Das Landgericht Landau wird zur Verkündung des Urteils im Mordfall Mia von Polizisten bewacht (Foto: SWR, Christin Hartard)

Prozess um Bluttat von Kandel Urteil im Fall Mia: Achteinhalb Jahre Haft für Ex-Freund

Nach dem tödlichen Messerangriff auf die 15-jährige Mia in Kandel hat das Landgericht Landau den angeklagten Ex-Freund nach Jugendstrafrecht zu acht Jahren und sechs Monaten Haft wegen Mordes und Körperverletzung verurteilt.

Das teilte das Landgericht Landau am Montag mit. Die Staatsanwaltschaft und die Nebenkläger hatten eine Freiheitsstrafe von zehn Jahren gefordert, die Verteidigung sieben Jahre und sechs Monate wegen Totschlags.

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Der Anwalt des Angeklagten verzichtete nach der Urteilsverkündung auf Rechtsmittel. Er sagte dem SWR, sein Mandant habe das Urteil im Gerichtssaal gefasst aufgenommen und nehme es an. Die Staatsanwaltschaft prüft, ob sie in Revision gehen wird. Das Gesetz lässt dafür eine Woche Zeit.

Nach dem Jugendstrafrecht drohte dem Angeklagten eine maximale Freiheitsstrafe von zehn Jahren. Als über 18-jähriger Heranwachsender wäre für ihn auch eine Strafe von maximal 15 Jahren möglich gewesen.

Keine Details zur Urteilsbegründung

Das Jugendgerichtsgesetz verbietet es dem Landgericht, detaillierte Aussagen zur Urteilsbegründung zu veröffentlichen. Auch zur Frage, wo Abdul D. seine Strafe absitzen müsse. Nach SWR-Informationen wird er seine Haft in der Jugendstrafanstalt in Schifferstadt antreten. Er hatte nach Angaben seines Anwalts in der Vergangenheit beantragt, von dieser Strafanstalt, in der er bereits in Untersuchungshaft saß verlegt zu werden.

Zu einer möglichen Abschiebung könne der Gerichtssprecher nichts sagen. Für ihn sei die Nichtöffentlichkeit des Strafverfahrens nach dem Jugendstrafrecht "zwingend" gewesen.

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Prozess nach Jugendstrafrecht

Verurteilt wurde der Angeklagte nach Jugendstrafrecht, wie der Sprecher sagte. Das Landgericht Landau entschied sich dafür, im Zweifel für den Angeklagten den gesamten Prozess nach Jugendstrafrecht zu führen. Das Urteil wurde deshalb - wie zuvor die gesamte Verhandlung - unter Ausschluss der Öffentlichkeit gesprochen, da der Angeklagte Abdul D. laut Gutachten zur Tatzeit womöglich noch minderjährig war.

Rätsel um Alter des Angeklagten

Abdul D. war nach seiner Ankunft in Deutschland als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling aufgenommen und betreut worden. Der mutmaßlich aus Afghanistan stammende Abdul D. gab sein Alter zunächst mit 15 Jahren an. Nach der Tat kamen Zweifel auf, ob er tatsächlich so jung ist. Ein Gutachten im Auftrag der Staatsanwaltschaft kam zu dem Ergebnis, dass er zum Zeitpunkt der Tat mindestens 17 Jahre und sechs Monate alt war, wahrscheinlich aber schon 20 Jahre.

Tat kurz nach Weihnachten löste bundesweit Entsetzen aus

Die Tat kurz nach Weihnachten 2017 in einem Drogeriemarkt in Kandel hatte bundesweit für großes Entsetzen gesorgt. Der Fall fachte außerdem die Diskussion um die Altersfeststellung von jungen Flüchtlingen neu an. Rechtspopulistische Gruppen hatten den Fall zum Anlass genommen, um in Kandel immer wieder gegen die Asylpolitik der Bundesregierung zu protestieren.

Anwalt des Angeklagten im Mia-Prozess nimmt vor dem Landgericht Landau Stellung zum Urteil (Foto: picture-alliance / dpa, Andreas Arnold)
Anwalt des Angeklagten im Mia-Prozess nimmt vor dem Landgericht Landau Stellung zum Urteil Andreas Arnold

Staatsanwaltschaft ging von Eifersucht und Rache als Motiv aus

Als Motiv für die Tat hatte die Staatsanwaltschaft Eifersucht und Rache angenommen. Sie ging davon aus, dass Abdul D. Mia bestrafen wollte, weil sie sich wenige Wochen vor der Tat von ihm getrennt hatte. Zwölf Tage vor der Tat hatte Mia zudem Anzeige gegen ihren Ex-Freund erstattet, es ging um Beleidigung, Nötigung, Bedrohung und Verletzung persönlicher Rechte. Zwei Tage später folgte eine Anzeige ihres Vaters gegen den jungen Flüchtling.

Kandeler Bürgermeister rechnet mit weiteren Kundgebungen

Der Bürgermeister von Kandel (Kreis Germersheim), Volker Poß (SPD), rechnet auch nach dem Urteil mit weiteren Kundgebungen aus der rechten Szene in Kandel. Kandel komme nicht zur Ruhe, sagte Poß im Radioprogramm SWR Aktuell. "Die rechte Szene hatte angekündigt, nach wie vor kommen zu wollen und auch schon Termine für das nächste Jahr in Anspruch genommen."

Bürgermeister Volker Poß (Foto: SWR)
Der Kandeler Bürgermeister Volker Poß (SPD)

Auch am vergangenen Samstag habe eine Kundgebung stattgefunden, dabei seien, so Poß, etwa 250 Menschen durch die Straßen gezogen. Letztendlich sei es so, "dass man am Ende des Tages hier sitzt und Entscheidungen treffen muss und auch den ganzen Hass, die ganze Häme und die ganzen Diffamierungen für sich ganz persönlich erdulden muss", sagte Poß SWR Aktuell.

Dreyer hofft, dass Ruhe einkehrt

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) erhoffte sich stattdessen eine Beruhigung der aufgeheizten Lage in dem pfälzischen Ort. "Es ist natürlich die Hoffnung von uns allen, dass mehr Ruhe in Kandel einkehrt, wenn der Prozess beendet ist", sagte Dreyer.

Malu Dreyer (Foto: SWR)
Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD)

Es sei unerträglich, dass rechte Kreise diese Tat immer wieder instrumentalisierten und den Ort mit Demonstrationen auf den Kopf stellen würden. Seit der Tat war der Ort regelmäßig Schauplatz rechtspopulistischer Veranstaltungen und von Gegendemonstrationen.

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