrennt von Hunderten Sicherheitskräften. Mehrere Straßen sind dann samstags stundenlang gesperrt, die Geschäfte bleiben leer, Hochzeiten werden abgesagt, ebenso Vereinsfeste und andere Veranstaltungen. "Die Stimmung ist aufgeheizt", sagen Bewohner. Dabei bräuchte der Ort dringend Ruhe zur Trauer und zur Aufarbeitung.

Seit der Tragödie ist Kandel im Streit um die deutsche Migrationspolitik eine Art Kristallisationspunkt geworden. Auch am Jahrestag der Bluttat gingen Teilnehmer eines "Trauermarschs" durch den Ort. Dazu hatte ein Bündnis aufgerufen, das in den vergangenen Monaten in Kandel wiederholt etwa gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung protestiert hatte.

Die evangelische Gemeinde hatte die Einwohner am Donnerstagnachmittag zum stillen Gedenken in der St. Georgskirche aufgerufen. Besucher konnten Kerzen entzünden und in der größten spätgotischen Kirche der Pfalz verharren. Wortbeiträge waren nicht vorgesehen. Am Jahrestag der Tragödie sollte die Kommune die Chance haben, zur Ruhe zu kommen, so Bürgermeister Poß.

Die wenigsten Demonstranten kommen aus Kandel

Mit "Merkel muss weg"-Rufen ziehen Demonstranten allmonatlich durch die Gemeinde. Sie würden um Mia trauern, argumentieren sie - doch die wenigsten stammen aus dem Ort. Viele seien zugereiste Anhänger der AfD, der Reichsbürger und der Identitären Bewegung, meinen Bürger der Kommune.

Einer der Wortführer der kritisierten Kundgebungen bestreitet das. "Ohne unsere Demonstrationen würde in Kandel niemand mehr über Mia sprechen", meint Marco Kurz vom Frauenbündnis Kandel.

Dauer

Widerstand gewachsen

Doch der Widerstand gegen die politische Instrumentalisierung ist im Ort gewachsen. In Kandel entstand das Bündnis "Wir sind Kandel". Es soll gegen die "Flut rechter Netzwerke, die unsere Stadt derzeit überziehen", wirken, wie die Gruppe per Facebook mitteilt. Sie sieht den Streit auch als Kampf um die Deutungshoheit über ihre Gemeinde und die Tat.

Am Todestag von Mia sei es für die Menschen hier wichtig, dass sie in Stille trauern und ihre Anteilnahme mit den Angehörigen ausdrücken können, so eine Sprecherin des Bündnisses. "Dieser Tag muss für die Eltern bleiben. Da ist kein Platz für eine Instrumentalisierung."

Drohungen gegen Bürgermeister

Die Hoffnung, dass nach dem Prozess gegen Abdul D. Ruhe in Kandel einkehrt, hat sich zerschlagen. Weiterhin werden Kundgebungen angekündigt. Bürgermeister Poß erhält seit der Tat massive anonyme Vorwürfe. Er habe mit seiner Integrationspolitik die Tat mit ermöglicht. "Schmähungen und Diffamierungen kann ich wegstecken. Aber Drohungen bringen einen zum Nachdenken", sagt er.

Mias Ex-Freund verurteilt

Rund acht Monate nach dem tödlichen Angriff verurteilte das Landgericht Landau Mias Ex-Freund Abdul D. zu acht Jahren und sechs Monaten Haft wegen Mordes und Körperverletzung. Seit einigen Tagen ist das Urteil rechtskräftig. Als Motiv für die Tat hatte die Staatsanwaltschaft Eifersucht und Rache angenommen. Sie ging davon aus, dass Abdul D. Mia bestrafen wollte, weil sie sich wenige Wochen vor der Tat von ihm getrennt hatte.

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