Seit den Kämpfen in der Ukraine versuchen viele Menschen das Land zu verlassen. Der Ukrainer Andreas Herrmann aus Koblenz war in der Westukraine im Urlaub, als der Krieg ausbrach. Er berichtet, wie er die Ausreise mit dem Zug erlebt hat. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)

Abbruch des Urlaubs im Heimatland

Wie ein Koblenzer die Flucht aus der Ukraine erlebte

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Jessica Pfeiffer

Andreas Herrmann kommt aus der Ukraine, lebt aber seit mehr als 15 Jahren in Koblenz. Als der Krieg ausbricht, ist er im Urlaub in seinem Heimatland.

Als Russland die Ukraine in der Nacht zum Donnerstag angreift, ist Andreas Herrmann im Urlaub in Slavske, einem Skigebiet im Westen der Ukraine, ungefähr 100 Kilometer von der slowakischen Grenze entfernt. Er ist seit drei Tagen dort, dann bricht er am Donnerstag seinen Urlaub ab, um noch rechtzeitig das Land verlassen zu können.

"Ich habe hier nichts mitbekommen von den Kämpfen", erzählt Herrmann am Telefon. Er lebt seit 1995 in Deutschland, seit siebzehn Jahren in Koblenz. Ursprünglich kommt er aus Charkiw im Osten der Ukraine, der zweitgrößten Stadt des Landes nach Kiew. "Die Geschäfte waren noch geöffnet, die Leute waren auf der Straße unterwegs", sagt er.

In Slawske nimmt der Ukrainer Andreas Herrmann den Zug, um über Ungarn und Österreich zurück nach Deutschland zu gelangen. Er war im Westen der Ukraine im Urlaub, als der Krieg ausbrach.  (Foto: privat)
In Slawske nimmt der Ukrainer Andreas Herrmann den Zug, um über Ungarn und Österreich zurück nach Deutschland zu gelangen. Er war im Westen der Ukraine im Urlaub, als der Krieg ausbrach. privat

In Ungarn sind die Züge voll

Nach den Angriffen werden die Skilifte in Slavske gesperrt, alle Flüge werden storniert. Der 46-Jährige will daraufhin mit dem Zug zurück nach Deutschland. Das Ticket ist einfach zu bekommen, die Züge fahren regelmäßig, berichtet Herrmann. Auf dem Weg zum Bahnhof sieht er Menschenschlangen an Bankautomaten und Tankstellen.

Am Donnerstagnachmittag fährt er von Slavske nach Tschop an die ungarische Grenze. Von dort aus geht es zunächst in die ungarische Stadt Zahony, dann weiter ins Österreichische Wien. "Bis zur Grenze waren die Züge leer", berichtet er. In Ungarn hingegen seien die Züge und der Bahnhof voller Menschen gewesen, viele mit Kindern.

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Vor dem Bahnhof hätten zahlreiche Ungarn mit Autos gewartet, vermutlich Verwandte, die ihre Familien abholen wollten, sagt der 46-Jährige. In Ungarn seien die Flüchtigen gut versorgt worden, berichtet er weiter. Sie hätten beispielsweise Essen und Getränke bekommen. Diejenigen, die in Ungarn bleiben wollten, wurden zu einer Notunterkunft gebracht.

"An der Grenze haben sich ganz viele Familien voneinander verabschiedet."

Anfangs durfte noch jeder über die Grenze. Am späten Abend hätten Soldaten viele Männer im Alter von 18 bis 60 Jahren aber nicht mehr passieren lassen. Die ukrainische Regierung hatte im Laufe des Tages entschieden, dass Männer in dieser Altersgruppe im Land bleiben müssen, um zu kämpfen. "An der Grenze haben sich ganz viele Familien voneinander verabschiedet", berichtet Herrmann.

Im Osten der Ukraine: Verwandte berichten von Explosionen

Sein Cousin, dessen Frau und sein Enkelkind sind zurzeit noch in seiner Heimatstadt im Osten der Ukraine. "Wir haben telefonischen Kontakt", sagt Herrmann. "Er hat mir von den Explosionen in der ersten Nacht erzählt." Seine Verwandten würde Herrmann sofort bei sich in Deutschland aufnehmen. Zumindest die Frau und das Enkelkind: "Ich denke nicht, dass mein Cousin das Land noch verlassen darf."

"Keiner hat geglaubt, dass sowas passiert", sagt Andreas Herrmann. Deswegen sei er auch noch in den Urlaub gefahren - er dachte, im Westen der Ukraine, nah an der Grenze, sei er sicher. Die Menschen in der Ukraine, auch die Russischsprachigen, würden sich negativ über Putin äußern. "Ich habe nur negative Gedanken über Putin", sagt er. Herrmann glaubt nicht, dass die Russen Kiew einnehmen werden. Doch sicher ist er sich nicht: "Wir müssen abwarten - drei oder vier Tage - wie es dann weitergeht."

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