Das Archivbild von 1921 zeigt das Oppauer Werk der BASF nach der Explosionskatastrophe. (Foto: dpa Bildfunk, picture-alliance / dpa)

100. Jahrestag der BASF-Explosion

BASF-Unglück von 1921: Knall bis nach München zu hören

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Heiko Wirtz

Der Knall der Explosion auf dem BASF-Werksgelände war bis München zu hören, in Frankfurt zerbarsten Fensterscheiben. Bei dem BASF-Unglück vor 100 Jahren am 21. September 1921 starben mehr als 500 Menschen. Wir blicken zurück.

Das Archivbild von 1921 zeigt das Oppauer Werk der BASF nach der Explosionskatastrophe. (Foto: dpa Bildfunk, picture-alliance / dpa)
Das Archivbild von 1921 zeigt das Oppauer Werk der BASF nach der Explosionskatastrophe. Am 21. September 1921 explodierte im Oppauer Werk der BASF ein Silo mit Ammonsulfatsalpeter. Bei dem Unglück starben 561 Menschen und 1.952 wurden verletzt. picture-alliance / dpa

Zwei gewaltige Explosionen auf dem BASF-Werksgelände erschütterten am 21. September 1921 die Stadt Ludwigshafen: Fast 500 Tonnen Düngemittel explodierten nacheinander - innerhalb von vier Sekunden. Sie hinterließen ein Trümmerfeld in der Stadt, 561 Menschen kamen damals ums Leben. Es war die größte Industriekatastrophe der Geschichte weltweit, die man bis dahin erlebt hatte.

In Ludwigshafen gedachten BASF und Stadtspitze zum 100. Jahrestag am 21. September gemeinsam der Opfer:

Ludwigshafen

100. Jahrestag in Ludwigshafen BASF-Chef: "Unglück von 1921 ist eine eindringliche Mahnung"

Der BASF-Vorstand und die Stadt Ludwigshafen haben am Dienstag der Opfer des BASF-Unglücks vor 100 Jahren gedacht. Bei zwei Explosionen wurde am 21. September 1921 der Stadtteil Oppau fast völlig zerstört, 561 Menschen starben.  mehr...

Am Vormittag SWR4 Rheinland-Pfalz

Knall war bis München zu hören

Das Unglück habe vor 100 Jahren nicht nur Ludwigshafen erschüttert, sagt Stefan Mörz, Leiter des Ludwigshafener Stadtarchivs. Bis München habe man den Knall gehört, in Frankfurt seien Fensterscheiben zerbrochen, in Heidelberg hätten die Straßenbahnen wegen herabstürzender Bauteile den Betrieb eingestellt

Stadtarchivar aus Ludwigshafen: Oppau fast völlig zerstört worden

Im Mannheimer Schloss zersplitterten Fensterscheiben und auch Kirchen und Wohnhäuser wurden beschädigt. Ludwigshafen trafen die Explosionen mit voller Wucht: "Oppau ist eigentlich fast völlig zerstört worden", sagt Mörz.

BASF Unglück 1921 in Ludwigshafen-Oppau (Foto: Stadtarchiv Ludwigshafen)
Nach der Explosionskatastrophe standen die Einwohner der Stadt unter Schock. Stadtarchiv Ludwigshafen Bild in Detailansicht öffnen
Am 21. September 1921 explodierte im Oppauer Werk der BASF ein Silo mit Düngemittel. Bei dem Unglück starben 561 Menschen und fast 2.000 wurden verletzt. picture-alliance / dpa Bild in Detailansicht öffnen
Die Wucht der Explosion war gewaltig und zerstörte zahlreiche Häuser in Ludwgshafen-Oppau. Stadtarchiv Ludwigshafen Bild in Detailansicht öffnen
Viele Familien mussten nicht nur Tote beklagen, sondern wurden obdachlos. Stadtarchiv Ludwigshafen Bild in Detailansicht öffnen
Ein zerstörtes Wohnhaus in der Blumenstraße, der heutigen Heinrich-Caro-Straße in Ludwigshafen Stadtarchiv Ludwigshafen Bild in Detailansicht öffnen
Ruinen des BASF-Werks Ludwigshafen-Oppau: Die Explosion 1921 riss einen riesigen Krater ins Erdreich. picture alliance / arkivi Bild in Detailansicht öffnen
Tausende Menschen beim Trauerzug nach dem Unglück Stadtarchiv Ludwigshafen Bild in Detailansicht öffnen
Ein Bericht in der Werkzeitung der BASF Stadtarchiv Ludwigshafen Bild in Detailansicht öffnen
Helfer auf dem BASF-Werksgelände Stadtarchiv Ludwigshafen Bild in Detailansicht öffnen
Der Knall der Explosion war bis nach München zu hören - 360 Kilometer entfernt. Stadtarchiv Ludwigshafen Bild in Detailansicht öffnen
Der Stadtteil Oppau wird wieder neu aufgebaut. Stadtarchiv Ludwigshafen Bild in Detailansicht öffnen

