In Bad Neuenahr-Ahrweiler übergeben Helfer des Technischen Hilfswerks (THW) an der Stelle, an der die Markgrafenbrücke von der Flut zerstört wurde, eine von ihnen errichtete Behelfsbrücke. (Foto: dpa Bildfunk, picture-alliance / dpa / Thomas Frey)

Das Ahrtal vier Wochen danach

Vermisstensuche, Aufräumen und Wiederaufbau

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Vier Wochen nach der Flutkatastrophe an der Ahr sind noch immer mehr als 3.000 Einsatzkräfte vor Ort. Eine der größten Aufgaben ist derzeit die Wiederherstellung der Wasser- und Abwasserleitungen in der Region.

Viele Helfer kümmern sich nach wie vor um die Grundversorgung der Betroffenen. Nach Angaben des Krisenstabs geben die Helfer täglich rund 20.000 Mahlzeiten aus. Die medizinische Versorgung sei sichergestellt. In den meisten Orten gebe es wieder Strom und Mobilfunk.

Außerdem sollen weitere Behelfsbrücken über die Ahr installiert werden. Mit Hochdruck arbeitet die Einsatzleitung nach eigenen Angaben an einem Müllentsorgungskonzept, damit der noch vorhandene Müll und Bauschutt bald abgefahren werden kann.

In Mendig gibt es Notunterkünfte für Betroffene der Flutkatastrophe. Bislang war die Nachfrage gering, da die Betroffenen bei Freunden oder Verwandten untergekommen seien. Der Bedarf an Notunterkünften könnte aber schon bald steigen.

Tote und Vermisste

Nach Polizeiangaben wurden bislang (Stand: 12. August) 133 Tote als Flut-Opfer registriert. Von den 141 geborgenen Toten seien acht keine Flutopfer gewesen. 136 Menschen seien identifiziert. Vier Personen gelten weiterhin als vermisst.

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Milliardenschäden im Ahrtal

Die Landesregierung in Mainz schätzt die Schäden in den Hochwassergebieten im Land auf rund 15 Milliarden Euro. Insgesamt stellen Bund und Länder 30 Milliarden für den Wiederaufbau bereit. Mit dem Geld sollen neben Straßen, Brücken und Bahnstrecken unter anderem auch Wasser- und Stromleitungen sowie Schulen, Kitas und andere öffentliche Gebäude wieder aufgebaut werden. Mitte September sollen erste Zahlungen erfolgen.

Laut Handwerkskammer Koblenz sind 585 handwerkliche Betriebe im Kreis Ahrweiler von der Flut getroffen worden. Für viele Betriebe bedeute das der Totalschaden. Viele Maschinen seien zerstört worden. Die Handwerkskammer rechnet aktuell mit einer Schadenssumme von durchschnittlich 500.000 Euro pro Betrieb. Müsste ein Betrieb abgerissen werden, könnte diese Summe noch steigen.

Hotels, Gaststätten und Landwirtschaft schwer getroffen

Neben vielen handwerklichen Betrieben sind laut Hotel- und Gaststättenverband Rheinland-Pfalz auch etwa zwei Drittel aller Hotels und Gaststätten im Kreis Ahrweiler betroffen. Der Verband rechnet mit sechs bis zwölf Monaten für den Wiederaufbau.

Auch die Landwirtschaft wurde schwer getroffen. Insgesamt belaufen sich die Schäden der Bauern und Winzer auf 220 Millionen Euro. Diese Schätzungen der Länder nannte das Bundeslandwirtschaftsministerium in Berlin. Allein in den Weinbaubetrieben an der Ahr wurden demnach Schäden von 110 Millionen Euro verursacht, bei den Winzergenossenschaften an der Ahr sind es rund 50 Millionen Euro.

Probleme bei der Wasserversorgung und Abwasserentsorgung

Der Wasserversorger für das Ahrtal geht davon aus, dass voraussichtlich erst ab Herbst wieder alle Menschen fließendes Wasser haben. Das Leitungsnetz müsse wegen der Flutschäden in Teilen neu gebaut werden. In Bad Neuenahr-Ahrweiler konnte die Wasserversorgung fast vollständig wieder hergestellt werden.

Das Abwasser fließt zurzeit noch ungereinigt und ungeklärt in die Ahr. Alle Kläranlagen im Ahrtal sind laut Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) Nord von den Überschwemmungen betroffen und beschädigt worden.

In weiten Teilen der betroffenen Region gilt weiterhin das Abkochgebot für Leitungswasser. In einigen Gemeinden ist das Abkochen nicht mehr notwendig.

