Rassismus, Pornos, Weltkriegsbombe – ein WhatsApp-Chat voller Intrigen. (Foto: SWR, SWR)

Rassismus, Pornos, Weltkriegsbombe

Beschwerden über WhatsApp-Chat der Landesarchäologie

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Nach dem Skandal um menschliche Wirbelsäulen in Blumentöpfen kommt die Landesarchäologie in Koblenz nicht zur Ruhe. Schatzsucher, mit denen die Behörde zusammenarbeitet, sorgen mit rassistischen, sexistischen und homophoben Beiträgen in einer WhatsApp-Gruppe für große Empörung.

Dem SWR wurde ein 18-seitiges Dokument mit Auszügen aus dem Chat-Verlauf zugespielt. Ein Mitarbeiter der Behörde begleitet die Gruppe - nach eigenen Angaben - als Administrator in wissenschaftlichen Angelegenheiten. Das Ministerium in Mainz bestätigt die Recherchen des SWR und beurteilt die Beiträge als "indiskutabel und unangemessen".

Schatzsucher klagen an

Um in Koblenz und Umgebung auf Schatzsuche zu gehen, bedarf es einer Nachforschungsgenehmigung, kurz NFG. Diese erteilt die Denkmalschutzbehörde. Sie trifft die Entscheidung in Einvernehmen mit der Landesarchäologie. Allein in Koblenz soll es rund 250 offiziell zugelassene Schatzsucher geben. Normalerweise meiden Schatzsucher die Medien. Jeder Fund, der in die Presse kommt, sorgt für Aufregung und Raubgräber. Doch nun richten sich gleich mehrere Schatzsucher unabhängig voneinander an den SWR, übermitteln Unterlagen und klagen an.

"Die Beiträge sind indiskutabel und unangemessen. Die Landesarchäologie distanziert sich von diesen Beiträgen. Sie ist weder Betreiber des Chats noch für die Inhalte verantwortlich."

Seit Wochen sorgt in Verwaltung und Ministerien ein Brief für schlechte Stimmung. Er ist an die rheinland-pfälzische Ministerpräsidenten Malu Dreyer (SPD) gerichtet, darin beschweren sich zwei Schatzsucher über die Vorgänge in der Landesarchäologie Koblenz.

Rechtsradikale, sexistische und homophobe Beträge

Der Brief sei die letzte Möglichkeit, um "auf einen Missstand in der Landesarchäologie Rheinland-Pfalz, Außenstelle Koblenz, hinzuweisen, den wir aufgrund unserer grundlegenden politischen und gesellschaftlichen Einstellung so nicht akzeptieren können." Die Schatzsucher hegen "große Vorbehalte gegen einen Mitarbeiter aufgrund dessen Verhalten."

Beweise, die ihre Aussagen untermauern, fügen sie dem Schreiben bei. Es sind Fotos aus einer WhatsApp-Gruppe mit Namen "NFG AW". So nennt sich eine Gruppe von etwa 30 Schatzsuchern aus Ahrweiler. In dem Brief an die Ministerpräsidentin heißt es: "Sie werden nach der Lektüre verstehen, dass wir mit einem Mitarbeiter einer Landesbehörde, der als Administrator rechtsradikale, sexistische und homophobe Beträge in nicht unerheblichem Umfang akzeptiert und sogar durch eigene Beiträge entsprechend partizipiert, auf keinen Fall zusammenarbeiten können." Sieben Monate später liege ein abschließendes Ergebnis nicht vor, sagt einer der Schatzsucher dem SWR.

Rassismus, Pornos, Weltkriegsbombe – ein WhatsApp-Chat voller Intrigen. (Foto: SWR)
Rassismus, Pornos, Weltkriegsbombe – ein WhatsApp-Chat voller Intrigen.

Weitere Beschwerden und Hinweise

Auch der Schatzsucher Karl Ransai wartet nach eigenen Angaben seit Wochen auf eine Reaktion. Auch er hat – nach eigenen Aussagen - Fotos aus dem Chat der WhatsApp-Gruppe "NFG AW" vorliegen und an die übergeordneten Behörden in Mainz und Koblenz weitergeleitet. Der Name Karl Ransai ist ein Pseudonym. Er hat Angst vor Rache und will seine Identität geheim halten.