Enkelin von Unglücksopfer erinnert sich

Für Dorothea Wertheimer aus Kaiserslautern ist die Katastrophe noch greifbar. Immer um den 21. September herum besucht die 70-Jährige das Grab ihrer Großmutter am Friedhof in Ludwigshafen-Oppau. Sie starb damals als 42-Jährige bei dem Unglück. Mit dem Tod der Großmutter wurde die Mutter von Dorothea Wertheimer als 12-jähriges Mädchen zur Halbwaise. "Ich habe meiner Mutter versprochen, wenn sie mal nicht mehr lebt, dass ich das als Ritual weiter pflege", sagt Dorothea Wertheimer. Ihre Mutter starb 2006.

Erinnerung an das BASF-Unglück 1921 (Foto: SWR)

Riesiger Krater nach zweiter Explosion

Die Großmutter von Dorothea Wertheimer war nicht auf dem Werksgelände als es knallte, erzählt Dorothea Wertheimer: "Sie war unterwegs in der Nachbarschaft und wurde von einer schweren Eichentür erschlagen." Die gewaltige Explosion riss einen riesigen Krater in das noch junge Oppauer BASF-Werk.

Verschwörungstheorien nach BASF-Explosion 1921

Zur Unglücksursache gab es damals viele Spekulationen, sagt Stadtarchivar Mörz. Erst drei Jahre waren seit dem Ersten Weltkrieg vergangen: "In der Presse der ehemaligen Alliierten hat man sofort Verschwörungstheorien breitgetreten: Deutschland rüstet wieder auf und da seien geheime Waffen in die Luft geflogen."

"In der Presse der ehemaligen Alliierten hat man sofort Verschwörungstheorien breitgetreten."

BASF-Historikerin beschäftigt sich mit Unglück

Auch bei der BASF beschäftigt man sich noch heute mit dem Unglück. Isabella Blank-Elsbree ist Unternehmenshistorikerin bei der BASF. "Am Anfang wurde wild spekuliert, es sei ein Gaskompressor in die Luft geflogen oder ein Benzinkessel", sagt sie. "Und es gab auch Spekulationen, es könnte unerlaubter Weise im Werk in Oppau Giftgas hergestellt worden sein."

"Lockerungssprengungen" in Düngemittel-Silo lösten BASF-Explosion aus

Ursache der verheerenden Explosion bei der BASF waren allerdings sogenannte Lockerungssprengungen in dem Silo, in dem Düngemittel gelagert wurde. Das erinnert stark an die gewaltige Explosion im Hafen von Beirut 2020.

Bei beiden Unglücken spielt der Stoff Ammoniumnitrat eine wichtige Rolle. Er ist Hauptbestandteil vieler Düngemittel, der aber auch für die Herstellung von Sprengstoffen verwendet werden kann.

Explosions-Ursache war neues Trocknungsverfahren

Düngemittel mit Sprengstoff lockern - heute fasst man sich an den Kopf. BASF-Historikerin Isabella Blank-Elsbree sagt, das sei damals ein übliches und vielfach erprobtes Verfahren gewesen, das im BASF-Werk zuvor bei rund 20.000 Sprengungen gut gegangen war. Aber eben nicht an diesem Morgen. Warum? "Das Düngemittel Ammonsulfatsalpeter besteht aus zwei Komponenten: Ammoniumsulfat, was ungefährlich ist und Ammoniumnitrat was explosionsfähig ist. Offenbar war zu viel Ammoniumnitrat beigemischt - das führte zur Explosion."

Das sagt auch der Experte Tor Erik Kristensen aus Norwegen:

Wer war schuld an der Explosionskatastrophe bei der BASF in Oppau?

Zunächst wurde der damalige Sprengmeister der BASF verdächtigt, erzählt Blank-Elsbree. "Ihm wurde unter anderem nachgesagt, er hätte seinen eigenen Sprengstoff verwendet und nicht den Sicherheits-Sprengstoff, den man sonst vorher benutzt hatte. Diese Gerüchte haben sich als völlig unhaltbar erwiesen."