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Strom, Internet, Handyempfang und Festnetz

Nach der Flut war der Mobilfunkempfang weitgehend ausgefallen. Das Mobilfunknetz wurde laut Landesregierung mittlerweile von den Telekommunikationsunternehmen nahezu wieder hergestellt. Beim Festnetz gebe es nach wie vor Lücken. Strom gibt es wieder in weiten Teilen des Ahrtals. In Bad Neuenahr-Ahrweiler konnten etwa 80 % der Haushalte wieder an das Stromnetz angeschlossen werden.

Infrastruktur weitgehend zerstört

Mehr als 60 Brücken sind bei der Flut im Ahrtal zerstört worden. Mit zehn Behelfsbrücken will das Technische Hilfswerk (THW) gravierende Verkehrslücken schließen. In Bad Neuenahr-Ahrweiler wurde bereits eine zweispurige THW-Brücke in Betrieb genommen. Eine einspurige Flussquerung wurde in Dernau fertigstellt, eine weitere Brücke gibt es in Insul. Das THW will nach Möglichkeit noch sieben weitere Brücken im Ahrtal schlagen. Eine große Steigerung dieser Zahl sei vorerst wohl nicht möglich, weil es in Deutschland keine Behelfsbrückenbauer mehr gebe. Außerdem sind mehrere Fähren in Betrieb, wie etwa an der Anlegestelle Ahrtor in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Das Schiff wird an Drahtseilen über die Ahr gezogen.

Bund und Länder beschließen 30 Milliarden Euro-Fonds

Für den Wiederaufbau in den Hochwassergebieten haben Bund und Länder einen Fonds von 30 Milliarden Euro vereinbart. Die Aufbaumaßnahmen allein der Länder werden im Beschluss von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und der Ministerpräsidenten mit 28 Milliarden Euro beziffert. Diese wollen Bund und Länder je zur Hälfte finanzieren. Die Schäden im Umfang weiterer zwei Milliarden Euro betreffen die Infrastruktur des Bundes, für die der Bund allein aufkommt. Dabei handelt es sich vor allem um Autobahnen und Bahnschienen.

Bevölkerung spendet viele Millionen Euro

Neben staatlichen Hilfen haben viele Menschen auch für die Betroffenen der Flutkatastrophe gespendet. Für das Bündnis "Aktion Deutschland hilft" kamen bis jetzt am meisten Spenden zusammen - bislang mehr als 170 Millionen Euro. Auch bei der ARD-Benefizgala für die Opfer der Hochwasser-Katastrophe wurde für dieses Bündnis gesammelt.

In dem Bündnis haben sich 23 Organisationen zusammengeschlossen, darunter der Arbeiter-Samariter-Bund, Arbeiterwohlfahrt International, die Johanniter-Unfall-Hilfe e.V. und der Paritätische Wohlfahrtsverband.

Aufarbeitung der Flutnacht

Der Kreis Ahrweiler hat nach SWR-Informationen keine Warnmeldungen in der Hochwassernacht an ein spezielles Meldesystem des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe geschickt. Deshalb konnten regionale Medien - auch der SWR - keine Warnmeldungen und Verhaltensanweisungen an die Bevölkerung in der Ahrregion weitergeben.

Die Staatsanwaltschaft Koblenz ermittelt gegen den Landrat des Kreises Ahrweiler, Jürgen Pföhler (CDU), und ein weiteres Mitglied des Krisenstabes wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung und fahrlässigen Körperverletzung durch Unterlassen. Pföhler sagte dazu, alle am Einsatz Beteiligten hätten nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt, um im Rahmen der vorhandenen Möglichkeiten, ausgehend vom damaligen Wissens- und Erkenntnisstand, Schaden von den Menschen und der Region abzuwenden.

Auch die Bürgermeister in der Region erheben schwere Vorwürfe gegen den Landrat. Die Bürgermeisterin der Verbandsgemeinde Altenahr, Cornelia Weigand, sagte dem SWR, dass sie schon nachmittags in der Kreisverwaltung angerufen und Katastrophenalarm gefordert habe. Der Ortsbürgermeister der Gemeinde Altenahr, Rüdiger Fuhrmann (CDU), sagte der Allgemeinen Zeitung, bereits um 16 Uhr hätten einzelne hauptamtliche Bürgermeister Pföhler aufgefordert, den Katastrophenalarm auszurufen. Um 20 Uhr habe an der oberen und mittleren Ahr bereits eine Katastrophensituation geherrscht.

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