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Vor genau zehn Jahren kenterte an der Loreley der mit Schwefelsäure beladene Tanker "TMS Waldhof": eines der größten Schiffsunglücke auf dem Rhein mit zwei Toten. Zeitzeugen erinnern sich.

"Wie ein umgedrehter Wal" habe der Säuretanker "Waldhof" beim weltberühmten Loreley-Felsen im Rhein gelegen. Der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD) kann sich noch gut an eines der folgenreichsten Schiffsunglücke auf dem Fluss erinnern. "Wenn die 'Waldhof' durchgebrochen wäre, hätten wir auch noch eine Ökokatastrophe am Rhein gehabt." Das Schiff hatte fast 2.400 Tonnen Schwefelsäure geladen. Es war von Ludwigshafen ins belgische Antwerpen unterwegs. An diesem Mittwoch ist die Havarie genau zehn Jahre her.

Matthias Pflugradt, der zwischenzeitlich Stadtbürgermeister von St. Goarshausen unterhalb der Loreley war, hielt am vergangenen Sonntag als Laienprediger in der evangelischen Kirche einen Gedenkgottesdienst. Auf einer der Kirchenbänke saß Lewentz. Er wohnt im nahegelegenen Kamp-Bornhofen. "Der Gottesdienst war mir ein Herzensanliegen", sagt Pflugradt Die Havarie sei ihm ebenfalls noch sehr gut in Erinnerung. Einer der beiden Toten sei von der Rheinströmung fortgerissen und bis heute nie gefunden worden. "Er war so alt gewesen wie ich damals. Das ist sehr berührend", sagt der 44-Jährige.

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Waldhof war überladen

Nach einem Urteil des Oberlandesgerichts Köln von 2018 war der 110 Meter lange Tanker "mit Schwefelsäure beladen, wobei die Art der Beladung nicht den europäischen Stabilitätskriterien entsprach und das Schiff um 633 Tonnen überladen" war. Dadurch sei es instabil gewesen.

Die "Waldhof" kenterte, trieb kieloben an mehreren anderen Schiffen vorbei, rammte eines und setzte sich am Rand der Fahrrinne fest. In Schifffahrtskreisen wird dieser tückische Flussabschnitt mit seinen Strömungen, Untiefen und unübersichtlichen Kurven "Gebirge" genannt. Der Sage nach verdrehte hier im burgengesäumten Welterbe Oberes Mittelrheintal einst die schöne Loreley Schiffern den Kopf. Ralf Schäfer, Fachgebietsleiter Schifffahrt am Standort Bingen des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts Rhein, sagt: "Wenn das Wasser bei der Loreley nicht so besonders tief wäre, hätte sich das Schiff gar nicht drehen können."

Von dieser Stelle aus dokumentierte Matthias Pflugradt die Bergung der "Waldhof" mehr als einen Monat lang täglich mit Fotos. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, dpa/Thomas Frey)
Von dieser Stelle aus dokumentierte Matthias Pflugradt die Bergung mehr als einen Monat lang täglich mit Fotos. dpa/Thomas Frey

Rhein an der Loreley für 32 Tage gesperrt

32 Tage lang blieb Europas verkehrsreichste Binnenwasserstraße gesperrt. "Mehrere hundert Schiffe mussten warten", berichtet Schäfer. "Von denen haben wir verzweifelte Anrufe bekommen. Viele wollten unbedingt fahren."

Erst nach einem Monat richteten drei Schwimmkräne einer niederländischen Spezialfirma das Schiff wieder auf, nachdem es leergepumpt worden war. Zentimeter für Zentimeter wurde es angehoben, gedreht und schließlich abgeschleppt. Schon nachdem nachgelaufenes Rheinwasser aus den ersten beiden Ladetanks gepumpt worden war, bekam das Schiff Auftrieb. "Das Aufrichten war nicht einfach," sagt Schäfer. Damals sei zu den ohnehin starken Strömungen bei der Loreley noch Hochwasser gekommen.

Lewentz: Angst wegen Explosionsgefahr

Viele hundert Schaulustige beobachteten die Arbeiten aus sicherer Entfernung. Näher als 250 Meter durften sie nicht ans Ufer und die Unglücksstelle heran. Die Mannheimer Reederei Lehnkering Rhein-Fracht bezifferte den Gesamtschaden auf 3,5 Millionen Euro.

Minister Lewentz war seinerzeit als Innenstaatssekretär Einsatzleiter des Landes Rheinland-Pfalz am Unglücksort. Damals sei mit dem Wellenschlag anderer Schiffe lange ein Durchbrechen des Säuretankers und eine Verseuchung von Rhein und nahen Trinkwasserbrunnen befürchtet worden. "Wir hatten auch Angst wegen der Explosionsgefahr", sagt Lewentz.

Zwei Besatzungsmitglieder sterben

Pflugradt erinnert sich, dass es einen Monat lang quälende Ungewissheit wegen der beiden vermissten Männer der Besatzung gegeben habe. Erst am Tag der Bergung der "Waldhof" sei die Leiche eines Besatzungsmitglieds im Schiffsinneren entdeckt worden. Der fortgespülte und nie gefundene zweite Tote soll im abgerissenen Steuerhaus gewesen sein. Damals erinnerten am Ufer Blumen, Kerzen und Fotos an die Vermissten.

Pflugradt hat bei der Loreley gelegentlich auch die reparierte "Waldhof" wieder erspäht. Sie heißt jetzt "Auriga" und transportiert immer noch flüssige Chemikalien. Er frage sich, ob ihre heutige Besatzung nicht schon einmal ein beklemmendes Gefühl gehabt habe, wenn sie hier vorbeigefahren ist.

St. Goarshausen

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