Der Kreisbeigeordnete Friedhelm Münch (FWG) und die neue Landrätin des Kreises Ahrweiler, Cornelia Weigand bei der Amtseinführung.   (Foto: SWR)

Parteilose Politikerin muss Mammutaufgabe stemmen

Cornelia Weigand als neue Landrätin im Kreis Ahrweiler vereidigt

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Johannes Baumert/Michael Lang

Nach fünf CDU-Landräten steht mit Cornelia Weigand erstmals eine Frau an der Spitze des Kreises Ahrweiler: Am Freitagnachmittag ist sie feierlich in ihr Amt eingeführt worden.

Seit 1965 wurde der Kreis Ahrweiler von CDU-Landräten geführt, jetzt ist der Wechsel vollzogen: An der feierlichen Amsteinführung der parteilosen Cornelia Weigand nahm neben vielen Kommunalpolitikern aus dem Kreisgebiet auch der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD) teil. Er sagte in seiner Rede, dass auf die neue Landrätin beim Wiederaufbau des Ahrtals beispiellose Aufgaben warten.

"Das Ahrtal hat eine Apokalypse erlebt."

In ihrer Antrittsrede ging Cornelia Weigand darauf ein und sagte, sie wisse, dass die Menschen im Ahrtal viele Hoffnungen in sie setzten. Sie dürften zwar keine Wunder erwarten, aber immer ein offenes Ohr. "Das Ahrtal hat eine Apokalypse erlebt. Die nächsten Jahre werden nicht leicht werden. Der Wiederaufbau ist eine Mammutaufgabe und wird Zeit brauchen."

Die Flutmanagerin SWR1 Leute mit Cornelia Weigand

Die Nacht zum 15. Juli 2021 hat alles verändert im Leben von Cornelia Weigand. Sie ist Bürgermeisterin der Verbandsgemeinde Altenahr – und hat seitdem eigentlich nur ein Thema: den Wiederaufbau zu organisieren. Jetzt blickt sie auf die ersten fünf Monate nach der Flut zurück.  mehr...

Leute SWR1 Rheinland-Pfalz

Es gehe darum, Chancen zu nutzen und Mut zu haben. Bei der Fülle der Aufgaben könne man sich im Kreis Ahrweiler politische Machtspiele nicht leisten. Es brauche den Schulterschluss aller. Sie selbst freue sich sehr auf die Zusammenarbeit. Sie habe den Wunsch, in acht Jahren - am Ende ihrer Amtszeit - auf ein geheiltes Ahrtal blicken zu können.

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Hochwasser im Ahrtal war auch Wendepunkt für Cornelia Weigand

Die Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 hat das Leben Tausender Menschen im Ahrtal verändert, auch das von Cornelia Weigand. Sie habe in dieser Nacht den Pfarrer der Gemeinde angerufen und ihn gebeten, für die Menschen zu beten, erzählt die 50-Jährige. "Viel mehr blieb uns nicht übrig."

Ihre Stimme klingt ruhig, nachdenklich und manchmal auch sehr traurig, wenn sie sich an die Flutnacht erinnert. Sie habe viele Menschen getroffen, die Familienangehörige oder Freunde verloren haben. Andere standen vor dem Nichts. Auch in ihrem eigenen Haus habe sechs Meter hoch das Wasser gestanden. Deshalb kennt sie die Fragen, die sich die Menschen im Ahrtal immer wieder stellen: "Kommen meine Nachbarn zurück? Bauen sie wieder auf? Wie geht es ihnen?"

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Doch viel Zeit blieb Cornelia Weigand nicht, um ihr Zuhause aufzuräumen. In der Flutnacht wurde aus der Bürgermeisterin der Verbandsgemeinde Altenahr die Katastrophen-Managerin Cornelia Weigand: Es war schwer, die studierte Biologin danach zu erreichen. Ihr Handy war fast immer besetzt. Von einer Fernsehsendung zog sie zur anderen, um den Menschen außerhalb des Ahrtals die dramatische Situation zu erklären.

Steinmeier, Merkel, Dreyer: Nach der Flut kamen die Politiker zu Weigand

Nach der Katastrophe schrieb sie einen Brandbrief an die Bundesregierung und forderte unter anderem einen Sonderbeauftragten für den Wiederaufbau im Ahrtal. Das machte sie bundesweit bekannt. Der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zeigte sie danach das Ausmaß der Zerstörung in Altenahr, sie gedachte mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) und Ministerpräsidentin Malu Dreyer am Nürburgring der Toten.

