Ein Heizwerk und eine Solaranlage versorgen Neuerkirch und Külz mit Wärme   (Foto: Gemeinde Neuerkirch)

Neuerkirch und Külz haben eigenes Wärmenetz

Steigende Energiepreise: Hunsrück-Dörfer bleiben gelassen

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Mike Roth

Russland droht wegen der Sanktionen mit dem Stopp seiner Energielieferungen nach Europa. Zwei Dörfer im Hunsrück beeindruckt das nicht. Denn sie haben bereits eine Alternative.

Die Europäische Union will unabhängiger von Energieimporten aus Russland werden. Gleichzeitig steigen die Preise für Öl und Gas immer weiter an. Volker Wichter macht das keine allzu großen Sorgen. Er ist Bürgermeister von Neuerkirch im Rhein-Hunsrück-Kreis und sein kleines Dorf ist bereits zur Hälfte unabhängig, was die Versorgung mit Wärme angeht. "Wenn mir jetzt Leute auf der Straße begegnen, haben die trotz der Dramatik des Krieges ein leichtes Lächeln im Gesicht", sagt er.

Vor elf Jahren hat Neuerkirch gemeinsam mit dem Nachbarort Külz ein eigenes Nahwärmenetz samt Solarfeld gebaut. Angesichts des Krieges in der Ukraine erscheint das dem Bürgermeister wie ein Glücksfall. "Selbst die größten Kritiker sind jetzt hocherfreut, dass wir das damals gemacht haben“, so Wichter.

Neuerkirch - Ortsansicht (Foto: SWR, SWR -)
Gut die Hälfte der Haushalte von Neuerkirch und Külz werden durch die Anlagen mit Wärme versorgt. SWR -

Holzschnitzel-Anlage und Solarfeld für die Wärmeversorgung

Die Holzschnitzel-Anlage samt Solarfeld versorge gut 160 Haushalte in beiden Dörfern mit Wärme, erzählt er. Das sei gut die Hälfte aller Haushalte in den Orten. Die Leistung der Anlage ersetze etwa 400.000 Liter Heizöl. Besonders wenn die Sonne scheine, liefere allein das Solarfeld pro Tag die Energie von bis zu 600 Litern Öl.

"Selbst die größten Kritiker sind jetzt hocherfreut."

Das kleine Heizkraftwerk samt Solarfeld wurde zwischen 2015 und 2016 gebaut. Damals hatten die beiden Dörfer viel Geld mit Windkrafträdern erwirtschaftet. Von diesen Einnahmen sollten auch die Einwohner profitieren. So entstand die Idee, ein Heizkraftwerk zu bauen, in dem Holzhackschnitzel verfeuert werden. Zudem sollte ein Solarfeld zusätzliche Wärme aus Sonnenenergie liefern.

Anfängliche Bedenken bestehen nicht mehr

"Diese Idee war damals neu in Deutschland", sagt Volker Wichter rückblickend. Außerdem betrugen die Baukosten gut fünf Millionen Euro. Deshalb habe es auch viele Bedenken gegeben. Aber der Erfolg des Projektes gebe ihm bis heute Recht, freut sich der Bürgermeister. Inzwischen wird die Anlage zwischen Neuerkirch und Külz von der Energieversorgung Region Simmern (ERS) betrieben, einem kommunalen Eigenbetrieb der Verbandsgemeinde Simmern.

Nahwärmenetze auch in Emmelshausen, Simmern und Kirchberg

Auch in Emmelshausen wird seit 2011 das Schulzentrum über ein Nahwärmenetz versorgt, sagt Frank-Michael Uhle, der Energiemanager des Rhein-Hunsrück-Kreises. Zwei ähnliche Wärmenetzte betreibe der Entsorgungsbetrieb des Kreises zudem an den Schulzentren in Simmern und Kirchberg. Insgesamt versorge der Landkreis so 37 Gebäude mit Wärme aus Heizwerken, in denen Gartenabfälle und Grünschnitt verbrannt würden. Das ersetze pro Jahr gut 800.000 Liter Heizöl, so viel Energie wie etwa 600 Einfamilienhäuser benötigten, erklärt der Energiemanager.

Rhein-Hunsrück-Kreis gilt als Vorreiter der Energiewende

Der Rhein-Hunsrück-Kreis gilt schon seit Jahren bundesweit als Vorreiter was erneuerbare Energien angeht. Gut 270 Windräder versorgen den Angaben des Kreises zufolge rund 300.000 Haushalte mit Strom. Dazu kommen verschiedene Nahwärmenetze wie die in Neuerkich und Külz. Derzeit produzieren die Windkraftanlagen im Rhein-Hunsrück-Kreis drei Mal mehr Strom als dort verbraucht wird. Gleichzeitig würden im Hunsrück aber immer noch mehr als zwei Drittel aller Heizungen mit Öl oder Gas betrieben, erläutert Energiemanager Frank-Michael Uhle. "Da ist noch deutlich Luft nach oben", sagt er.

"Nahwärmenetze allein werden nicht reichen."

Nahwärmenetze seien auf lokaler Ebene sicher sinnvoll, sagt Axel Bernatzki, Sprecher der Energieagentur Rheinland-Pfalz. Die landeseigene Gesellschaft berät Kommunen bei alternativen Energieprojekten. Doch der Experte sieht auch die Grenzen dieser Technologie.

In der Fläche ließen sich Nahwärmenetze nicht ohne weiteres für eine umfassendere Wärmeversorgung nutzen, sagt Bernatzki. In einer Stadt wie Koblenz fehlten dafür zum Beispiel einfach die nötigen Flächen. "Wenn die Energielieferungen aus Russland wegfallen, werden wir das mit Biogas- und Solaranlagen allein also nicht schaffen. Was wir brauchen sind mehr Windräder."

Experte: Strom muss Öl und Gas ersetzen

So sieht das auch Christian Symbold, Experte bei der Energieagentur Rheinland-Pfalz. Gut zwei Drittel der Energie, die in Deutschland benötigt werde, stamme momentan aus Öl und Gas. "Wir müssen also einen Weg finden, um diesen Anteil der benötigten Energie aus Strom zu erzeugen". Die größte Chance dafür sieht der Energieexperte im Einsatz von Wärmepumpen oder der Elektromobilität. Mit dem Strom zusätzlicher Windräder lasse sich zumindest ein größerer Teil der enormen Energiemengen erzeugen, die vor allem von der Wirtschaft benötigt werde, hofft Symbold.

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