1.000 Gebäude in Oppau wurden neu gebaut

Alleine in Oppau mussten mehr als 1.000 Gebäude neu gebaut werden. Die Explosion beschädigte sogar Häuser in der Pfalz - 10.000 weitere Bauschäden wurden allein dort registriert. Was die BASF an die Opfer der Explosion für die Entschädigung bezahlt hat - dazu fehlen die Quellen. "Sie musste dem Werk wirklich aus den Rippen geleiert werden", sagt Archivar Mörz. "Die BASF kommt 1921  in keiner Weise besonders großzügig oder menschenfreundlich rüber, das muss man sagen."

Warum übernahm BASF keine Verantwortung für Unglück?

Stimmt, sagt Blank-Elsbree. "Man kann aus heutiger Sicht kritisieren, dass BASF die Schuld für dieses Unglück von sich gewiesen hat." Dafür gebe es eine Erklärung. "Das lässt sich so erklären, dass weder das Strafverfahren noch die wissenschaftlichen Untersuchungen ein Verschulden des Unternehmens feststellen konnten. Das hat man dann zum Anlass genommen, um zu sagen: Wir können keine rechtliche Verantwortung übernehmen für dieses Unglück."

Industrieanlagen des Chemiekonzerns BASF stehen am Rheinufer auf dem Werksgelände. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Uwe Anspach)
Die BASF in Ludwigshafen picture alliance/dpa | Uwe Anspach

Grünstreifen schützt Oppau nach dem Unglück

Vor der Katastrophe von 1921 grenzte Oppau direkt an das Werksgelände. Beim Wiederaufbau entstand ein Grünstreifen – als eine Art Sicherheitszone für mögliche weitere Unglücke. Und die Sicherheitszone wurde nicht umsonst eingerichtet, denn es folgten weitere verheerende Unglücke in der größten Chemiefabrik der Welt. Am 28. Juli 1948 flog ein Kesselwagen in die Luft. 207 Menschen sterben und über 3.800 werden verletzt. Erst fünf Jahre zuvor - am 29. Juli 1943 - war ebenfalls ein Kesselwagen in der prallen Mittagssonne explodiert. Die Bilanz: 64 Tote und über 500 Verletzte. Die Nazis verschwiegen den Unfall mit dem Kesselwagen voller Butadien, weil es sich um ein kriegswichtiges Produkt zur Herstellung von synthetischem Kautschuk handelte, erläutert die BASF-Historikerin.

Schicksalsgemeinschaft zwischen Stadt und BASF-Werk?

Die großen Explosionen bei der BASF haben sich in das kollektive Gedächtnis der Menschen in und um Ludwigshafen eingebrannt, sagt Stadtarchivar Mörz. "Das Bewusstsein, wie gefährlich das ist, und dass man jetzt dreimal - völlig unabhängig vom Krieg – einer solchen Katastrophe ausgesetzt war, das hatte so was: Das ist die unentrinnbare Schicksalsgemeinschaft zwischen Stadt und Werk: Also wir können dem nicht entkommen."

Erneutes Unglück im Oktober 2016 im Norden des BASF-Werks

Im Oktober 2016 geschieht erneut ein schweres Unglück auf dem BASF-Werksgelände. Ein Arbeiter hat ein falsche Rohrleitung angeflext - fünf Menschen sterben, mehr als 40 werden verletzt.

Löschtrupps am Landeshafen Nord - Das BASF-Unglück 2016 (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Der Unglücksort war der Landeshafen Nord bei der BASF Picture Alliance

Hier unsere Multimedia-Reportage zum Unglück 2016:

Ludwigshafen

Unglück von 2016 Tödliche Gasexplosion bei der BASF

Am 17. Oktober 2016 erschütterte eine gewaltige Explosion das BASF-Gelände. Infolge des Unglücks starben vier Feuerwehrleute und ein polnischer Matrose. Ein Rückblick in Bildern.  mehr...

Mulmiges Gefühl bleibt

Dorothea Wertheimer hat immer ein mulmiges Gefühl, wenn sie auf dem Weg zum Friedhof an der BASF vorbeifährt: "Dann sieht man diese Anlagen und das hat nichts Beruhigendes – das hat dann immer was Bedrohliches."

Und so geht es wohl vielen Menschen rund um die BASF in Ludwigshafen: Der große Knall ist auch 100 Jahre später nicht ganz verhallt.

Ludwigshafen

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Heiko Wirtz