Expertinnen debattieren bei einer Podiumsddiskussion im Rahmen der "Zukunftstage" für Journalistinnen und Journalisten im Ahrtal.

Podiumsdiskussion und Workshop im Ahrtal

Ahrflut: Muss Journalismus anders über Krisen berichten?

Stand
Autor/in
Jeanette Schindler

Welche Rolle haben Journalismus und Medien bei der Bewältigung von gesellschaftlichen Krisen, wie der Flutkatastrophe im Ahrtal? Mit dieser Frage beschäftigte sich eine dreitägige SWR-Veranstaltung mit dem Recherchezentrum Correctiv und dem Bonn Institute.

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134 Tote, ganze Ortschaften zerstört, tausende Menschen obdachlos. Viele Berichte über die Flutkatastrophe im Ahrtal handelten davon, was die Menschen durchgemacht haben. Der SWR hat auch berichtet, was alles schief gegangen ist beim Wiederaufbau. Darum ging es bei einer Podiumsdiskussion zum Abschluss der dreitägigen Veranstaltung am Dienstagabend: Haben sich Journalistinnen und Journalisten in ihren Berichten, Reportagen und Interviews zu sehr auf die negativen Geschichten konzentriert?

Auf dem Podium diskutierten Landrätin Cornelia Weigand (parteilos), Fluthelferin Missy Motown, Trauma-Therapeutin Katharina Scharping, Ellen Heinrichs, Gründerin des Bonn Institute für konstruktiven Journalismus und SWR-Ressortleiterin Monica Mellino.

Plädoyer für differenzierteren Journalismus

40 Prozent der Erwachsenen würden Nachrichten vermeiden, sagte Ellen Heinrichs, weil sie die negativen Informationen nicht mehr ertragen würden. Im Ahrtal gebe es viele Menschen, die trauern, weil sie Menschen verloren hätten und es gebe Menschen, die in der Sonne säßen und froh seien, dass sie überlebt hätten. Journalisten müssten sich angewöhnen "und" zu sagen. "Wir müssen uns überlegen, was ist der Mehrwert im Journalismus in diesem Meer von Informationen da draußen." Sie plädiert für einen konstruktiveren Journalismus, der neben der kritischen Berichterstattung auch nicht die positiven Informationen vergisst, die Menschen Mut machen.

Und wie könnte eine Herangehensweise im konstruktiven Journalismus aussehen? Journalisten müssten sich mehr "in den Dienst der Menschen stellen und sich zu fragen: Was brauchen die denn von uns und nicht, was möchte ich denen geben?", fasst Heinrichs es zusammen. "Eine Geschichte aus mehreren Perspektiven erzählen und aufzeigen, was positiv ist und wo Menschen gemeinsam etwas Gutes machen."

SWR-Berichterstattung nach der Ahr-Flut

Informationen, die den Menschen helfen - Landrätin Cornelia Weigand hat ein Beispiel aus den ersten Wochen nach der Flutkatastrophe im Ahrtal dafür: "Es kam ein Gerücht auf, dass Menschen aus der Ahr getrunken hätten", erzählt sie. "Es gab den kurzen Draht in den SWR mit dem Aufruf: Bitte trinkt nicht das Wasser aus der Ahr, das ist ungesund. Das wurde ganz schnell geteilt und alle waren informiert." Sie habe aber auch erlebt, dass einseitig berichtet wurde und in der Berichterstattung des SWR nicht beide Konfliktparteien zu Wort gekommen seien.

Evolutionsgeschichtlich ist der Mensch so angelegt, dass er auf schlechte Nachrichten interessierter reagiert als auf gute. In der Menschheitsgeschichte war das überlebenswichtig, um sich für Gefahren zu wappnen, bestätigt auch die Trauma-Therapeutin Katharina Scharping. Und dennoch kann ein Übermaß an schlechten Nachrichten einen auch in eine Spirale der Angst und Abwehr treiben. "Nachrichten ganz vermeiden ist nicht gut, aber das Doomscrolling auch nicht. Die Dosis machte es."

Kritik an SWR-Recherche im Ahrtal

Wie verfolgen Journalisten eigentlich eine Geschichte oder einen Hinweis? Eine Lokalpolitikerin der Grünen im Publikum der Podiumsdiskussion erzählt, dass sie manche SWR-Anfragen irritiert hätten. Beispielsweise die Anfrage, ob sich Menschen im Ahrtal von der Landesregierung im Stich gelassen fühlten. "Dass ich da Freunde zusammentrommeln sollte, die in das gleiche Horn blasen. Das hat mich sehr gestört." Auch Fluthelferin Missi Motown berichtet über ähnliche Anfragen von Journalisten. Alle auf dem Podium sind sich einig, dass das kein guter Journalismus ist.

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Online-Journalismus stellt besondere Herausforderungen

Thema ist aber auch die klickgetriebene digitale Welt, in der Medienberichte mit möglichst reißerischem Titel und Emotionen mit besonders vielen Lesern belohnt werden. Auch für den SWR sei eine gewisse Reichweite ein Wert, musste Ressortleiterin Monica Melino zugeben, sonst mache der öffentlich-rechtliche Rundfunk sich überflüssig. "Auch wir schauen auf die Überschriften, aber sicher nicht so wie die Bild-Zeitung. Wir arbeiten aber daran, unsere Zielgruppen ganz spezifisch anzusprechen und sie so zu erreichen."

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"Die Algorithmen der Suchmaschinen führen leider dazu, dass Hass, negative Nachrichten nach oben gespült werden", sagt Heinrichs. Aber Erfahrungen hätten auch gezeigt, dass konstruktive Beispiele, die nicht nur ein Problem, sondern auch einen Lösungsvorschlag präsentierten, auch konstruktivere Kommentare hervorriefen, sagt sie.

Kritik am konstruktiven Journalismus

Eine Journalistin aus dem Publikum reagierte empört, welches Bild hier von Journalismus und Medien gezeigt werde. Die "verfassungsgemäße Rolle von Medien" sei, Kritik- und Kontrollinstanz des Staates zu sein. Es sei ihre ureigenste Aufgabe, kritische Fragen zu stellen und Missstände aufzudecken. "Unsere Rolle ist es nicht, Leute zu loben und positiv beeinflussend durch die Gegend zu rennen."

Und was wünschen sich die Teilnehmer der Podiumsdiskussion von einem Journalismus der Zukunft?

Journalistinnen und Journalisten, die genug Zeit haben für gute Recherche, die empathisch auf Menschen zugehen. Investigative Recherchen, bei der beide Seiten angehört werden. Komplexe Themen sollten nicht in gut und schlecht dargestellt, sondern verschiedene Perspektiven abgebildet werden.

50 Journalisten und drei Tage Workshops im Ahrtal

Wissen sammeln, zuhören, verschiedene Perspektiven einnehmen - dafür haben sich 50 Journalistinnen und Journalisten aus Deutschland die vergangenen Tage viel Zeit genommen und verschiedene Orte im Ahrtal besucht. Bei den Exkursionen wurden zentrale Fragen nach der Flutkatastrophe aufgegriffen und anhand von konkreten Lösungsansätzen diskutiert. Wie kann klimaangepasstes Bauen so umgesetzt werden, dass eine Region ihren Charme behält? Und was kann die Bauwirtschaft aus der Katastrophe lernen?

Letztlich ging es stets um die Frage, wie Journalismus bei der Bewältigung von Krisen unterstützen kann. Einer der Zuschauer bei der Podiumsdiskussion brachte es auf den Punkt. Er sagte, diese Art der Aufarbeitung könne vielleicht ein progressive Speerspitze für junge Journalisten sein.

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