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Es war eine Flutwelle von der Quelle bis zur Mündung der Ahr, es gibt keinen Ort, der nicht betroffen ist. Unendlich viele Schicksale sind damit verbunden. Eines davon ist das von Monika Dewald aus Dernau, stellvertretend für so viele.

Als wir Monika Dewald treffen, steht sie an ihrer verwüsteten Tankstelle in Dernau und versucht, inmitten von Schlamm und Zerstörung, ein Fotoalbum von der Hochzeit ihres Sohnes zu retten. Sie wischt mit einem Handtuchzipfel den Schlamm von der Albumfolie, mit Toilettenpapier trocknet sie vorsichtig jedes einzelne Bild.

Monika Dewald versucht inmitten des Chaos ein Fotoalbum zu retten. (Foto: SWR)
Erinnerungen retten - Monika Dewald hat ein Familienfotoalbum gefunden und versucht, die Bilder mit Klopapier zu trocknen.

Ihre Geschichte beginnt am Mittwochabend mit einer Eistruhe, die vor dem Tankstellengebäude ihren Platz hatte. Monika Dewald, die Senior-Chefin der Tankstelle in Dernau, wollte schnell noch ein paar Sachen in Sicherheit bringen. Doch plötzlich, so berichtet sie, schwamm die Crushed-Ice-Truhe hinter ihr her. Da war ihr klar: Viel Zeit, um Blumentöpfe in Sicherheit zu bringen, hatte sie nicht mehr. Als sie sieht, wie Wasser durch die Kellerfenster in ihr benachbartes Wohnhaus läuft, rufen ihre Kinder sie ins Haus.

Das Wasser der Ahr steigt und steigt

Auf der Straße läuft noch ein verzweifelter junger Mann herum, der eigentlich mit dem Zug nach Ahrweiler fahren möchte und nun nicht weiß, wo er hin soll. Familie Dewald nimmt ihn zu sich ins Haus - ein Glücksfall für beide Seiten, wie sich bald herausstellen wird, denn sie helfen sich gegenseitig.

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Denn auch im Haus steigt das Wasser sehr schnell. Die Möbel fangen an, zu schwimmen und Monika Dewalds Schwiegertochter erkennt schnell, dass auch die erste Etage nicht ausreichen wird, um sich vor den Wassermassen in Sicherheit zu bringen. Sie beschließen, aufs Dach zu klettern.

Familie klettert samt Katze und Schildkröten aufs Dach

Sie, dass sind Monika Dewald und ihr Mann, der sich bereits im Wasser verletzt hat, ihr Sohn, die Schwiegertochter, der 7-jährige Enkel und der fremde Mann - mit dem die Verständigung etwas schwer fällt, weil er Italiener ist - eine Katze und zwei Schildkröten.

"Ich bin seit 1967 hier und habe so ein Hochwasser noch nicht erlebt."

Gemeinsam schaffen sie es, Möbel durchs Fenster im ersten Stock aufs Garagendach zu hieven. Dort türmen sie das Mobiliar so weit auf, dass sie aufs Dach flüchten können. Und das gelingt nur mit vereinten Kräften. Monika Dewald wird von dem ihr fremden Mann nach oben gezogen, von unten schiebt ihr Sohn nach. Sie hält sich an der Regenrinne fest und schafft es so irgendwie, die Beine nach oben aufs Dach zu heben. Nach und nach kommen alle oben an.

Monika Dewald erzählt ihre Erlebnisse. (Foto: SWR)
Monika Dewald aus Dernau hat mit ihrer Familie einiges zu verarbeiten. Zwölf Stunden lang waren sie auf dem Dach ihres Hauses.

Die ganze Nacht auf dem Dach bis zum nächsten Morgen

Während um das Haus herum das Wasser tobt, harrt die Gruppe auf dem Dach aus. Dabei haben sie nur Kissen und Decken und ein paar Bonbons - etwas zu trinken haben sie vergessen, erzählt Monika Dewald. Im Dunkeln sieht sie Autos am Haus vorbei schwimmen, Gastanks, ganze Bäume und Unrat.

"Wir waren bis dahin alle tapfer. Wir haben nicht geweint. Aber ich hab gebetet. Ich habe sehr viel gebetet".

Als es hell wird, berichtet sie, wird die Familie von der Feuerwehr entdeckt. Zunächst wollen die Feuerwehrmänner die Flutopfer mit einem Boot vom Dach retten. Doch bei der immer noch reißenden Strömung haben die Dewalds Sorge, dass das Boot abtreiben könnte und es für sie und die Retter zu gefährlich ist. Nach insgesamt zwölf Stunden auf dem Dach werden Monika Dewald und ihre Familie schließlich aus der Luft gerettet, mit einem Hubschrauber.

Eine völlig verwüstete Tankstelle in Dernau (Foto: SWR)
Die Tankstelle von Dernau - hier wurde Monika Dewald vom Hochwasser überrascht.

Sobald sich das Wasser ausreichend zurückgezogen hat, kehren Monika Dewald und ihre Familie zurück zum Haus und zur Tankstelle in Dernau. Beide Gebäude, wie alle anderen Häuser in der Nachbarschaft auch, sind ein einziges Bild der Verwüstung. Die Eistruhe ist verschwunden. Die Erinnerungen an die Nacht bleiben.

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