Menschen stehen in einer Schlange vor einem Fahrradgeschäft (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Andreas Arnold)

"Von 123 vorgeorderten Fahrrädern haben wir 23 bekommen"

Sehr viel Geduld beim Fahrradkauf nötig

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Rafaela Rübsamen
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Christian Giese-Kessler
Portraitfoto von Reporter Christian Giese-Kessler aus dem SWR-Studio Koblenz in Rheinland-Pfalz.  (Foto: SWR)

Die ersten Vorboten des Sommers haben in den vergangenen Tagen viele Menschen nach draußen gelockt, oft auf dem Fahrrad. Doch wer jetzt noch eins zu Beginn der Saison kaufen will, hat schlechte Karten.

Wer in den kleinen Laden von Michael Bachmann in Koblenz kommt, der sieht links und rechts aufgereiht nagelneue Fahrräder, die auf Besitzer warten. Doch der Schein trügt, denn auch im dritten Jahr der Corona-Pandemie haben die Hersteller und Verkäufer von Fahrrädern unter massiven Lieferengpässen zu leiden.

"Wir haben 123 Fahrräder vorgeordert, die schon hier sein sollten. 23 haben wir bekommen", sagt Bachmann. Die Hersteller begründen dies damit, dass "in China mal wieder der oder der Hafen wegen Corona geschlossen wurde", so Bachmann. Der größte Hersteller in Deutschland habe mehrere tausend Räder, bei denen die Reifen und Gepäckträger fehlen würden und daher nicht fertiggestellt werden können.

Michael Bachmann steht hinter einem Fahrrad und repariert dieses (Foto: SWR)
Michael Bachmann versucht die Verluste beim Fahrradverkauf durch die Werkstatt aufzufangen.

Kaum noch Zubehör aus deutscher Produktion

Schuld an dem Mangel sieht Bachmann jedoch nicht bei den Produzenten von Fahrrädern. Die meisten Teile, die aktuell verbaut werden, seien vor der Corona-Pandemie bei den Herstellern geordert worden. Daher sei es aus seiner Sicht auch nicht möglich, dass die Produktion kurzfristig hochgefahren wird, um den steigenden Bedarf zu decken. "Es hängt maßgeblich von den Herstellern in Asien ab", wie schnell das Zubehör bei den Fahrrad-Produzierenden ankomme. Vor der Wende habe es in Westdeutschland mehr als 100 Hersteller von Fahrrad-Zubehör gegeben, nun seien es noch "15 oder 16", so Bachmann.

"Teilweise bekommen wir Bestellbestätigungen ohne Liefertermin und freuen uns dann, wenn sie nach drei oder sechs Monaten bei uns ankommen."

Auch Fahrrad-Hersteller leiden unter unterbrochenen Lieferketten

Doch nicht nur die Verkäufer und Verkäuferinnen von Fahrrädern leiden unter den Lieferengpässen, sondern auch die Hersteller von Fahrrädern. In der Fahrradfabrik von Jan Schauff in Remagen werden allerlei Arten von Fahrrädern hergestellt. Auch er könne nicht mehr machen, als auf Lieferungen zu warten. "Teilweise bekommen wir Bestellbestätigungen ohne Liefertermin und freuen uns dann, wenn sie nach drei oder sechs Monaten bei uns ankommen", so Schauff. Auf einige Teile hätten sie aber auch "deutlich länger als ein Jahr" gewartet.

Jan Schauff steht am Computer-Terminal in seiner Fahrradfabrik (Foto: SWR)
Jan Schauff leidet als Hersteller von Fahrrädern auch unter den Lieferschwierigkeiten.

Dabei seien nicht ausschließlich die Lieferketten aus Asien das Problem. Auch die Rohrhersteller hätten so gute Auftragslagen, dass sie teilweise keine Zeit hätten und "Spezialaufgaben ablehnen". Einige Fahrrad-Produzenten würden zwar versuchen, die Lieferketten zu verkürzen, dies sei aber nicht so leicht. Sie würden dann beispielsweise Produkte von unbekannten Herstellern kaufen, weil diese verfügbar seien. "Doch auch dann ist man abhängig, dass Reifen und Schaltung geliefert werden", so Schauff.

Umsatz-Einbußen durch Reparaturen auffangen

Im Fahrradladen von Michael Bachmann ist der Umsatz nach eigenen Angaben um 40 Prozent eingebrochen. Er versucht, es mit Reparaturen und Ersatzteilverkauf etwas aufzufangen. In seiner an das Geschäft angeschlossenen Werkstatt hätten sie aktuell im Monat 250 bis 300 Räder in der Reparatur. Das Spektrum reiche dabei von einem Schlauchwechsel bis zu großen Maßnahmen, für die er die Ersatzteile teilweise selbst anfertigt.

"Die Zahl der Menschen, die ihre Räder aus dem Keller holen und zur Reparatur bringen und bereit sind dafür zu zahlen, ist sehr hoch."

"Die Zahl der Menschen, die ihre Räder aus dem Keller holen und zur Reparatur bringen und bereit sind dafür zu zahlen, ist sehr hoch." Die Fahrräder, die ihm gebracht werden, seien "teilweise museumsreif". Dass der Trend zum Fahrradfahren nachlässt, daran glaubt Bachmann nicht. Die Menschen würden sich bewegen wollen und hätten schon in den vergangenen fünf bis sechs Jahren das Fahrrad für sich entdeckt. Daher wird er auch weiterhin alle Kellerfunde herrichten, damit die Menschen auf zwei Rädern unterwegs sein können, auch wenn es kein neues Fahrrad dafür gibt.

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