Ein Impfpass, darüber zwei gekreuzte Impfspritzen, daneben eine Mundschutzmaske (Foto: imago images, IMAGO / Christian Ohde)

Mangelndes Vertrauen in Covid-Impfstoffe

Westerwälder Paar: "Darum lassen wir uns nicht gegen Corona impfen"

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Noch immer sind viele Menschen nicht gegen Corona geimpft und wollen das auch nicht. So wie ein ungeimpftes Paar aus dem Westerwald. In einem SWR Aktuell-Interview begründen sie ihre Entscheidung.

Tobias und Susanne Kleibel (Namen geändert) aus dem Westerwald gehören zur Gruppe der Menschen in Deutschland, die für sich eine Impfung gegen das Corona-Virus ablehnen. Dafür nehmen sie bewusst Nachteile in Kauf. Ihren richtigen Namen wollen die beiden deshalb nicht öffentlich machen.

SWR Aktuell: Jeder Mensch in Deutschland hat mittlerweile ein Impfangebot erhalten. Wieso haben Sie sich trotzdem dazu entschieden, sich nicht impfen zu lassen?

Tobias Kleibel: Wir haben im ersten Jahr der Pandemie alle Maßnahmen unterstützt und mitgetragen. Ich war auch anfangs offen für eine Impfung. Im Verlauf dieses Jahres gab es dann einige Ereignisse, die mich dazu gebracht haben, dem vorgegebenen Kurs nicht mehr folgen zu wollen. Zentral ist da für mich das Versprechen von Minister Helge Braun, der sagte, dass es keinen Grund mehr gebe, die Maßnahmen beizubehalten, sobald jeder ein Impfangebot bekommen hat. Das galt dann plötzlich nicht mehr. Gleichzeitig wurden dann Sanktionen für Ungeimpfte wie Zugangsbeschränkungen ins Spiel gebracht, die ja mittlerweile auch gelten. Dieser Druck, der da aufgebaut wurde und wird, das ist für mich nicht tragbar. Zudem geht es bei der Impfung meiner Ansicht nach nicht mehr vorrangig um Gesundheit, sondern darum, seine Freiheiten wieder zu erlangen. Die Impfung ist für mich daher kein Akt mehr des Schutzes, sondern ein politisierter Akt – die Impfung ist politisch gewollt. Ich kann diese auf Autorität ausgelegte Politik nicht unterstützen und mit meiner Impfung legitimieren. 

Susanne Kleibel: Ich vertraue meinem Immunsystem mehr als den neuartigen Impfstoffen. Englischen und israelischen Studien zufolge gelten Genesene auch als besser und lang anhaltender geschützt als Geimpfte. Die Impfstoffe sind noch nicht lange erprobt und basieren auf neuen Verfahren. Ich bin Mitte 30 und habe ein gutes Immunsystem, ich glaube, dass mein Körper mit dem Virus gut zurechtkommt. Ich kann mich natürlich täuschen, bin aber bereit, das Risiko zu tragen.

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Millionen von Menschen sind bereits geimpft und der größte Teil hat es gut vertragen. Viele Wissenschaftler, das Robert-Koch-Institut und die Politik sagen, die Impfung sei sicher. Wieso vertrauen sie diesen Aussagen und Erkenntnissen nicht?

Susanne Kleibel: Ich kann das in meinem Umfeld überhaupt nicht bestätigen. Ich habe Freundinnen, die nach der Impfung Zyklusstörungen und starke Blutungen hatten. Ein Freund lag nach der Impfung mehr als zwei Wochen mit einer starken Grippe im Bett. Der Onkel einer Freundin ist kurz danach an einem Herzinfarkt gestorben. Man konnte zwar keinen Kausalzusammenhang herstellen, aber der Restzweifel bleibt. Gegen die Schweinegrippe wurde damals zum Beispiel mit dem Impfstoff Pandemrix geimpft, was bei einigen Geimpften Monate später die Krankheit Narkolepsie ausgelöst hat. Auch bei den jetzigen Impfstoffen kann keiner in die Zukunft schauen, ob es nicht doch Langzeitschäden gibt.

Würden Sie sich denn mit einem proteinbasierten klassischen Totimpfstoff impfen lassen? Einer dieser Impfstoffe könnte in Deutschland bald zugelassen werden.

Susanne Kleibel: Diese Art der Impfstoffe und diese Technologie ist lange bewährt und erforscht. Wahrscheinlich wäre ich dafür offener.

