Baumaterial ist auf einer Straße in Bad Neuenahr-Ahrweiler gelagert, im Hintergrund eine Flut-Baustelle (Foto: SWR)

Erschwerter Wiederaufbau nach der Flutkatastrophe

Baustellen-Diebstahl im Ahrtal sorgt für Wut und Enttäuschung

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Auf den Baustellen im Ahrtal wird offenbar immer mehr gestohlen. Zwei Firmenchefs berichten dem SWR, dass nahezu jede Woche teure Baumaschinen oder Material verschwinden würden.

Der Wiederaufbau im Ahrtal werde durch die Diebstähle deutlich gehemmt, sagen die Firmenchefs. Auf Facebook fahndet beispielsweise Daniel Josten nach seiner "Graco Mark 7". Die Maschine zum Spritzen von Farbe und Spachtelmasse ist 7.200 Euro wert. Sie verschwand Ende Juli von einer Baustelle in Dernau.

Facebook-Post zu einer gestohlenen Maschine von einer Baustelle im Ahrtal (Foto: SWR)

"Das Areal war tagsüber drei Stunden lang unbeaufsichtigt," berichtet der Chef des Malerbetriebs Reinert aus Bad Neuenahr-Ahrweiler, der jetzt nach der Flut seinen Firmensitz nach Walporzheim verlegt hat. Als die Handwerker zurück gekommen seien, sei die große blaue Maschine weg gewesen. Die "Graco Mark 7" sei so gut wie neu gewesen. Bei der Flutkatastrophe seien fast alle Geräte des Betriebs zerstört worden und hätten neu beschafft werden müssen.

Lieferung kommt - Geräte weg

Ähnlich ging es Michael Holzem aus Heimersheim. Auch er musste seinen Betrieb wiederaufbauen und alle Maschinen und Geräte neu bestellen. Lange musste der Dachdecker darauf warten. Als endlich die Lieferung gekommen sei, seien zwei Tage später die wertvollsten Geräte schon wieder weg gewesen. "Wir waren so froh, als an einem Donnerstag die Maschinen eintrafen," berichtet er. Doch unbekannte Diebe hätten in der Nacht zum Samstag den Firmen-Kleinbus aufgebrochen und leer geräumt.

Facebook-Post zu Baustellen-Diebstahl im Ahrtal (Foto: SWR)

Michael Holzem war am Boden zerstört. Auf Facebook schrieb er spontan: "An das herzlose Arschloch, das gestern unseren Firmenbus aufgebrochen und alle Maschinen geklaut hat: Bring die Maschinen zurück, wir haben momentan andere Probleme und helfen damit zur Zeit Flutopfern, die kein Zuhause mehr haben." Er sei richtig stinkig gewesen und schwer enttäuscht, berichtet der Firmenchef: "Enttäuscht von der Menschheit. Wie kann man sowas machen bei dem Hintergrund? Das geht gar nicht."

Baustellendiebe werden immer dreister

Der aufgebrochene Firmenbus ist offenbar kein Einzelfall. Michael Holzem kann haarsträubende Geschichten erzählen. Die Baustellendiebe würden immer dreister, berichtet er. Während seine Mitarbeiter oben auf einem Dach arbeiteten, mussten sie mit ansehen, wie unten auf der Straße ein Auto neben dem geparkten Pritschenwagen der Handwerker hielt. Ein Mann sei ausgestiegen, hätte sich zwei kleine Maschinen geschnappt, die auf der Ladefläche des Firmenautos lagen, habe sie in seinen Wagen geworfen und sei davon gerast. Die Handwerker auf dem Dach notierten das Nummernschild des flüchtenden Fahrzeugs. Vergeblich: Die Polizei hätte später festgestellt, dass es gefälscht gewesen sei.

Mann in blauem Poloshirt und kurzer Hose steht vor blauem Kleinbus in der Lagerhalle seines Dachdeckerbetriebs in Heimersheim. (Foto: SWR)
Michael Holzem aus Heimersheim musste lange auf neue Maschinen und Geräte warten. Als die Lieferung endlich da war, wurden die Geräte nach seinen Angaben gestohlen.

Aber es werden nicht nur Maschinen, Werkzeug oder Baumaterial gestohlen, die lose auf den Baustellen herumliegen, berichtet Michael Holzem: "Selbst montierte Sachen, die schon fest installiert sind in den Gebäuden, werden wieder raus gerissen. Das ist unbeschreiblich. Das ist erschreckend."

