Das Haus der Lebenshilfe in Sinzig am Tag nach der Katastrophe (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)

Weiterleben nach Tod von zwölf Bewohnern

Lebenshilfe in Sinzig will Trauma der Tragödie bewältigen

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Betreuer und Bewohner des Lebenshilfe-Hauses in Sinzig haben in der Flutnacht miterlebt, wie dort zwölf Menschen starben. Seit Januar leben und arbeiten sie in einer Zwischenunterkunft in Rolandseck. Die Rückkehr in den Alltag ist schwer.

Das Erlebte hat tiefe seelische Wunden hinterlassen, etwa bei Andrea Münz. Die 37-Jährige ist geistig beeinträchtigt. In ihrem bunten Pulli und mit ihrer schicken Brille wirkt sie fast unbeschwert. Sie lacht gerne. Und sie fühle sich wohl, erzählt sie. Doch die Geschehnisse im Haus der Lebenshilfe in Sinzig in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli vergangenen Jahres kommen ihr immer wieder in Erinnerung. "Letztes Jahr fand ich das schlimm, mit der Flut,“ sagt Andrea Münz. Manchmal träume sie immer noch davon.

In der Flutnacht starben im Wohnheim der Lebenshilfe in Sinzig zwölf Menschen. Das Wasser hatte sie im Schlaf überrascht. Andrea Münz befand sich in der Nacht ebenfalls in dem Wohnheim, sie konnte aber gerettet werden.

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Saskia Betzing: Betreuer in der Lebenshilfe müssen Bewohner beobachten

Wie stark sie das Ereignis heute noch belastet, kann auch ihre Betreuerin Saskia Betzing nicht genau sagen. Nicht jeder sagte "Ich bin traumatisiert" oder "Mir geht es jetzt schlecht." Daher sei es wichtig, dass die Betreuerinnen und Betreuer der Lebenshilfe sehr genau auf das Verhalten ihrer Schützlinge achten. "Es sind auch viele kleine Verhaltensweisen, die sich ändern, oder auch große Verhaltensweisen," so Betzing.

Die 28-Jährige ist eine der Betreuerinnen und Betreuer, die sich um die Bewohner kümmern, die die Flutnacht im Haus der Lebenshilfe in Sinzig überlebt haben. Sie waren seitdem bei ihren Familien oder in Notunterkünften untergebracht. Jetzt leben sie wieder gemeinsam in einem ehemaligen Hotel in Remagen-Rolandseck.

Auch Betreuerinnen und Betreuer leiden unter den Erinnerungen

Die Lebenshilfe Kreisvereinigung Ahrweiler e.V. hat das Hotel als Zwischenlösung gemietet und zum Wohnheim für die Menschen mit Beeinträchtigungen umgebaut. In den kommenden drei Jahren soll zwar ein neues Lebenshilfehaus für sie gebaut werden. Wo genau, stehe noch nicht fest, erklärt Ulrich van Bebber vom Vorstand der Lebenshilfe. Nach Sinzig werde der Verein aber nicht zurückkehren.

Die Geschehnisse in der Flutnacht haben auch bei den Betreuerinnen und Betreuern der Lebenshilfe deutliche seelische Spuren hinterlassen, erzählt Saskia Betzing: "Sich vorzustellen, was diese Menschen erlebt haben müssen, ist ganz schwer zu verarbeiten. Also, man geht auch selber ein bisschen zugrunde daran," sagt die Erzieherin.

Ulrich van Bebber, Vorstandsvorsitzender der Lebenshilfe Kreisvereinigung Ahrweiler e.V. (li.) und Betreuerin Saskia Betzing.  (Foto: SWR)
Ulrich van Bebber, Vorstandsvorsitzender der Lebenshilfe Kreisvereinigung Ahrweiler e.V. (li.) und Betreuerin Saskia Betzing.

Saskia Betzing war in der Flutnacht zwar nicht in Sinzig vor Ort, weil sie keinen Dienst hatte. Aber die Stunden danach und ihre Hilflosigkeit belasten sie bis heute. "Ich bin mir sicher, dass ich trotzdem einen guten Job mache, was auch damit zusammenhängt, dass wir Mitarbeiter uns hier gegenseitig auffangen. Aber irgendwann ist man an einer Belastungsgrenze, wo es einfach nicht mehr geht."

War der Tod der zwölf Heimbewohner vermeidbar?

Die Staatsanwaltschaft in Koblenz ermittelt noch, wer für den Tod der zwölf Heimbewohner im Lebenshilfehaus in Sinzig die Schuld trägt. Die Ermittlungen richten sich nach Auskunft der Behörde aber nicht gegen die Lebenshilfe selbst. Lebenshilfe-Vorstand Ulrich van Bebber sagt, er mache sich keine Vorwürfe. "Wie sollten wir ahnen, dass das Hochwasser, das ja beim letzten Mal beim so genannten Jahrhunderthochwasser das Haus noch nicht mal erreicht hat, dann plötzlich so hoch kommt."

Bebber ist überzeugt, das ist Aufgabe des Staates. Und er sagt weiter: "Da hätte wirklich früher gewarnt werden müssen. Aber man wird es trotzdem nicht los, die Frage zu stellen, und es ist schwer für alle."

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SWR