STAND
AUTOR/IN

Wirbel um menschliche Wirbelsäulen in Blumentöpfen: Geschmackloser Humor in der Landesarchäologie Koblenz. Nun eskaliert ein Streit, nicht wegen der Wirbel, sondern wegen des Bildes eines völkischen Malers.

Eigentlich ist die Landesarchäologie Koblenz kein Schauplatz großer Skandale, sondern steht eher für sensationelle Funde, wie zum Beispiel mittelalterliche Goldmünzen, Tonscherben oder keltische Schädel, die große Geschichte erzählen können. Eigentlich.

Denn Mitarbeiter berichten von seltsamen "Wirbelsäulen-Töpfen" in den Diensträumen. Recherchen des SWR belegen: Ein Gebinde von je vier Wirbelsäulen steckt in mehreren Blumentöpfen. Die Wirbel sind menschliche Überreste.

Exklusive Bilder der "Pflanzentöpfe"

Dem SWR liegen exklusiv mehrere Bilder von den Installationen vor. Die Fotos wurden in zwei verschiedenen Büroräumen aufgenommen. In dem einen Büro hängt ein großes Holzkreuz an der Wand. Im Vordergrund ist ein Blumentopf mit einer Pflanze zu erkennen.

Tatsächlich besteht die vermeintliche Pflanze aus einzelnen Knochenwirbeln die auf einem Stock aufgesteckt sind. Sie sind zu einer Art Gebinde von vier "Wirbelsäulen-Pflanzen" arrangiert - verziert mit grüner Pflanzendekoration. Auffällig: eine Wirbelsäulen-Pflanze ist im Verhältnis zu den anderen deutlich kleiner, könnte von einem Kind stammen. Das Ministerium bestätig: "Diese Knochen stammen von einem jungen Menschen."

Menschliche Wirbelsäulen in einem Blumentopf (Foto: SWR)
In der Landesarchäologie in Koblenz standen menschliche Wirbel als "Pflanzen" drapiert in Töpfen auf den Schreibtischen von Mitarbeitern. Bild in Detailansicht öffnen
Eine ehemalige Mitarbeiterin soll die Knochen in den Töpfen arrangiert haben. Bild in Detailansicht öffnen
"Die größere Installation wurde bereits vor längerer Zeit wieder zurückgebaut, die kleinere wird aktuell zurückgebaut", teilte das Ministerium dem SWR mit. Bild in Detailansicht öffnen

Die Knochen ordnet das Ministerium dem Früh- und Hochmittelalter zu. Weitere Fotos zeigen ein anderes Büro. Im Hintergrund, zwischen schwarzem Brett, Drucker und einem Computerbildschirm - auf den ersten Blick kaum zu erkennen, steht eine weitere Wirbelsäulen-Pflanze. Sie gleicht in der Bauweise der Anderen.

In einem Blumentopf steckt ein Gebinde von vier Wirbelsäulen-Installationen, aber diese ist ohne Pflanzendekoration. Am schwarzen Brett hängt das Wappen von Rheinland-Pfalz. Daneben ein Schild mit der Aufschrift: "Archäologische Denkmalpflege Amt Koblenz".

"Unglückliche Idee" einer ehemaligen Mitarbeiterin

Das Ministerium erklärt die merkwürdige Wirbel-Installation so: Die "Pflanzentöpfe" seien "im Mai 2019 von einer ehemaligen Mitarbeiterin erstellt worden". Die Mitarbeiterin hätte "die unglückliche Idee" zum Abschied die beiden Blumentöpfe zu "gestalten" gehabt. Weiter teilt das Ministerium dem SWR mit: "Die größere Installation wurde bereits vor längerer Zeit wieder zurückgebaut, die kleinere wird aktuell zurückgebaut."

Laut Ministerium ist das Ganze also eine unglückliche Idee einer scheidenden Mitarbeiterin. Alles nur ein unappetitlicher Zufall? Zweifel sind erlaubt. Tatsache ist: Seit 20 Monaten, von Mai 2019 bis Dezember 2020, stehen die Wirbelsäulen-Töpfe in den Diensträumen. Niemand scheint bislang Anstoß daran genommen zu haben, auch die Behördenleitung nicht.

