Nach Gefechten in der Nähe des ehemaligen AKWs Tschernobyl fürchtet ein Koblenzer Ingenieur nicht, dass Radioaktivität austreten könnte. Er war am Bau der Schutzhülle beteiligt. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/dpa/AP | Efrem Lukatsky)

Koblenzer Firma baute Schutzhülle für Reaktor

Nach Eroberung des AKW Tschernobyl: Ingenieur sieht geringe Gefahr

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Nach den Kämpfen in der Nähe des ehemaligen Atomkraftwerkes in Tschernobyl geht ein Koblenzer Ingenieur davon aus, dass derzeit keine Radioaktivität aus dem Reaktor austritt. Er war am Bau der Schutzhülle des Reaktors beteiligt.

Der Ingenieur Christoph Schmidt von der Koblenzer Firma Kalzip hatte eigenen Angaben zufolge am Donnerstagabend Kontakt mit ehemaligen Monteuren, die noch immer in Ivankiv in der Ukraine, gut 50 Kilometer von Tschernobyl entfernt leben. Sie hätten von Explosionen und Truppenbewegungen berichtet. Aus Angst vor den Kampfhandlungen hätten sie ihre Häuser jedoch noch nicht verlassen, sagte Christoph Schmidt dem SWR.

Die fertige Hülle bevor der Sarkophag über den havarierten Reaktor geschoben wurde. (Foto: Pressestelle, Kalzip / NOVARKA )
Die fertige Hülle der Koblenzer Firma, bevor der Sarkophag über den havarierten Reaktor geschoben wurde. Pressestelle Kalzip / NOVARKA

Dünne Schutzwand hält kleine Einschüsse von Querschlägern aus

Christoph Schmidt war einst der Projektverantwortliche bei Kalzip für den gewaltigen AKW-Schutzbogen mit 110 Metern Höhe, 165 Metern Länge und 257 Metern Breite. Kalzip hatte dafür 160.000 Quadratmeter Außen- und Innenhaut geliefert. "Die ist nur 0,6 Millimeter dick, aber robust, da kann man drüberlaufen", sagte Schmidt. Die ehemaligen Monteure vor Ort hätten ihm erzählt, dass die dünne Schutzhülle des Reaktors wohl nicht in größerem Ausmaße beschädigt sei. Leichtere Beschädigungen, etwa durch Querschläger, halte die Ummantelung aus, sodass dadurch keine radioaktiven Partikel austreten würden.

Radioaktiver Staub im Inneren des Sarkophargs

Im Inneren der Schutzhülle befände sich noch stark radioaktiv belastetes Material und Staub. "Damit diese Partikel aber aus kleineren Löchern in der Hülle austreten können, müssten sie erst mal aufgewirbelt werden", erklärt der Ingenieur, zum Beispiel druch Einschüsse von "panzerbrechenden Waffen".

"Ich glaube und hoffe aber, dass eine mutwillige Beschädigung der Anlage niemandem nützen würde."

Kein Kontakt zu Mitarbeitenden des Kernkraftwerks Tschernobyl

Nach den Kampfhandlungen in Tschernobyl sehen Nuklear-Experten die Gefahr, dass der Reaktor nicht mehr durch das Personal im Kraftwerk gekühlt werden könne. Die Internationale Atomenergiebehörde warnte vor einer ungesicherten Anlage. Der Koblenzer Ingenieur Christoph Schmidt kann die Situation im Kraftwerk nach eigenen Angaben nicht einschätzen. Zu Personen, die im Kraftwerk arbeiten, habe er keinen Kontakt, erklärte er.

Aber er kenne das Gebiet rund um den Reaktor in Tschernobyl. An dem ehemaligen Kraftwerk vorbei verlaufe eine breite und gut ausgebaute Straße, die von Belarus nach Kiew führt. Sie sei "ideal", um Truppen aus Russland in Richtung Kiew zu schicken, schätzt Schmidt die Lage ein. Ab einem Radius von 400 Metern rund um das Kraftwerk sei die radioaktive Belastung nur gering. Und auch die gut ausgebaute Straße, die am Kraftwerk vorbeiführe, sei zudem nicht mehr kontaminiert.

Russische Truppen hatten Tschernobyl erobert

Russische Truppen hatten die Sperrzone um die havarierte Atomruine am Donnerstag erobert. Inzwischen sichern russische Fallschirmjäger das Gelände. Auch Spezialisten eines ukrainischen Wachbataillons seien nach Absprache weiter im Einsatz, teilte das russische Verteidigungsministerium am Freitag mit. Es gebe keine Auffälligkeiten, die radioaktiven Werte seien normal. Hingegen misst die zuständige ukrainische Behörde nach eigenen Angaben deutlich erhöhte Strahlenwerte. Wegen der Lage und der Kämpfe sei es aber unmöglich, eine Begründung für diesen Anstieg zu erkennen.

Koblenzer Firma baute Schutzhülle für den Katastrophen-Reaktor

Am 26. April 1986 kam es im Atomkraftwerk Tschernobyl zu einer verheerenden Explosion. Radioaktives Material wurde in die Atmosphäre geschleudert, weite Teile Russlands, der Ukraine und von Belarus wurden radioaktiv verseucht. Noch heute leiden die Menschen vor Ort an den Folgen.

Die Koblenzer Firma Kalzip war an der Entwicklung einer Schutzhülle aus Edelstahl beteiligt, die vor etwa acht Jahren über den Katastrophen-Reaktor geschoben wurde. Vorher war ein brüchiger Beton-Sarkophag über dem havarierten Reaktor.

Neben dem Unglücksort hatte daher die Koblenzer Firma drei Jahre lang die neue Schutzhülle aufgebaut, bevor sie über den Reaktor geschoben wurde. Wie das Unternehmen mitteilte, ist die Hülle das bislang größte mobile Bauwerk der Welt, für das eine Höchstleistung von allen Beteiligten notwendig war. Die Hülle soll den Angaben nach das Reaktorgebäude noch 100 Jahre lang schützen.

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