Frau Weber in ihrem zerstörten Heim im Ahrtal (Foto: SWR, SWR Report Mainz vom 6.10.2021)

Ängste und Sorgen nach der Hochwasserkatastrophe

Senioren im Flutgebiet fühlen sich oft überfordert

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Keine Wohnung, keine Heizung, keine Kochgelegenheit - Flutopfer brauchen viel Kraft, um den Alltag zu meistern. Kraft, die viele ältere Menschen kaum mehr aufbringen können.

Finchen Weber stand das Wasser buchstäblich bis zum Hals. Sieben Stunden dauerte es, bis die 90-Jährige gerettet wurde.

Report Mainz hat die Seniorin in den Trümmern ihrer ehemaligen Wohnung in Bad Neuenahr-Ahrweiler besucht. Wohnen ist hier nicht mehr möglich, zu groß ist die Zerstörung. Ohne Versicherung reicht das Geld für die Renovierung nicht. Die Wiederaufbauhilfen der Politik sind bei Finchen Weber noch nicht angekommen. Derzeit wohnt sie in einer Ferienwohnung, die Anwohner ihr zur Verfügung gestellt haben.

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Unsicherer Blick in die Zukunft

Wie es weitergeht, weiß Finchen Weber nicht. Die 90-Jährige setzt auf Gottvertrauen.

"Der Herrgott hat uns das hier geschickt, er wird uns auch weiterhelfen - hoffe ich. Und sonst, ich denke über gar nichts nach."

Essensausgabe als Anlaufstelle

Einen Halt findet die Seniorin bei der spendenfinanzierten Essensausgabe von Christiane Thul-Steinheuer. Hier packt sie mit an und trifft Schicksalsgenossen. Die Essensausgabe hat sich zu einer festen, ganztägigen Anlaufstelle für viele ältere Menschen entwickelt.

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"Regelmäßigkeit ist wichtig für die Psyche"

Christiane Thul-Steinheuer weiß, dass es in ihrer Essensausgabe nicht nur darum geht, Betroffenen zu einer warmen Mahlzeit zu verhelfen. "In dieser Situation braucht man Regelmäßigkeit, man braucht Aufgaben", sagt Christiane Thul-Steinheuer. "Einfach, um mit dem Ganzen klarzukommen, weil es ist ja doch wirklich Belastendes passiert. Und ich denke, gerade diese Regelmäßigkeit, auch mit dem Mittagessen, dass die Leute wissen, sie müssen zu einer Zeit X aufstehen und hier hinkommen, das ist ganz wichtig für die Psyche.“

Mit der kälteren Jahreszeit kommen weitere Probleme auf die Anwohner zu. Denn viele können noch immer nicht heizen. So geht es auch Inge Rickert. Sie hat Angst vor dem, was ihr noch bevorsteht.

"Es ist alles für ältere Leute noch schwierig hier. Viele sagen: ‚Wir wollen hier nicht mehr leben. Wir mögen hier nicht mehr leben.‘ Aber wir können nicht alle weggehen."

Inge Rickert glaubt nicht, dass sie den Wiederaufbau im Ahrtal noch erleben wird. Sie tröstet sich mit dem Blick in die Vergangenheit. "Ich kannte das ja, wie schön das hier war", so Inge Rickert.

Wiederkehrende Erinnerungen an die Flutnacht

Doch viele Menschen im Ahrtal haben derzeit mit anderen Erinnerungen zu kämpfen: Mit der Zeit kommt immer mehr Verdrängtes aus der Flutnacht hoch. Auch Nawal Abumuher aus Sinzig sagt, dass sie von schlimmen Bildern geplagt wird.

Nawal Abumuher wohnt aktuell mit sieben Familienmitgliedern in zwei Zimmern. Wasser und Strom gibt es in ihrer Umgebung noch immer nicht überall.

Menschen werden alleine gelassen

Ein unsäglicher Zustand, findet Notfallseelsorger Christoph Schoner. Die Menschen in einem ganzen Wohnblock würden praktisch alleine gelassen - ohne zu wissen, wie sie ihr Leben in der kalten Jahreszeit organisieren könnten.

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Am Vormittag SWR4 Rheinland-Pfalz

Traumata könnten sich verfestigen

Wo es am Nötigsten fehlt, kommt die Aufarbeitung der psychischen Belastungen oft zu kurz. Der Psychologe Martin Schmitt vom Eichenberg-Institut in Koblenz schätzt, dass im Ahrtal mehr als 15.000 Menschen Hilfe brauchen. Es bestehe die Gefahr, dass sich Traumata verfestigten. Doch die Flut habe die großen stationären und ambulanten Anlaufstellen schwer getroffen. Die aufsuchende, seelsorgerische Arbeit werde aber von den Kassen kaum honoriert, so Schmitt.

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Therapeutisches Personal fehlt

Der rheinland-pfälzische Gesundheitsminister Clemens Hoch (SPD) hat bei einem Besuch im Kreis Ahrweiler im September versprochen, die aufsuchende psychologische Arbeit auszubauen. Auch ein Traumazentrum sei in Planung. Doch es fehle noch an Personal, um diese therapeutischen Angebote zu machen, so Hoch.

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"Nicht so genau hingucken"

So bleibt den Betroffenen nur, sich in der Zwischenzeit nicht unterkriegen zu lassen. Eine ältere Dame aus Bad Neuenahr-Ahrweiler sieht es pragmatisch. "Man darf in der jetzigen Zeit nicht so genau hingucken", erklärt sie dem Team von Report Mainz. Sie konzentriere sich einfach darauf, nur das Beste anzusehen. In den Hinterhof, so die Dame, da gucke sie einfach nicht hinein.

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