Ein Windrad dreht vor ländlicher Kulisse, im Rhein-Hunsrück-Kreis stehen 280 Stück. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / Fredrik von Erichsen/dpa | Fredrik von Erichsen)

Fluch oder Segen?

Wie Windkraft im Hunsrück die Bevölkerung spaltet

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Pachteinnahmen aus der Windkraft füllen im Rhein-Hunsrück-Kreis die Gemeindekassen. Lärm, Infraschall und Schlagschatten der Windräder belasten aber auch die Menschen.

Wenn man mit dem Auto im Rhein-Hunsrück-Kreis unterwegs ist, sind die großen Windräder oft schon von weitem zu sehen. Fast 280 Stück gibt es dort. Sie haben maßgeblich dazu beigetragen, dass der Landkreis vor drei Jahren als Energie-Kommune des Jahrzehnts ausgezeichnet wurde. Und sie sorgen für volle Gemeindekassen. 

Allerdings freuen sich nicht alle Hunsrücker über die Windräder. Kritiker haben sich beispielsweise in mehreren Bürgerinitiativen organisiert. Sie klagen etwa über Lärm und die Schatten, die die Windräder werfen. Auch die Abholzung der Wälder für den Bau der Windräder kritisieren unter anderem Uwe Anhäuser und Wolfgang Piroth vom Bündnis Energiewende für Mensch und Natur.

Mehr als 50 Bürgerinitiativen sind aktiv 

"Mit unserem Bündnis vereinen wir 54 windkraftkritische Bürgerinitiativen aus Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Darüber hinaus sind wir sogar europaweit vernetzt", erklärt Uwe Anhäuser. Er berät etwa Bürgerinitiativen oder Gemeinden beim Thema Windkraft. Und da gebe es einige Punkte, die man kritisch betrachten müsse. 

Eine zentrale Forderung des Bündnisses ist der radikale Ausbaustopp für weitere Windkraftanlagen. "Wenn der Ausbau überhaupt nochmal weitergehen soll, dann muss vorher erstmal eine Speichertechnologie für den Strom entwickelt werden", sagt Wolfgang Piroth. Denn das Bündnis kritisiert die derzeitige Fokussierung bei der Energiewende auf Wind- und Solarkraft. 

Wenn der Wind nicht wehe und die Sonne nicht scheine, gebe es auch keinen Strom, sofern man ihn nicht speichern könne. Das Bündnis fordert daher, Atomkraftwerke als Übergangslösung so lange am Netz zu halten, bis der grüne Strom gespeichert werden kann. Andernfalls sehen sie die Gefahr eines Blackouts. 

Alte Windräder hinterlassen Sondermüll 

 Aber auch die Menschen im Hunsrück würden unter den Windrädern leiden - vor allem diejenigen, die nur hunderte Meter davon entfernt wohnen. "In den Wintermonaten müssen die Anwohner je nach Sonnenstand die Rollläden runtermachen. Denn man wird wahnsinnig, wenn alle paar Sekunden der Flügel des Windrads einen Schatten ins Wohnzimmer wirft. Das kann man nicht aushalten", erklärt Wolfgang Piroth. Hinzu komme auch der Lärm der Motoren. Und der sogenannte Infraschall, der durch das Drehen der Flügel des Windrads entstehe. Das alles könne Menschen krank machen. 

Anhäuser und Piroth kritisieren außerdem, dass beim Rückbau von alten Windrädern Sondermüll entstehen kann, etwa weil die Rotorblätter aus Carbonfasern hergestellt sind. Die schweren Fundamente der Windräder aus Beton und Stahl würden beim Abbau von alten Windrädern oft nicht vollständig entfernt werden. Das wirke sich negativ auf die Natur aus und könne sogar das Grundwasser belasten, kritisiert das Bündnis.

Fast 8 Millionen Euro für die Gemeinden 

Demgegenüber stehen die finanziellen Vorteile für viele Gemeinden im Rhein-Hunsrück-Kreis. "Wir haben das Glück, dass 90 Prozent der Windräder auf kommunalem Grund stehen. Dadurch haben wir Pachteinnahmen von 7,8 Millionen Euro im Jahr, die unsere kleinen Ortsgemeinden zur Verfügung haben, um die Herausforderungen des demografischen Wandels zu bewerkstelligen", erklärt Frank-Michael Uhle, der Klimaschutzmanager des Rhein-Hunsrück-Kreises. 

Die Gemeinde Mastershausen habe mit dem Geld aus der Windkraft beispielsweise ein Seniorenheim umgebaut. Und die zehn Vereine der Gemeinde erhalten jährlich eine Förderung von 15.000 Euro. Die Gemeinden Neuerkirch und Külz haben Uhle zufolge einen Bürgerbus angeschafft, eine Dorf-App entwickelt und eine Senioren-WG finanziert. Und auch der Bau der Hängeseilbrücke Geierlay zwischen Mörsdorf und Sosberg wäre ohne Geld aus Pachteinnahmen von Windrädern nicht möglich gewesen. Die Brücke ist seit Jahren ein Touristenmagnet. 

Rhein-Hunsrück-Kreis hat wenig Schulden 

127 von insgesamt 137 Gemeinden im Rhein-Hunsrück-Kreis haben direkt oder über Solidarpakte mit Nachbargemeinden indirekt Pachteinnahmen aus der Windkraft. Dementsprechend ist die Pro-Kopf-Verschuldung im Kreis niedriger als im Landesdurchschnitt. 2016 lag sie laut Statistischem Landesamt im Rhein-Hunsrück-Kreis bei 594 Euro, in Rheinland-Pfalz durchschnittlich bei 3.132 Euro. 

Darüber hinaus spart der Kreis nach Auskunft von Klimaschutzmanager Uhle jährlich rund 660.000 Tonnen CO2 gegenüber dem Jahr 1990 ein. Der Anteil an regenerativem Strom liege im Kreis bei rund 310 Prozent (Stand 2019). Strom, den der Kreis selbst nicht verbraucht, fließe nach Koblenz, Trier oder Mainz. 

Windkraft ist Fluch und Segen zugleich 

Einerseits füllt die Windkraft im Rhein-Hunsrück-Kreis also die Gemeindekassen und macht nötige Investitionen möglich. Außerdem hat sich der Schuldenberg des Kreises und der CO2-Ausstoß verkleinert. Andererseits sehen Kritiker der Windräder darin eine Störung des natürlichen Landschaftsbildes. Dazu kommt, dass die Anwohner unter den Auswirkungen von Lärm oder Schattenwurf leiden. Naturschützer kritisieren zudem, dass durch den Bau der Anlagen wertvolle Lebensräume für Tiere und Pflanzen zerstört werden. Die Windkraft im Hunsrück scheint also beides zu sein: Fluch und Segen zugleich.

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