Seine Informationen zeigen aber, dass er Zugang in den inneren Kreis der WhatsApp-Gruppe hat. Zwei Beiträge aus seinem Schatzsucher-Chats stechen heraus. Ein "Andreas" stellt das Foto einer gefundenen Weltkriegsbombe in den Chat. Darunter schreibt ein Schatzsucher Frank R. die Bombe sei ein "Weihnachtsgeschenk für den dog H.".

Mit "dog H." ist ein Beamter der Behörde gemeint, der zuständig für die Betreuung der Schatzsucher ist. Dog steht hier offenbar für das englische Wort Hund. Für den Mitarbeiter der Landesarchäologie Koblenz, der die Gruppe als Administrator wissenschaftlich betreut, offenbar kein Anlass zu reagieren und er meldet den Vorgang offenbar auch nicht bei seinen Vorgesetzten. Zu Wort meldet er sich laut den vorliegenden Chat-Protokollen dafür bei anderen Themen wie etwa "öffentliches Betrinken" oder "russische Frauen".

Ministerium: "Beiträge indiskutabel und unangemessen"

Im Chat gerät eine Mitarbeiterin der Landesarchäologie in NRW ins Fadenkreuz, wird als "Archäologin zum Anfassen" und als "Krähe" beleidigt. Das Ministerium stellt klar: "Die Beiträge sind indiskutabel und unangemessen. Die Landesarchäologie distanziert sich von diesen Beiträgen. Sie ist weder Betreiber des Chats noch für die Inhalte verantwortlich."

Laut Ministerium wurde der Chatverlauf aber mit dem Mitarbeiter ausführlich erörtert. Und "Dieser wurde nahegelegt, eine Strafanzeige zu stellen, sofern sie sich persönlich bedroht fühle." Aus NRW erfährt der SWR von Jens Schubert, dem Pressesprecher beim Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland, dass "wir uns derzeit zu dem Sachverhalt nicht äußern möchten. Wir werden in der Angelegenheit LVR-intern mögliche rechtliche Schritte prüfen."

Autoren verweisen auf "privaten Charakter" der Chats

Die Verfasser der umstrittenen Beiträge verweisen in einer Stellungnahme auf den "privaten Charakter" der ausgesuchten Chats. Mit Vorwürfen zur Bombe konfrontiert, erklären sie, dass das Ganze ja nur ein harmloser Witz gewesen sei. Die "Bombe" sei in Wirklichkeit nur ein "Druckbehälter" gewesen. Warum dann einer der Teilnehmer dann wegen der Bombengrüße an "dog H." warnt und zur Vorsicht mahnt, kommentieren die Schatzsucher nicht.

Ministerium prüft rechtliche Schritte

Wegen der kritisierten Beiträge hätten sie die Verfasser angesprochen. Die hätten sich reumütig gezeigt und würden solche Dinge nicht mehr schreiben. Die sechs Schatzsucher müssen, anders als in NRW, in Rheinland-Pfalz vorerst keine Konsequenzen für ihre Sucherlaubnis befürchten.

Das Ministerium teilt auf mehrmalige Nachfrage mit: "Derzeit gültige, von den bei den Kreis- bzw. Stadtverwaltungen angesiedelten unteren Denkmalschutzbehörden erteilte Nachforschungsgenehmigungen sind rechtskräftige Verwaltungsakte, deren Rücknahme sich nach dem Verwaltungsverfahrensgesetz richtet und nur ausnahmsweise zulässig ist."

Aber erste Schritte zu Klärung der Situation hat das Ministerium schon eingeleitet: "Die Art der Beiträge hat uns veranlasst, unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anzuweisen, nicht nur aus dieser, sondern auch aus anderen Sondengänger-Chat-Gruppen auszutreten". Das Ministerium prüft "eine dienstrechtliche Überprüfung des Sachverhaltes einzuleiten. Das Verfahren dauert noch an."

Es knirscht und quietscht unter den Schatzsuchern in Rheinland-Pfalz. Für einen Teil von ihnen ist eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Landesarchäologie kaum mehr möglich.

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