Das Ministerium schreibt dazu: "Die Landesarchäologie bedauert, die nicht angemessene Präsentation nicht zeitnah abgebaut zu haben." Und weiter: "Die Landesarchäologie fühlt sich verpflichtet, menschliche Überreste würdevoll zu bewahren und gegebenenfalls auszustellen."

Streit wegen Gemälde in der Landesarchäologie

Als würde die skurrile Geschichte von Wirbelsäulen in Blumentöpfen nicht schon genug Kopfschütteln verursachen, tobt seit einigen Wochen im Koblenzer Landesamt ein lautloser Streit zwischen Mitarbeitern und Behördenleitung.

Alles begann am 26.11.2020 als der Rentner Bernd F. das Bild "Norwegen" des deutschen Malers Hermann Hendrich (1854-1931) im Eingangsbereich der Landesbehörde aufhing. Daraufhin beschwerten sich Mitarbeiter, denn der Maler Hermann Hendrich ist eine umstrittene historische Persönlichkeit.

Das Bild "Norwegen" des deutschen Malers Hermann Hendrich (1854-1931) im Eingangsbereich der Landesarchäologie Koblenz. (Foto: SWR)
Ende November wurde das Bild "Norwegen" im Eingangsbereich der Landesarchäologie aufgehängt.

Ein Zitat von Hendrich bereitet heute noch vielleicht Freude am rechten Rand: "Nur dann vermag die todkranke deutsche Kunst zu gesunden, wenn die harte Germanenfaust aus völkischen Empfindungswuchten mythisch-mächtige Walkürenwolken gestaltet."

Bilder werden auf Nazi-Treffen verkauft

Professor Uwe Puschner lehrt an der FU Berlin "Neuste Geschichte". Für ihn gehört Hendrich "in jedem Fall zu jenen Künstlern, die das völkische Ideengut verbildlichten, wobei Hendrich vor allem der völkischen Germanenideologie Gestalt gab." Laut Medienberichten genießt der Maler seit Jahren eine Art Wiedergeburt. Bilder werden demnach auf Nazi- und Rechtsradikalen-Treffen verkauft und in Nazi-Verlagen gehandelt.

Auf Nachfrage bestätigt das zuständige Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur (MWWK) in Mainz, dass eine Auseinandersetzung mit der historischen Rolle des Künstlers nicht stattfand: "Der Entstehungshintergrund des Bildes war zunächst nicht bekannt. Unmittelbar nach Bekanntwerden des Entstehungshintergrundes veranlasste die Landesarchäologie die Abhängung des Bildes, das lediglich eine Woche gehangen hat."

Dabei arbeiten in der Landesarchäologie dutzende Wissenschaftler und Historiker. Zudem hing das Bild nicht sieben Tage, sondern fast vier Wochen in der Landesbehörde, erzählen dagegen Besucher und Mitarbeiter dem SWR.

Unruhige Zeiten im Landesamt

Wirbelsäulen in Töpfen und ein Streit um einen umstrittenen Maler - unruhige Zeiten im beschaulichen Landesamt für Archäologie. Ein Comic wirft nun weitere Fragen auf. Er hängt seit Sommer 2019 in einem der Büros. Gezeichnet hat ihn eine ehemalige Mitarbeiterin in der Landesbehörde.

 Ein Comic wirft Fragen in der Landesarchäologie in Koblenz auf. Er hängt seit Sommer 2019 in einem der Büros. Gezeichnet hat ihn eine ehemalige Mitarbeiterin in der Landesbehörde. (Foto: SWR)
Der Comic hängt seit Sommer 2019 in der Landesarchäologie in Koblenz - und wirft Fragen auf.

Die Szene zeigt vier Personen in einem Büro. Drei sind weiblich und sitzen um einen Tisch herum. Auf dem Tisch zu erkennen Knochenreste, Wirbel. An der Tür steht die vierte Person, ein Mann, der sagt: "Ich möchte auch so eine Verterbra-Pflanze!" Verterbra heiß übersetzt Wirbel. Eine der Frauen antwortet daraufhin: "Toll, oder?"

STAND
AUTOR/IN