Tobias Kleibel: Mir wäre ein Totimpfstoff auch wesentlich lieber. Ich frage mich daher auch, warum diese wohl kurz vor der Zulassung stehende Alternative nicht als Perspektive für diejenigen aufgezeigt wird, die der mRNA-Technologie misstrauen. Stattdessen wird kontinuierlich der Impfdruck mit den bisherigen Impfstoffen erhöht. Je mehr Druck auf mich ausgeübt wird, desto mehr fühle ich mich in meiner freien Entscheidungsfindung beeinträchtigt und in meiner Haltung bestärkt.

Wie geht es Ihnen aktuell damit in der Gesellschaft und im Alltag ungeimpft zu sein?

Tobias Kleibel: Es ist belastend, auch weil wir uns jeden Tag mit dem Thema auseinandersetzen und aktuelle Vorstöße wie unterschiedliche Krankenkassentarife sehr genau verfolgen. Deshalb hinterfragen wir unsere Entscheidung, uns nicht impfen zu lassen, auch immer wieder selbst. Das kostet Kraft.

Susanne Kleibel: Ich fühle mich wie ein Mensch zweiter Klasse. Und ich fühle mich meiner Freiheitsrechte beraubt. Ich muss immer wieder an die französische Parole "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" denken – viel erkenne ich davon in der Gesellschaft gerade nicht mehr. Auch die Solidarität scheint verloren gegangen zu sein.

Ihre Entscheidung, sich nicht impfen lassen zu wollen, wird von vielen Menschen als unsolidarisch angesehen. Schließlich könne das Virus besser eingedämmt werden, wenn alle geimpft seien. Ist das kein Argument für Sie?

Susanne Kleibel: Das sehe ich anders. Unsere Solidarität macht derzeit an Ländergrenzen halt. Während wir in Deutschland genug Impfstoff haben, fehlt er in anderen Ländern noch. Da empfinde ich es eher als unsolidarisch, wenn sich hier 30-Jährige impfen lassen, während Menschen in Risikogruppen in anderen Ländern noch kein Impfangebot erhalten haben. Solidarität bedeutet für mich außerdem auch, Minderheiten und Menschen mit anderer Meinung zu unterstützen. Dass uns als Ungeimpften diese Solidarität gerade verwehrt wird, macht mich traurig.

Tobias Kleibel: Spätestens seit der Delta-Variante wissen wir, dass es sowas wie eine Herdenimmunität nicht geben kann. Geimpfte können genauso ansteckend sein wie Ungeimpfte. Deshalb kann ich diese Argumentation nicht nachvollziehen.

Auf den Intensivstationen liegen aktuell mehr ungeimpfte Corona-Patienten als Geimpfte. Bereitet auch das Ihnen keine Sorgen?

Tobias Kleibel: Ich weiß, dass die Impfung vor einem schweren Verlauf und vor dem Tod durch das Virus schützen kann. Laut dem Hamburger Online-Portal für Statistik "Statista" sind während der Pandemie 174 Männer meiner Altersklasse zwischen 30 bis 39 Jahren an oder mit Corona verstorben. Das erscheint mir nicht übermäßig viel. Ich bin mir aber eines gewissen Risikos bewusst, auch mich kann es natürlich treffen.

Wenn Sie jetzt bereits 70 Jahre alt wären, würden Sie sich also eher impfen lassen?

Tobias Kleibel: Auf jeden Fall. Auch mit 50 Jahren würde ich das schon eher in Betracht ziehen. Und mit 60 Jahren hätte ich es auf jeden Fall gemacht. Ich bin etwa auch froh, dass meine Eltern sich haben impfen lassen.

Wie reagieren denn Eltern und Verwandte, Freunde und Bekannte darauf, dass Sie nicht geimpft sind?

Susanne Kleibel: Meine Mutter fragt mich fast jeden Tag, ob ich mich nicht doch impfen lassen möchte. Bei meinem Schwager habe ich diesbezüglich Diskussionsverbot – er möchte da nicht mehr drüber reden. Im Freundeskreis ist es so, dass drei meiner besten Freundinnen auch nicht geimpft sind und mich daher gut verstehen können.

Tobias Kleibel: Ich bin in der Familie tatsächlich der einzige Ungeimpfte. Das Thema Corona wird da mittlerweile eher totgeschwiegen. Ich habe mich mit meiner Mutter mal hingesetzt, sie ist Krankenschwester. Ich habe ihr meine Gründe erklärt und sie konnte das nachvollziehen.

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Wie stehen Sie allgemein zum Thema Impfung? Sind Sie grundsätzlich skeptisch? Oder sind Sie gegen andere Krankheiten geimpft?

Susanne Kleibel: Wir haben beide alle gängigen Impfungen, also etwa Masern, Tetanus, Hepatitis. Auch unsere Kinder haben alle Standardimpfungen. Das sind jedoch auch Impfungen, die im Gegensatz zu den neuen Corona-Impfstoffen Jahrzehnte lang erprobt und erforscht sind.

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