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Erinnerungskultur als Mittel gegen Hass und Menschenfeindlichkeit in der Gegenwart und der Zukunft - mit diesem Thema hat sich eine Online-Tagung des Landtags Rheinland-Pfalz befasst.

Erinnern ist immer subjektiv, aber kollektive Erinnerung ist wichtig für Demokratie und Frieden - beide Seiten hat am Mittwoch eine Online-Konferenz des Landtags Rheinland-Pfalz über das Völkermord-Gedenken in Deutschland, Israel und Rheinland-Pfalz betrachtet. Unter dem Motto "Erinnerungskultur: Debatten, Formen, Zukunft und warum sie wichtig ist" kamen 270 Teilnehmer zusammen.

Zu Beginn des Austauschs rief Landtagspräsident Hendrik Hering (SPD) dazu auf: "Wir müssen die Mechanismen des Verschweigens und Vertuschens durchbrechen."

Lewentz weist auf Übergriffe bei jüngsten Demonstrationen hin

Innenminister Roger Lewentz (SPD) sagte, in einer Zeit von zunehmendem Antisemitismus, Rechtsextremismus, Menschenfeindlichkeit und Rassismus sei es besonders wichtig, aktiv daran zu erinnern, wozu Hass in der Vergangenheit geführt habe. Es sei entsetzlich, dass bei den jüngsten Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen Teilnehmer mit einem Davidstern erschienen seien.

"Neben dem Genozid planten sie auch den Memozid, den Gedächtnismord."

Noa Mkayton von der Gedenkstätte Yad Vashem

Der israelische Botschafter in Deutschland, Jeremy Nissim Issacharoff, sagte, Antisemitismus bedrohe jede demokratische Gesellschaft. Sein ruandischer Kollege Igor César erinnerte an den Völkermord in Ruanda im Jahr 1994 und sprach sich dafür aus, frühzeitig auf Risikofaktoren wie Vorurteile hinzuweisen, die zu gewaltsamer Konfliktaustragung führen könnten.

Auf die Frage nach der für immer bleibenden Bedeutung von Erinnerungskultur gab Noa Mkayton von der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem die Antwort mit Blick auf die NS-Verbrechen: "Neben dem Genozid planten sie auch den Memozid, den Gedächtnismord."

Hubig für neue Formate des Gedenkens

Dem Eindruck, dass das Holocaust-Gedenken zu einer Pflichtübung elitärer Kreise geworden sei, widersprach Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD): Schülerinnen und Schüler seien nach einem Gespräch mit Zeitzeugen des Massenmords an den Juden zutiefst berührt.

Sie sprach sich dafür aus, neue Formate des Gedenkens zu entwickeln. Erinnerungsarbeit müsse über Buchwissen hinausgehen und in lebensnahen Projekten gestaltet werden. In den Schulen gebe es dafür bereits viele Ansätze und Formate wie Gespräche mit Zeitzeugen und die Beschäftigung mit Stolpersteinen zur Erinnerung an Opfer vor Ort.

Damit sich solche Gewalt nie wiederhole

Jede Generation enwickle ihre eigene kollektive Erinnerung, und diese könne auch politisch instrumentalisiert werden, gab der der israelische Historiker Moshe Zimmermann zu bedenken. So hätten Palästinenser und Araber in Israel ein Problem mit der Geschichte der Shoa, des Massenmords an den Juden, und sie stellten aufgrund eigener Erfahrungen im Staat Israel die Frage: "Wieso sind wir die Opfer der Opfer der Shoa?"

In einem bewegenden Vortrag zum Völkermord von 1994 in Ruanda zeigte die in Düsseldorf lebende ruandische Soziologin Esther Mujawayo-Keiner Fotos von Opfern in ihrer eigenen Familie. "Das sind keine Zahlen, es sind Menschen." Auch seien die Täter keine Verrückten, keine Barbaren gewesen. Das Erinnern habe die Aufgabe, frühzeitig darauf zu achten, dass sich solche Gewalt nie wiederholen dürfe.

Lewentz würdigte es als beispielhaft, dass in Ruanda gleich nach dem Völkermord an Angehörigen der ethnischen Gruppe der Tutsi in jedem Dorf damit begonnen worden sei zu fragen: Was ist passiert, wer sind die Verantwortlichen, wie finden wir einen Weg zur Aussöhnung? Hingegen habe es in Deutschland nach 1945 Jahrzehnte gedauert, bis in der breiten Öffentlichkeit über den Holocaust gesprochen worden sei.

Täter waren "ganz normale Menschen"

Übereinstimmend machten der Realschullehrer Christof Pies und ruandische Tagungsteilnehmer deutlich, dass die Täter "ganz normale Menschen" gewesen seien, "treu sorgende Familienväter, denen man diese monströsen Verbrechen nie zugetraut hätte". Es sei ein langwieriger Prozess, sagte die französisch-ruandische Autorin Assumpta Mugiraneza, "all das aufzuarbeiten, was zum Tode geführt hat". Am Schluss bleibe die Einsicht: "Nichts kann mehr so sein wie früher."

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