Der Eifel-Ort Schuld im Landkreis Ahrweiler nach der Flutkatastrophe (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/TNN | Christoph Reichwein)

Kritik nach Flut im Ahrtal

Experte: Rheinland-Pfalz ist schlecht auf Katastrophen vorbereitet

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Fünf Monate nach dem verheerenden Hochwasser im Ahrtal erhebt ein Fachmann für Katastrophenschutz schwere Vorwürfe. Er sagt: Es hätten mehr Menschen gerettet werden können - doch das Krisenmanagement habe versagt.

Wolfgang Grambs, früherer Koordinator für bundesweite Übungen für den Katastrophenschutz, findet gegenüber dem SWR klare Worte. Er kritisiert, dass das Land keinen eigenen Krisenstab hat, der bei Katastrophen die Organisation der Einsatzkräfte übernimmt und alles koordiniert.

Feuerwehr, Polizei und Rettungskräfte hätten bei der Hochwasserkatastrophe im Ahrtal zwar alles gegeben – aber es habe eine professionelle Führung gefehlt. Dazu zählt nach Auffassung von Grambs ein Krisenstab aus Fachleuten im Land, aber auch in den Gemeinden, den Städten und im Kreis. Zum Beispiel, um mehr Menschen zu evakuieren.

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Rheinland-Pfalz hat Empfehlungen zum Krisenmanagement nicht umgesetzt

Wolfgang Grambs ist ehemaliger Bundeswehroberst. Er hat rund zehn Jahre, bis 2013 Übungen zum Krisenmangement mitgestaltet - auch an der Ahr, auf dem Gelände des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Dort üben regelmäßig hunderte Verwaltungsangestellte, Beamte, Feuerwehrleute, Polizisten und andere Helfer aus ganz Deutschland Krisenfälle.

Basierend auf den Erfahrungen aus diesen Übungen machen nach Angaben von Grambs die Innenminister des Bundes und der Länder Vorschläge, wie eine Katastrophe am besten zu bewältigen sei. So gebe es bereits seit mehr als zehn Jahren Empfehlungen, dass Länder und Kommunen Krisenstäbe für den Krisenfall einrichten.

In Baden-Württemberg und Bayern gebe es diese bereits, sagt Grambs. Dort seien Fachkompetenzen in einer Behörde gebündelt, um sich unter anderem um die Krisenkommunikation zu kümmern. Damit sich alle Einsatzkräfte voll auf die Rettungsarbeiten konzentrieren können. Grambs kritisiert, dass diese Empfehlungen in Rheinland-Pfalz noch nicht umgesetzt wurden.

Ereignisse in der Flutnacht Thema im Landtag

Der Kreis Ahrweiler und das Land haben auf die Kritik des Katastrophenschutzexperten bereits reagiert: Beide verweisen darauf, dass der rheinland-pfälzische Landtag gerade aufarbeite, was während der Flutkatastrophe im Ahrtal schief gelaufen sei – und ob es möglicherweise auch daran lag, dass es keine Krisenstäbe gab.

Das Land verweist darauf, dass für den Katastrophenschutz in Rheinland-Pfalz die Landkreise und kreisfreien Städte zuständig seien. Sie müssten in einer Katastrophenlage unter anderem über die erforderlichen Maßnahmen zur Gefahrenabwehr entscheiden. Der Krisenstab der Landesregierung sei "ein ressortübergreifendes Abstimmungsinstrument des Krisenmanagements ohne operativ-taktische Befugnisse".

Mit der Aufarbeitung der Flutkatastrophe beschäftigen sich zurzeit eine Enquete-Kommission und ein Untersuchungsausschuss.

Justiz ermittelt gegen früheren Landrat des Kreises Ahrweiler

Auch die Staatsanwaltschaft Koblenz untersucht die Geschehnisse. Sie geht davon aus, dass es ausreichend Anhaltspunkte gibt, dass die Menschen im Ahrtal in der Flutnacht zu spät gewarnt wurden und deswegen viele zu Tode gekommen sind. Sie ermittelt deswegen unter anderem gegen den ehemaligen Landrat Jürgen Pföhler (CDU), der inzwischen wegen Dienstunfähigkeit in den Ruhestand versetzt worden ist, wegen mutmaßlicher fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung durch Unterlassen.

Nach Recherchen der "Rhein-Zeitung" soll Pföhler seit seinem Amtsantritt im Jahr 2000 an keinem Katastrophenschutztraining teilgenommen haben. Er habe Kursangebote der Bundesakademie für Bevölkerungsschutz und Zivile Verteidigung (BABZ) gleich mehrmals abgelehnt. Deren Sitz ist in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Das zuständige Bundesamt hat auf SWR-Nachfrage die Auskunft über eine Kursteilnahme Pföhlers "aus datenschutzrechtlichen Gründen" abgelehnt.

Langwierige Aufarbeitung der Geschehnisse erwartet

Mehr als 130 Menschen sind bei der Hochwasserkatastrophe gestorben, tausende Häuser wurden beschädigt. Viele Zeugen sind jedoch noch nicht vernehmbar, weil sie von den Erlebnissen in der Flutnacht bis heute traumatisiert sind. Die Aufarbeitung wird deswegen voraussichtlich noch Monate dauern.

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