Cornelia Weigand spricht mit Angekla Merkel (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Th. Frey)
3. September 2021: Angela Merkel spricht in einer Pressekonferenz mit der Verbandsbürgermeisterin von Altenahr, Cornelia Weigand (r). Knapp sieben Wochen nach ihrem ersten Besuch im Ahrtal war Merkel erneut im Katastrophengebiet und informierte sich über die Aufräumarbeiten. Th. Frey

Weigand bat Kreis wohl schon früh Katastrophen-Alarm auszurufen

Weigands Name steht noch immer wie kaum ein anderer für die Katastrophe: Internationale Zeitungen wie beispielsweise die US-amerikanische Washington Post oder eine große indische Zeitung zitierten die Verbandsbürgermeisterin aus Rheinland-Pfalz. Zumal auch, weil Cornelia Weigand eine der ersten war, die den damaligen Landrat Jürgen Pföhler (CDU) kritisierte.

"Wir haben zwar die Botschaften absetzen können, aber sie haben inhaltlich kein Gehör gefunden.“

Knapp einen Monat nach der Katastrophe sagte sie dem SWR, sie habe schon am Nachmittag des 14. Juli im Landratsamt angerufen und darum gebeten, den Katastrophenfall auszurufen. "Wir haben zwar die Botschaften absetzen können, aber sie haben inhaltlich kein Gehör gefunden", sagt Weigand später.

Diese Aussage könnte insofern brisant sein, als sich jetzt der Untersuchungsausschuss des Landtages mit der Frage beschäftigt, ob die Katastrophe vorhersehbar war. Die Staatsanwaltschaft hat schon im August 2021 Ermittlungen wegen des Anfangsverdachts der fahrlässigen Tötung und fahrlässigen Körperverletzung durch Unterlassen aufgenommen – unter anderem gegen den damaligen Landrat Jürgen Pföhler. Noch ist aber nicht absehbar, wann und mit welchem Ergebnis sie beendet sein werden.

Cornelia Weigang hat 2019 Bürgermeisteramt übernommen

Cornelia Weigand wurde 1971 auf Sylt an der Nordsee geboren. Sie wuchs in Bonn auf und studierte dort Biologie. Beruflich hatte sie zunächst wenig mit Politik zu tun: Die meiste Zeit ihres Berufslebens habe sie in der Privatwirtschaft gearbeitet, schreibt sie auf ihrer Homepage. Vor mehr als zehn Jahren kam Weigand dann an die Ahr. Sie ist hier mit einem Arzt verheiratet. Nach eigenen Angaben sind Rennradfahren und Marathon laufen ihre Hobbys.

Zunächst arbeitete sie in Bonn bei der Zentralstelle der Länder für Gesundheitsschutz bei Arzneimitteln und Medizinprodukten. Den Schritt in die Kommunalpolitik machte sie erst 2019: Damals kandidierte sie bei der Urwahl als Bürgermeisterin der Verbandsgemeinde Altenahr – und wurde mit fast 61 Prozent der Stimmen direkt gewählt.

Ortsbürgermeister kritisierten Weigand für Kandidatur als Landrätin

Dieses Amt hatte sie gerade zwei Jahre inne, als die Katastrophe über das Ahrtal hereinbrach. Ihre Entscheidung, als Landrätin zu kandidieren sei ihr nicht leicht gefallen, sagt sie. Doch viele Menschen im Kreis hätten sie darum gebeten. Auch wenn ihre Kandidatur nicht unumstritten war.

Es sei kein gutes Signal, dass Cornelia Weigand kurz nach der Katastrophe als Landrätin in die Kreisverwaltung wechseln wolle, sagte etwa Rüdiger Fuhrmann, Ortsbürgermeister von Altenahr. Er sprach damit auch für die anderen Ortsbürgermeister- und bürgermeisterinnen in der Verbandsgemeinde Altenahr.

Doch Ende Januar gelang der unabhängigen Kandidatin Cornelia Weigand überraschend der Sieg bei der Landratswahl im Kreis Ahrweiler: Obwohl noch drei weitere Bewerber antraten, wurde sie im ersten Wahlgang mit 50,2 Prozent der Stimmen zur neuen Landrätin gewählt. Wer ihr in Altenahr folgen wird, ist noch nicht klar.

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