Drohnenbild vom Ort Dernau ein Jahr nach der Flut-Katastrophe im Ahrtal (Foto: SWR)

Zeitpunkt zum Gehen verpasst

Probleme mit freiwilligen Helfern im Ahrtal

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Die Solidarität mit den Betroffenen der Flutkatastrophe ist immer noch groß. Probleme gibt es dann, wenn die Freiwilligen nicht mehr gehen wollen, obwohl die Arbeit getan ist.

Direkt nach der Flut kamen viele freiwillige Helfer ins Ahrtal und haben mit angepackt. Auch Sebastian Tetzlaff aus Dernau wurde geholfen. Durch die Folgen der Flutkatastrophe musste er sein Haus abreißen lassen.

Auch ein Jahr nach der Katastrophe werden Helfer im Ahrtal weiter gebraucht - inzwischen sind aber verstärkt ausgebildete Handwerker gefragt. Doch einige Helfer bleiben trotzdem. Sie scheinen den Absprung verpasst zu haben, wieder zu gehen.

Helferin soll in Dernau auf Spendenbasis gelebt haben

Konkret nennt Sebastian Tetzlaff den Fall einer Helferin, die praktisch ein Jahr in Dernau verbracht hat. Neben seinem Haus hatte sie sich eingerichtet - mit extra aufgeschüttetem Fundament, kleinem Holzhaus, Strom, Wasser und Essen. Alles bezahlt mit Spenden, sagt Tetzlaff.

"Wenn diese Menschen dann auch noch den Wiederaufbau stören, dann stimmt etwas nicht."

Kompliziert sei es geworden, als sein Nachbar auf der Fläche mit dem Neubau seines Hauses beginnen wollte. "Sie hat sich geweigert zu gehen. Hat unsere Aufforderungen einfach ignoriert", sagt Tetzlaff. "Wenn diese Menschen dann auch noch den Wiederaufbau stören, dann stimmt etwas nicht."

Helferin schildert den Fall anders

Die Helferin widerspricht dieser Darstellung. Sie habe sich immer an alle Vereinbarungen gehalten und auch den Wiederaufbau nicht gestört. Allerdings berichten auch viele andere Dernauer davon, dass ihre Hilfe längst nicht mehr benötigt und ihre Anwesenheit als Störung wahrgenommen werde.

Auch Ortsbürgermeister Alfred Sebastian (parteilos) spricht gegenüber dem SWR von ähnlichen Problemen an ihrem alten Standort auf einem Dorfplatz. Dort hatte sie bis Dezember ihr Zelt aufgeschlagen. Es habe massive Belästigungen der Nachbarn gegeben und ihn hätten zahlreiche Beschwerden erreicht. Über einen langen Zeitraum habe man sehr großen Druck auf die Helferin ausüben müssen, damit diese den Platz endlich räume, so Sebastian.

Ein Extremfall – aber kein Einzelfall im Ahrtal

Fälle, die der Psychologe Christian Falkenstein aus Dernau immer wieder erlebe. Die Gründe seien unterschiedlich, sagt er. Ein Hauptgrund sei sicherlich, dass die freiwilligen Helfer hier im Ahrtal trotz der Katastrophe, des Leids und der Zerstörung auch Glücksgefühle entwickelten. "Sie erleben Solidarität, Dankbarkeit und Bedeutsamkeit. Alles, was sie tun, hilft den Menschen und gibt ihrem Tun einen Sinn." Und was einen glücklich mache, wolle man wiederholen, das sei vollkommen normal und menschlich, sagt Falkenstein weiter.

Eine Welt ohne Regeln

Dazu komme für einige ein anderer Aspekt. "Gerade am Anfang der Katastrophe gab es im Tal keine Regeln mehr. Keine Bürokratie, keine Anträge, keine Strafzettel. Man konnte einfach machen und schnell was bewirken", sagt Psychologe Falkenstein. Ein befreiendes Gefühl sei das für manche gewesen. Aber diese Zeit sei vorbei und das würden einige nicht verstehen.

"Irgendwann muss man den Schalter wieder umlegen und ins normale Leben zurückkehren."

Diese Menschen würden stattdessen versuchen, diesen Schwebezustand so lange wie möglich beizubehalten. "Aber ewig geht das nicht. Irgendwann muss man den Schalter wieder umlegen und ins normale Leben zurückkehren", sagt Falkenstein.

Hilfsangebote für freiwillige Helfer

Gerade bei den Dauerhelfern, die seit einem Jahr ohne Pause hier sind, kommt laut dem Psychologen manchmal hinzu, dass sie zuhause kein glückliches Leben haben. "Dort leben sie vielleicht sozial isoliert oder in schwierigen Verhältnissen und ein Leben hier im Krisengebiet ist für sie schöner und angenehmer als ihr altes Leben."

Das alles seien psychologische Probleme, die angegangen werden müssen. Die kostenlosen Beratungsangebote gibt es nach Angaben von Christian Falkenstein deswegen auch nicht nur für Flutbetroffene, sondern ausdrücklich auch für Helferinnen und Helfer.

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