Nicht nur Handwerker sind betroffen. Auch Privatleute im Ahrtal müssen immer öfter feststellen, dass in ihren Häusern oder auf ihren Grundstücken, wo sie derzeit sanieren und wiederaufbauen, plötzlich Dinge fehlen. Auf Facebook suchte Anfang der Woche eine flutbetroffene Frau aus Bad Neuenahr nach ihrem Balkongeländer. Sie appellierte an die Diebe: "Bitte bringen Sie uns das Geländer doch wieder zurück. Es ist noch das Original unseres 130 Jahren alten Hauses. Wir sind schon geschädigt genug."

Polizei verzeichnet keinen Anstieg an Baustellendiebstählen

Die Polizeidirektion Mayen konnte auf Anfrage des SWR nicht bestätigen, dass sich die Baustellendiebstähle im Ahrtal häufen. Im Juli seien nur zwei Anzeigen erstattet worden. Man fahre regelmäßig Streife in Baustellengebieten und kontrolliere verdächtige Fahrzeuge. Handwerker, die bestohlen wurden, sollten unbedingt Anzeige erstatten, erklärte die Polizeidirektion Mayen.

Die Behörden einzuschalten, das bringe doch nichts, meint Firmenchef Michael Holzem. Anzeige werde nur erstattet, wenn die Chance bestehe, dass die Versicherung den Schaden ersetzt: "Wir haben von der Polizei noch nie mitgeteilt bekommen, dass ein Täter ermittelt wurde oder gar eine Maschine zurückbekommen. Das bringt gar nichts."

Appell der Polizei Diebstähle anzuzeigen

Die Polizei in Bad Neuenahr-Ahrweiler appelliert dagegen ausdrücklich, dass die Diebstähle angezeigt werden sollten. Kriminalhauptkommissar Franz-Josef Hammes bestätigt die deutliche Dunkelziffer. Er sagt aber auch: "Wenn wir keine Anzeige vorliegen haben, können wir nicht eingreifen." Aktuell gebe es beispielsweise einen Fall, in dem die Polizei Kupferkabel sichergestellt hätte, aber nicht weiß, wo die Kabel gestohlen wurden. Denn der Besitzer hat den Diebstahl nicht angezeigt.

Ähnlich sei das auch bei Fahrzeugkontrollen, erklärt Hammes. Denn wenn die Beamten Fahrzeuge in den Baustellenbereichen kontrollierten, die Maschinen geladen hätten, könnten sie nicht nachvollziehen, ob es sich dabei um Diebesgut handelt, solange keine Anzeige vorliege.

Firmenchefs treffen Schutz-Vorkehrungen

Daniel Josten vom Malerbetrieb Reinert will seine teuren Maschinen künftig noch besser sichern. Er lässt jetzt überall kleine GPS-Sender einbauen, um die Geräte orten zu können. Ob das etwas bringt? "Vielleicht schreckt es doch den einen oder anderen ab, der sich spontan entscheidet, sich einfach so ein Gerät in den Kofferraum zu laden und abzudüsen," meint der Malermeister.

Mann in blauem Poloshirt steht vor dem Firmenschild seines Malerbetriebs im Ahrtal. (Foto: SWR)
Daniel Josten vom Malerbetrieb Reinert in Bad Neuenahr-Ahrweiler will seine teuren Maschinen künftig besser vor einem Diebstahl schützen.

Wer ist nach Meinung der Firmenchefs für die Diebstahlserie an der Ahr verantwortlich? "Es sind auf jeden Fall nicht die ansässigen Handwerker, die sich gegenseitig beklauen," ist Daniel Josten überzeugt. "Die machen das nicht. Die halten zusammen." Es seien derzeit sehr viele auswärtige Autos und Kleinbusse im Ahrtal unterwegs. Viele Menschen in Handwerker-Montur, von denen man den Eindruck hat, dass sie auf einer der unzähligen Baustellen tätig sind. Aber möglicherweise tarnen sich auf diese Art und Weise auch einige Diebe, die es auf Material und Baumaschinen abgesehen haben, vermutet der Handwerker aus Walporzheim .

Die Stimmung bei den Firmenchefs im Ahrtal ist schlecht

Die Stimmung von Michael Holzem und Daniel Josten ist derzeit wegen der vielen Diebstähle schlecht. Darunter müssen dann manchmal Menschen leiden, die es gar nicht verdient haben, räumt der Malermeister ein: "Das überträgt sich vielleicht auf einen Mitarbeiter, der gar nichts dafür kann - oder auch auf die Familie. Sie kommen schlecht gelaunt nach Hause. Dann hat die Frau auch nicht unbedingt immer Verständnis dafür, dass sie gerade der Motzpeter sind."

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