Gesundheitsamtsleiterin Sarah Omar vor dem Türschild ihres Büros (Foto: Kreisverwaltung Westerwaldkreis)

Corona-Pandemie im Westerwaldkreis

Amtsärztin zum Impfen: "Die Hausärzte schaffen das nicht!"

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Die Gesundheitsamtsleiterin des Westerwaldkreises kritisiert im SWR-Interview die Landesregierung scharf. Sie höre bei der Corona-Pandemie nicht auf die Amtsärzte.

SWR Aktuell: Sie würden gerne im Westerwaldkreis deutlich mehr impfen, aber können das aktuell nicht, sagen Sie. Wo ist das Problem?

Sarah Omar: Das Problem ist, dass die etablierten Impfzentren Ende September von der Landesregierung geschlossen wurden. Wir haben damals schon gegenüber dem Ministerium gesagt, dass das keine gute Idee ist. Die Impfzentren hätten weiterhin geöffnet bleiben sollen. Man hat uns nicht gehört und hat die Impfzentren geschlossen. Und jetzt kommen die Menschen und möchten natürlich geimpft werden. Das wird auch allseits empfohlen, aber das Angebot über die Hausärzte reicht einfach nicht aus.

SWR Aktuell: Einige Zentren werden wieder hochgefahren. Nicht aber das im Westerwald...

Omar: Genau. Und wenn Sie sich überlegen, dass unser Impfzentrum im Westerwaldkreis vor sechs Monaten um die tausend Menschen am Tag geimpft hat, dann kommen sie auf etwa 7.000 Menschen, die ihre Zweitimpfung pro Woche erhalten haben. Und die wären jetzt alle mit ihrer dritten Impfung dran. Die Hausärzte schaffen das nicht - egal, wie sehr sie sich anstrengen.

"Die Menschen müssten einfach grundsätzlich weniger Kontakte pflegen, damit sie sich gar nicht erst anstecken."

SWR Aktuell: In einer Presseerklärung des Kreises haben Sie unter anderem auch an die Menschen appelliert, Kontakte zu reduzieren. Das klingt so, als könnten Sie die Kontaktketten nicht mehr nachverfolgen, wenn jemand positiv getestet wird.

Omar: Nein, das stimmt so nicht. Wir können die durchaus nachverfolgen. Wir sehen halt nur, dass alle sich anstecken. Es ist nicht damit getan, die positiv getesteten Menschen in Quarantäne zu schicken. Da ist die Ansteckung schon passiert. Man muss sich im Klaren sein, dass die Nachverfolgung der Kontaktpersonen nur einen Teil der Pandemie eindämmt. Wir wissen, dass jemand, der mit der Delta-Variante infiziert ist, in der Regel seine ganze Familie ansteckt. In der Regel leider auch die Geimpften. Das heißt: Es ist zu spät, wenn das Gesundheitsamt die Nachricht über die Ansteckung überbringt. Zu diesem Zeitpunkt sind die Bekannten und Verwandten schon längst positiv. Die Menschen müssten einfach grundsätzlich weniger Kontakte pflegen, damit sie sich gar nicht erst anstecken.

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SWR Aktuell: Warum ist die Hotline des Gesundheitsamts im Westerwaldkreis denn aber jetzt nur noch vormittags erreichbar?

Omar: Das ist einfach darauf zurückzuführen, dass ich nicht genug Personal habe. Wir hatten jetzt diese Woche Rekordzahlen an positiven Corona-Fällen. An einem Tag hatten wir 118 Fälle. Zuletzt war unser Rekord bei 108 Fällen. Das war im Dezember 2020. Da hatten wir noch zwölf Bundeswehrsoldaten, die uns geholfen haben. Wir hatten diverse Landes- und Bundesbeamte, die bei uns mitgearbeitet haben und Personal von den medizinischen Diensten der Krankenversicherung.

"Wir müssen uns um die Familien kümmern. Die Leute haben Not, wenn sie positiv sind."

SWR Aktuell: Haben Sie denn eine Anfrage an die Bundeswehr gerichtet oder müsste die auch vom Land kommen?

Omar: Diese Anfrage läuft bereits. Wir haben das große Glück, dass unser Landrat und unsere Verwaltung uns mit allen Kräften unterstützt und wirklich täglich neues Personal einstellt. Aber anders als in den letzten Wellen ist es halt nicht so, dass viele Menschen arbeitslos sind. Alles hat auf - die Gastronomie hat auf und auch die Eventbranche. Die Menschen haben überall wieder Arbeit und wir finden nicht genug Menschen, die bei uns mitarbeiten wollen. Deswegen müssen wir uns darauf konzentrieren, dass wir die Leute, die positiv getestet sind, anrufen und sie informieren. Wir müssen uns um die Familien kümmern. Die Leute haben Not, wenn sie positiv sind. Die sind krank, sie haben Sorgen und viele Fragen. Da kümmern wir uns drum, das ist unsere originäre Aufgabe.

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SWR Aktuell: Mit was für Anrufen haben Sie denn sonst noch zu tun?

Omar: Viele Fragen in der Hotline sind zum Beispiel: Darf ich nach Holland? Darf ich den Martinsumzug machen? Wie sieht das aus mit meiner Feier am Wochenende? Das sind alles Fragen, die können wir nicht mehr beantworten. Wir bitten die Bürger da wirklich, von solchen Fragen abzusehen und sich online zu informieren. Ich muss mein Personal dafür einsetzen, die positiv getesteten Menschen zu versorgen und zum Beispiel in den Schulen zu ermitteln. Da haben wir unglaublich viele Fälle. Die Maskenpflicht gilt immer noch nicht. Das geht alles viel zu langsam.

SWR Aktuell: Trotzdem alles Gute. Behalten Sie die Nerven.

Omar: Vielen Dank.

Das Interview führte SWR1 RP-Moderatorin Claudia Deeg.

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