Jubiläum Anwerbeabkommen mit der Türkei

60 Jahre "Gastarbeiter": Von der Türkei nach Germersheim in die Pfalz

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AUTOR/IN
Birgit Baltes

Vor 60 Jahren wurde das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei unterzeichnet. Auch Tayyure Dündar aus Bellheim (Kreis Germersheim) war nach Deutschland gezogen – aber das Ankommen sei ein steiniger Weg gewesen.

Tayyure Dündar lebt jetzt seit rund 40 Jahren in Deutschland und kann sich noch gut an die damalige Situation erinnern. Wie für viele Kinder in dieser Zeit hatte auch für Tayyure das Anwerbeabkommen 1961 dramatische Auswirkungen, denn ihr Vater zog zunächst aus einem kleinen landwirtschaftlich geprägten Dorf in Mittelanatolien allein nach Deutschland und vier Jahre später auch die Mutter. Sie und ihr kleiner Bruder blieben bei Verwandten in der Türkei zurück.

Mit 13 Jahren von der Türkei nach Deutschland

Erst 1980 kamen die Geschwister dann auch nach Deutschland, weil die Eltern infolge des Militärputschs um deren Leben fürchteten. Tayyure Dündar war damals 13 Jahre alt und voller Zorn, vor allem auf ihre Mutter.

"Ich konnte zu meiner Mama nicht Mama sagen. Mama war traurig. Ich habe gesagt: "Du bist nicht meine Mama. Meine Mama ist meine Oma. Sie hat auf uns aufgepasst. Wo warst Du?" Aber eigentlich war's Papas Schuld. Meine Mama hat immer gesagt: "Holen wir die Kinder, lassen wir sie bei uns aufwachsen." Aber mein Vater war autoritär und hat gesagt, die sollen in der Türkei aufwachsen.

Glücklicherweise habe es damals eine Vorbereitungsklasse für türkische Kinder ohne Deutschkenntnisse gegeben. Tayyure war ehrgeizig und lernte schnell.

"Ich habe gesagt, ich werde so gut Deutsch lernen, dass ich wie eine Deutsche schreiben und lesen kann. Alles möchte ich so erzählen können, dass ich von Niemandem abhängig bin."

Bald schon konnte Tayyure die Regelklasse besuchen und fand unter ihren Klassenkameradinnen neue Freundinnen. Schon nach zwei Jahren habe ihr Vater von ihr und dem Bruder verlangt, alle Briefe und amtliche Schreiben für ihn ins Türkische zu übersetzen.

Langenscheidt als Bettlektüre

"Er hat gesagt: "Da habt ihr den Langenscheidt!" – das war meine Bettlektüre sozusagen. Wenn dann Briefe kamen, habe ich mich hingesetzt, habe dieses Wörterbuch aufgemacht, hab die Bedeutung oben drübergeschrieben und hab ihm dann diesen Brief so vorgelesen, als ob er in Türkisch geschrieben wäre. Deshalb konnte ich in jüngerem Alter schon vieles übersetzen."

Ihr Vater habe immer gesagt, dass er zurück in die Türkei geht. Deshalb habe er auch keine Ehrgeiz gehabt, richtig Deutsch zu lernen. Das habe auch dazu geführt, dass er von seinem Arbeitgeber in fast 40 Jahren niemals eine Lohnerhöhung gefordert habe. Ganz anders die Mutter, die habe in der Wäscherei, in der sie arbeitete, auch ohne Deutschkenntnisse eine Lohnerhöhung eingefordert. Sie habe sich von den Arbeitskolleginnen aufschreiben lassen, was sie sagen muss.

"Und dann ist sie am nächsten Tag zu ihrer Chefin gegangen und hat gesagt "Chefin, vier Mark wenig, fünf Mark genug." So hat sie dann fünf Mark die Stunde bekommen."

Tayyure Dündar machte nach ihrer Mittleren Reife den Führerschein und eine Ausbildung als Arzthelferin. Ihren Abschluss machte sie mit der Note Eins. Mit 19 Jahren heiratete sie den Sohn einer befreundeten Familie ihres Vaters und zog nach Germersheim. Dort arbeitete sie sieben Jahre lang als Arzthelferin. Sie betreute Menschen aller Nationalitäten und schon bald wurde sie auf der Straße von vielen der Patienten gegrüßt.

"Nach einem Jahr in der Stadt war es dann: "Hallo Frau Dündar hier, hallo Frau Dündar da!" Und meine Schwiegereltern haben gesagt: "Du bist knapp ein Jahr da und jeder kennt Dich. Wie kommt das?""

Jugendtraum in Germersheim erfüllt

Mit 36 Jahren hat Tayyure Dündar zusätzlich eine vierjährige Ausbildung zur Erzieherin abgeschlossen und damit ihren Jugendtraum verwirklicht: Jetzt arbeitet sie mit Kindern in einer protestantischen Kindertagesstätte in Germersheim. Außerdem setzt sich die Mutter zweier erwachsender Söhne seit vielen Jahren als Vorsitzende eines Elternvereins für die Verständigung von Menschen aller Nationalitäten und Religionen in Germersheim ein.

Wie ihre Eltern in die Türkei zurückgehen will sie nicht. Zu verwoben sei sie mit der Pfalz: Die Kinder leben hier und sie ist Oma geworden.

"Mein Herz hängt hier. Mein Sohn und meine Schwiegertochter leben in Neustadt und ich glaube, dass würde mein Herz zerbrechen. Dann würde ich das machen, was meine Eltern auch gemacht haben. Dann wäre ich auch getrennt von meinen Liebsten und die schönste Zeit würde ich verpassen und das will ich einfach nicht.

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