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Oberbürgermeister Berger im Interview

Zwei Hochwasserkatastrophen überstanden: Was das Ahrtal von Grimma lernen kann

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Im sächsischen Grimma kennt man Hochwasser wie im Ahrtal. 2002 und 2013 überflutete dort der kleine Fluss Mulde die Stadt. Wie Grimma das überstanden hat, erzählt Oberbürgermeister Matthias Berger im SWR-Interview.

SWR Aktuell: Herr Berger, Mitarbeiter und Bürger Ihrer Stadt sind im Juli schnell ins Ahrtal gefahren, um zu helfen. Wie kam es dazu?

Matthias Berger: Wir wissen durch die beiden Hochwasser, die wir hier hatten, wie wichtig es ist, in den ersten Stunden zu helfen. Dann, wenn das Wasser durch ist und der Schlamm und der Müll sich häuft. Erstens, um da gleich psychisch zu unterstützen. Zweitens aber auch, um einfach mitanzupacken. Da kann man nicht viel mit Gerätschaften machen, da muss einfach mit Schaufel, Schubkarre und Eimer gearbeitet werden. In den ersten Stunden macht es auch gar keinen Sinn, mit irgendwelchen Führungsstäben Kontakt aufzunehmen - lieber einfach losfahren, zu den Häusern gehen und den Leuten helfen. Wir wissen, wie das geht.

Grimma

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SWR Aktuell: Besonders 2002 war das Hochwasser in Grimma extrem. War dieses Hochwasser jetzt im Ahrtal aus Ihrer Sicht noch schlimmer?

Matthias Berger: Bei uns stand die Mulde, die normalerweise einen Wasserstand von 30 Zentimetern hat, damals auch bei über acht Metern. Das ist schon vergleichbar. Aber das Wasser kam nicht annähernd so schnell wie im Ahrtal. Ich glaube, das hängt mit der Enge der Täler in der Eifel zusammen. Im Ahrtal waren es fast Minuten, oder ein, zwei Stunden, bis das Wasser kam. Bei uns ist es so, dass das Wasser - im schlimmsten Fall -, vielleicht in acht bis zehn Stunden aus dem Erzgebirge hier ist. Zeit und Geschwindigkeit ist schon ein ganz wichtiger Faktor.

SWR Aktuell: Welche Lehren kann man im Kreis Ahrweiler aus den Erfahrungen in Grimma ziehen?

Matthias Berger: Man sollte sich gut überlegen, ob man Häuser, die komplett zerstört wurden, wieder an derselben Stelle aufbaut. Wenn man sich für den Wiederaufbau entscheidet, gibt es einiges zu beachten. Im Untergeschoss sollte Beton verwendet werden, kein Fachwerk oder Trockenbau. Strom und Heizung sollten möglichst weit nach oben im Haus gesetzt werden, am besten unters Dach. Außerdem dauert es sehr lange, bis die Häuser vollständig getrocknet sind. Sie können nicht im Herbst schon wieder verputzt werden.

2002 stand in Grimma die gesamte historische Altstadt unter Wasser. (Foto: dpa Bildfunk, dpa/dpaweb | Jan-Peter Kasper)
2002 stand in Grimma die gesamte historische Altstadt unter Wasser. dpa/dpaweb | Jan-Peter Kasper

SWR Aktuell: Wären Sie denn vor einem extremen Hochwasser wie 2002 oder 2013 in Grimma heute geschützt?

Matthias Berger: Nach dem Hochwasser 2002 haben wir mit der Unterstützung des Freistaats Sachsen eine hochmoderne Hochwasserschutzanlage bekommen. Der Bau war leider 2013, als das nächste große Hochwasser kam, noch nicht fertig. Gegen ein Hochwasser wie 2013 wären wir mit dieser Anlage heute geschützt. 2002 war das Hochwasser allerdings noch schlimmer. Auch heute würde das Wasser noch über die Hochwasserschutzwand steigen, aber dann natürlich viel langsamer und in viel geringeren Mengen in die Stadt vordringen.

SWR Aktuell: Im Ahrtal hat offenbar das Meldesystem nicht funktioniert, als das Hochwasser kam. Auch in Sachsen gab es 2002 Probleme mit dem Warnsystem. Wie sieht das heute aus?

Matthias Berger: Nach dem Hochwasser 2002 haben wir ein hochwertiges Sirenensystem angeschafft. An acht Stellen stehen Sirenen, die vierzehn Tage vom Netz unabhängig in Betrieb sein können. Wir können auch Durchsagen damit machen. Das hat uns 2013 genutzt, denn so konnten wir die Menschen schnell aus dem Ortskern evakuieren. Wir können auch vorher alle Betroffenen per SMS informieren.

Hochwasserschutzanlage in Grimma (Foto: dpa Bildfunk, dpa-Zentralbild | Hendrik Schmidt)
Nach dem Jahrhundert-Hochwasser 2002 wurde in Grimma eine Hochwasserschutzanlage gebaut. dpa-Zentralbild | Hendrik Schmidt

SWR Aktuell: Sie haben ja beide Hochwasser als Bürgermeister von Grimma miterlebt. Wie geht es den Menschen in Ihrer Stadt nach diesen beiden Katastrophen heute?

Matthias Berger: Nach dem Hochwasser 2002 war die Motivation sehr groß, schnell wieder alles aufzubauen, auch weil die Unterstützung von Helfern aus ganz Deutschland und durch die Politik sehr groß war. 2013 waren die Menschen hier in der Stadt schon sehr frustriert, dass sie schon wieder von so einem schlimmen Hochwasser getroffen wurden. Da fiel es den Leuten deutlich schwerer, sich nochmal aufzuraffen.

SWR Aktuell: Haben diese Erfahrungen die Menschen in Grimma wenigstens näher zusammengebracht?

Ja, das auf jeden Fall. Der Zusammenhalt in der Stadt ist größer geworden. Es sind viele Freundschaften entstanden.

SWR Aktuell: Vielen Dank für das Gespräch.

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