STAND

Bei der Aufklärung von Fällen sexueller Gewalt von Klerikern, Kirchenmitarbeitern und Laien setzt die Bistumsleitung auf Transparenz. Eine Verschleierung wie früher soll es nicht mehr geben. "Wegsehen hilft nicht", sagt Bischof Kohlgraf.

Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf will aus der laufenden Studie zu Fällen von sexueller Gewalt im Bistum die "notwendigen Lehren ziehen, um eine noch wirksamere Prävention umzusetzen".

Mit Blick auf die Anfang Oktober bekannt gewordenen Zwischenergebnisse der Untersuchung sagte Kohlgraf: "Wir können eigentlich nur um Vertrauen werben, indem wir uns dem Thema Missbrauch und vielen anderen schwierigen Themen stellen. Das Wegsehen hilft nicht und das Vertuschen ist katastrophal."

Unabhängige Aufarbeitungskommission

Die bislang vorliegenden Erkenntnisse weisen darauf hin, dass das Ausmaß sexueller Gewalt im Mainzer Bistum weitaus größer ist als bislang gedacht. Nach persönlichen Kontakten und intensiver Aktenprüfung ging der mit der Untersuchung beauftragte Rechtsanwalt Ulrich Weber zu diesem Zeitpunkt von 273 Beschuldigten und 422 Betroffenen aus. Der Abschlussbericht der Untersuchung, die die Zeit von 1945 bis 2019 umfasst, soll voraussichtlich 2022 vorgelegt werden.

Kohlgraf wies darauf hin, dass neben dieser Untersuchung unter dem Titel "Erfahren - Verstehen - Vorsorgen (EVV)" eine unabhängige Aufarbeitungskommission im Bistum damit beschäftigt sei, sich "den Themen der Vergangenheit und auch den Themen der Gegenwart zu stellen".

Diesmal nicht nur Gewalt an Minderjährigen untersucht

Der Bischof kündigte an: "Wir konkretisieren die Beteiligung von Betroffenen an der Aufarbeitung." Während sich die sogenannte MHG-Studie aus dem Jahr 2018 vorrangig auf Kleriker und deren Gewalt gegenüber Minderjährigen beschränkt hatte, ist die aktuelle EVV-Studie weiter gefasst und bezieht sexualisierte Gewalt, sonstige sexuelle Übergriffe und Grenzverletzungen auch gegen erwachsene Männer und Frauen ein.

Bei den Beschuldigten handelt es sich nicht nur um Kleriker, sondern auch um Laien, kirchliche Angestellte oder Gruppenleiter. Nach den bislang vorliegenden Ergebnissen war eine häufige Reaktion auf Missbrauchsfälle einzig die Versetzung von Beschuldigten in eine andere Pfarrei. Selbst schwere Missbrauchsfälle hätten lediglich zu geringen Sanktionen seitens der Bistumsleitung geführt.

Systematischen Verschleierung festgestellt

Bei einem Bistumswechsel habe es vielfach keine Informationen über Vorfälle gegeben. Schweigegebote gegenüber Opfern, Meldern und Beschuldigten sowie "gezielte Aktenführung" hätten zu einer systematischen Verschleierung beigetragen. Der Anwalt nannte in diesem Zusammenhang namentlich Kohlgrafs Vorgänger, die beiden Kardinäle Hermann Volk und Karl Lehmann, was viele Gemeindemitglieder im Bistum aufhorchen ließ.

"Nach den Erkenntnissen der MHG-Studie hätte es mich gewundert, wenn es in der Amtszeit meiner beiden Vorgänger nicht auch Fehlverhalten gegeben hätte", sagte Kohlgraf, der 2017 die Führung des Bistums übernommen hatte. Die Reaktionen in den Kirchengemeinden darauf seien "größtenteils interessiert und positiv" gewesen, sagte Kohlgraf.

Kohlgraf: "Möglichkeit für die Zukunft zu lernen"

"Aber es gab natürlich auch Stimmen, die uns vorwerfen, wir würden jetzt ganz unhistorisch das Lebenswerk großer Persönlichkeiten ankratzen." Doch das sei nicht das Thema, betonte Kohlgraf. "Vielmehr geht es darum, den Betroffenen die Möglichkeit zu geben zu erfahren, wer wie in ihrem Fall gehandelt hat. Und es geht auch darum, für die Zukunft zu lernen. Genaueres werden wir nach der Veröffentlichung des Abschlussberichts wissen."

Mainz

Kirche in der Corona-Krise Mainzer Bischof verteidigt Weihnachtsgottesdienste

Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf hat die Menschen dazu aufgerufen, in der Corona-Krise Verantwortung zu übernehmen und "persönliche Bedürfnisse auch hinten anzustellen". Gottesdienste hält er dennoch für unverzichtbar.  mehr...

STAND
AUTOR/IN