Viele Schläuche sind an eine Corona-Patientin auf der Intensivstation angeschlossen. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)

Kliniken bereiten sich auf vierte Corona-Welle vor

Intensivmediziner: "In drei Wochen stehen wir genauso da wie Bayern jetzt"

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Die Intensivstationen im Norden von Rheinland-Pfalz bereiten sich auf die vierte Corona-Welle vor. Die Lage sei zwar noch beherrschbar, die Personalsituation aber teilweise bereits angespannt.

Im bundesweiten Vergleich hat Rheinland-Pfalz noch die meisten freien Intensivbetten. Laut der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) sind noch rund 20 Prozent frei. Damit liegt das Land deutschlandweit als einziges gerade noch im grünen Bereich. Entspannt ist die Lage trotzdem nicht. Manche Intensivstationen sind auch hier schon voll (Stand 22. November).

Hier erhalten Sie Einblicke in die Situation einiger Krankenhäuser im nördlichen Rheinland-Pfalz:

Viele Geräte sind an einen Corona-Patienten in einem Intensivbett-Zimmer angeschlossen. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/dpa | Matthias Balk)
In Rheinland-Pfalz ist die Lage auf den Intensivstationen unter Kontrolle. Doch das könnte sich laut Intensivmedizinern schon bald ändern. picture alliance/dpa | Matthias Balk

Personalmangel auf Intensivstationen ist nicht erst seit Corona ein Problem

Beispielsweise haben Krankenhäuser in Montabaur, Lahnstein und Neuwied laut DIVI-Intensivregister keine freien Intensivplätze mehr. Vom Katholischen Klinikum Koblenz Montabaur heißt es dazu allerdings: Sollte sich die Corona-Situation weiter verschärfen, hätten alle Kliniken entsprechende Szenarien, um kurzfristig die Kapazitäten in der Behandlung von Covid-19-Patienten zu erweitern.

Dass Intensivplätze fehlen, liegt nicht nur an der Covid-19-Pandemie. Im DRK Krankenhaus Neuwied beispielsweise liegt nach Angaben von Armin Rieger, Chefarzt der Intensivmedizin, momentan kein einziger Corona-Patient.

Dass die Intensivstation voll und das Pflegepersonal knapp seien, sei ein "chronisches Problem". Weil Corona-Patientinnen und -Patienten besonders personalintensiv seien, gerieten die Krankenhäuser seit bald zwei Jahren aber umso mehr unter Druck.

Medizinische Versorgung könnte sich bald verschlechtern

Momentan sei die Lage beherrschbar, sagen viele Kliniken. Martin Reuber, Intensivmediziner am Marienhaus Klinikum in Bendorf-Neuwied-Waldbreitbach, geht aber davon aus, dass sich die Lage in den nächsten Wochen drastisch verschlechtern wird. Ein Anstieg der Zahl der Neuinfektionen zeige sich erst später auf den Intensivstationen.

"Covid wird erst noch zum Problem. Es wird immer enger. In drei Wochen werden wir genauso dastehen wie Bayern jetzt."

Reuber geht davon aus, hier in wenigen Wochen eine ähnlich dramatische Situation wie schon jetzt in Bayern zu haben. In seinem Klinikum lägen derzeit zwei Covid-19-Patientinnen und -Patienten auf der Intensivstation. 14 weitere Betten seien von anderweitig Erkrankten belegt.

Normalversorgung wird notfalls eingeschränkt

Die Klinik versuche gerade, sich auf die vierte Welle vorzubereiten. Das heißt: Notfalls müsse Personal aus anderen Abteilungen abgezogen und die Normalversorgung eingeschränkt werden. Denn an Intensivbetten mangele es nicht, es fehlten Pflegekräfte.

Eine Radiologieassistentin röntgt die Lunge eines Corona-Patienten auf der Intensivstation. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/dpa | Daniel Vogl)
Es mangelt vielen Kliniken an Pflegepersonal. Viele Pflegekräfte haben im Zuge der Pandemie aufgehört und schon davor gab es einen Mangel. picture alliance/dpa | Daniel Vogl

20 Prozent der Intensivbetten in Dernbach mit Covid-Patienten belegt

Am Herz-Jesu-Krankenhaus in Dernbach sind laut einer Sprecherin schon 20 Prozent der Intensivbetten mit Covid-19-Patientinnen und -Patienten belegt. Das DIVI-Register zeigt keine freien Kapazitäten mehr an.

An fehlenden Betten liegt es aber auch hier nicht: Wegen Krankheitsfällen unter den Pflegekräften habe sich das Krankenhaus beim Intensivregister abmelden müssen. Nur so könne die Versorgungsqualität der Patientinnen und Patienten auf der Intensivstation weiter gewährleistet werden, sagt die Sprecherin. Weitere Fälle für die Intensivstation müssten dann auf andere Kliniken in der Umgebung verteilt werden.

Angespanntes Warten im Krankenhaus Dierdorf/Selters

Dazu gehört zum Beispiel das Evangelische Krankenhaus Dierdorf. Laut der DIVI hat es noch reichlich Kapazitäten zur Verfügung - so wie einige andere Krankenhäuser in der Region auch. Allerdings ist auch der Ärztliche Direktor dort, Reinhold Ostwald, angespannt.

Die beiden aktuellen Intensivpatienten haben nach seinen Angaben Covid-19. Insgesamt würden gerade vier Corona-Fälle in dem Krankenhaus behandelt. Das sei zwar beherrschbar, aber auch laut Ostwald steht die vierte Welle unmittelbar bevor.

Eine Frau zieht eine Spritze mit dem Corona-Impfstoff Comirnaty von Biontech auf. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Matthias Bein)
Covid-19-Impfungen haben die Zahl der schweren Verläufe im Verhältnis zu den Infektionen schon deutlich gesenkt. picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Matthias Bein

Klinikleitungen und Intensivmediziner raten dringend zur Impfung

Ostwald appelliert, dass sich Menschen, bei denen die zweite Corona-Impfung schon mehr als sechs Monate her ist, dringend eine Auffrischung besorgen sollten. Von den vier aktuellen Corona-Patienten seien zwei ungeimpft, bei den anderen beiden seien die Impfungen "schon sehr lange her".

Jérôme Korn-Fourcade, der Kaufmännische Direktor am Katholischen Klinikum Koblenz Montabaur, schließt sich ihm an. Dass die Hospitalisierungsquote aktuell bei viel höheren Inzidenzzahlen als noch im Frühjahr viel niedriger sei als zu Beginn des Jahres, zeige, dass die Impfungen wirkten.

"Anfang des Jahres hatten wir zu niedrigeren Inzidenzzahlen eine deutlich höhere Hospitalisierungsquote. Die Impfung wirkt und sie rettet Leben!“

Mehr als 90 Prozent der Covid-19-Patientinnen und -Patienten auf den Intensivstationen haben laut Korn-Fourcade keinen effektiven Impfschutz. Das heißt, sie seien entweder gar nicht geimpft, nur einmal geimpft oder die Impfung liege deutlich länger als sechs Monate zurück.

Von der aktuellen Situation im Land berichtet auch Andreas Wermter, Geschäftsführer Krankenhausgesellschaft Rheinland-Pfalz, im Interview bei SWR1:

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