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Vor dem Landgericht Koblenz ist das Verfahren um den schwer verletzten Polizisten in Andernach fortgesetzt worden. Mithilfe von Zeugenaussagen hat das Gericht versucht, herauszufinden, wie der Polizeieinsatz vor einer Gaststätte in Andernach im vergangenen Oktober so eskalieren konnte.

Die Staatsanwaltschaft wirft zwei Männern im Alter von 29 und 30 Jahren vor, mehrere Polizeibeamte bei einem Einsatz brutal angegriffen und dabei verletzt zu haben. Der 30-jährige Hauptangeklagte soll einem Polizisten mit voller Wucht gegen den Kopf getreten haben. Die beiden Männer haben die Taten am ersten Verhandlungstag (15. März) weitesgehend eingeräumt.

Nachdem bereits die beiden Angeklagten und das Opfer zu Wort gekommen sind, schilderten diese Woche unter anderem die vier Kollegen des schwer verletzten Polizisten ihre Version des verhängnisvollen Einsatzes. Besonders eindrücklich war die Aussage einer Polizistin, die sich nach dem Angriff um ihren Kollegen gekümmert hat, der aus einer Kopfwunde blutend am Boden lag. "Ich wusste nicht, ob er mir überhaupt noch mal eine Antwort gibt", erinnerte sie sich.

"Ich hatte das Gefühl, die Leute waren mit unserem Erscheinen generell nicht einverstanden."

Einer der Polizisten über die Stimmung vor der Gaststätte

Dabei fing der Einsatz relativ ruhig an. Als die Polizisten vor der Gaststätte eintreffen, ist die gemeldete Schlägerei eigentlich beendet. Die Beamten stellen sich auf routinemäßige Befragungen ein. Doch die Stimmung ist aufgeheizt, sie werden bei ihrer Arbeit behindert. Ein Polizist sagte vor Gericht: "Ich hatte das Gefühl, die Leute waren mit unserem Erscheinen generell nicht einverstanden."

Einer der Angeklagten betritt mit seinem Verteidiger den Gerichtssaal. (Foto: SWR)
Einer der Angeklagten betritt mit seinem Verteidiger den Gerichtssaal.

Überwachungskameras haben Tritt gegen Polizisten dokumentiert

Was am 10. Oktober 2020 zwischen 3:15 Uhr und 3:20 Uhr passiert ist, wurde durch Überwachungskameras dokumentiert. Ein Zusammenschnitt der Aufnahmen wird im Gerichtssaal mehrfach gezeigt. Die Anwesenden sehen eine - trotz Corona - überfüllte Gasse. Gerangel zwischen mehreren Personen. Das Eintreffen der Polizei. Männer, die die Polizisten bedrängen und von den Beamten wegstoßen werden. Ein Polizist zieht schließlich eine Elektroschockpistole, setzt sie ein und ein Mann geht zu Boden.

Plötzlich geht alles sehr schnell, die Szene wird unübersichtlich. Am Ende liegt der Polizist, der den Taser gezogen hat, reglos auf dem Boden. Eine Polizistin sagte vor Gericht: "Der Tasereinsatz war das, was das Ganze ausgelöst hat." Sie betont jedoch auch, dass die Elektroschockpistole "nicht aus heiterem Himmel" genutzt wurde. Sie bezeichnete den Einsatz als notwendige Maßnahme.

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Befragung der Zeugen gestaltet sich schwierig

Wären die Videoaufnahmen nicht, würde die Rekonstruktion des Vorfalls schwierig werden. Das zeigte sich bei der Befragung der Zeugen am Dienstag und Mittwoch. Die Erinnerungen an den Einsatz sind bruchstückhaft. Jeder hat nur einen kleinen Teil der Szene mitbekommen. An viele Einzelheiten - wie zum Beispiel auch den Tritt gegen den Kopf ihres Kollegen - können sich selbst die Polizisten nicht genau erinnern.

Dabei geht es für die beiden Angeklagten in dem Prozess um viel. Dem Hauptbeschuldigten, einem 30-jährigen Mann aus Andernach, wirft die Staatsanwaltschaft versuchten Totschlag und gefährliche Körperverletzung vor. Er soll den am Boden knieenden Polizisten in vollem Lauf mit dem Schuh gegen den Kopf getreten haben – dabei soll er dessen Tod zumindest billigend in Kauf genommen haben.

Rückblick auf den Prozessauftakt

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Richter: Was war der Auslöser für das aggressive Verhalten?

Die Frage, die den vorsitzenden Richter nach eigenen Worten vor allem umtreibt, ist die Frage: "Was war der Auslöser für das aggressive Verhalten?" Beide Männer sind polizeilich vorher nicht in Erscheinung getreten. Von mehreren Zeugen werden die Angeklagten als ruhige, friedliche Typen beschrieben.

Ganz anders fällt die Beschreibung der Lokalität aus, vor der der Vorfall stattgefunden hat. Den Schilderungen mehrerer Zeugen zufolge kommt es rund um die Kneipe häufig zu Auseinandersetzungen. Dass der Gastwirt mit einer täuschend echt aussehenden Gaspistole herumhantiert und diese sogar auf Gäste richtet - wie in einem Video zu sehen ist - scheint niemanden zu stören.

Weitere Verfahren gegen Beteiligte

Gegen eine Reihe von Zeugen laufen eigene Strafverfahren - unter anderem wegen Strafvereitelung. Dem Hauptbeschuldigen wurde beispielsweise der Schuh gebracht, den er bei seinem Tritt gegen den Polizisten verloren hat. Außerdem soll ihm bei der Flucht geholfen worden sein. Ein weiterer Verdacht betrifft den Bierdeckel, auf dem die Anzahl der Getränke festgehalten wurde, die der 30-Jährige konsumiert hat. Hier steht im Raum, dass der Bierdeckel nachträglich verändert wurde. Es sollen zusätzliche Getränke darauf vermerkt worden sein.

Der Hauptbeschuldigte hatte sein Verhalten in der von seinem Anwalt vorgetragenen Erklärung größtenteils seinem Alkoholkonsum zugeschrieben. Die Staatsanwaltschaft geht nach Auswertung von Bildmaterial und Untersuchungsergebnissen jedoch nicht davon aus, dass die Angeklagten in der Tatnacht so betrunken waren, dass dies einen Filmriss rechtfertigen würde. In der nächsten Sitzung soll ein Rechtsmediziner die Rolle des Alkohols einschätzen.

Der Prozess wird am 16. April fortgesetzt.

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