Tierdarstellungen als Felskunst bei Gondershausen sind womöglich doch nicht aus der Steinzeit (Foto: dpa Bildfunk, Thomas Frey)

Warum ein vermeintlicher Sensationsfund im Wald verwittert

Felskunst in Gondershausen ist wohl doch nicht aus der Steinzeit

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"Ein Lotto-Gewinn!", "Ein Sensationsfund!" - so haben Experten 2014 eine Tierdarstellung auf einem Fels in Gondershausen im Hunsrück beschrieben. Die Kunst sei etwa 25.000 Jahre alt, hieß es damals. Rekord in Deutschland. Doch jetzt wird bekannt, die Gravuren sind wahrscheinlich nicht älter als 2.000 Jahre.

Die Präsentation der Felskunst hat im Sommer 2014 etwas von einem konspirativen Treffen. Der Fundort liegt mitten im Wald. Nur wenige sollen wissen, wo sich das Gemälde aus der Steinzeit genau befindet - um es zu schützen. Auf dem Fels zu erkennen sind drei Pferde und ein weiteres Tier. Die Experten, unter anderem von der Landesarchäologie in Mainz, stellen die Gravuren in dem Schieferfels als wohl älteste Felskunst Deutschlands vor - entstanden vor 20.000 bis 25.000 Jahren.

Tierdarstellungen als Felskunst bei Gondershausen sind womöglich doch nicht aus der Steinzeit (Foto: dpa Bildfunk, Thomas Frey)
Auch die damalige Kultur- und heutige Finanzministerin von Rheinland-Pfalz, Doris Ahnen (SPD), war bei der Vorstellung der Tierdarstellungen in Gondershausen dabei. Thomas Frey

"Der große Aufmarsch damals ist eine Luftnummer gewesen. Die Seifenblase ist geplatzt."

Nichts mehr zu spüren vom großen Hype um die Felskunst

In den Monaten danach gab es viele Ideen und große Pläne. Überlegt wurde etwa, wie der vermeintliche Sensationsfund in der Region touristisch genutzt werden kann. Im Gespräch war zum Beispiel ein Archäologiepfad mit regelmäßigen Führungen zum Schieferfelsen.

Experten machten sich auch Gedanken darüber, ob und wie der Fels geschützt werden kann. Die Gemeinde erwog zwischenzeitlich sogar, den Felsen abzuschneiden und mit einem Hubschrauber ins Landesmuseum nach Mainz zu bringen, um ihn dort zu präsentieren.

Doch heute ist vom damaligen Hype nichts mehr zu spüren, sagt der Gondershausener Ortsbürgermeister Edgar Pinger (parteilos): "Der große Aufmarsch damals ist eine Luftnummer gewesen. Die Seifenblase ist geplatzt." Denn die Wissenschaftler sind sich offenbar nicht einig, wie alt die Felskunst ist. Es gibt immer mehr Zweifel daran, dass das Bild wirklich in der Altsteinzeit entstanden ist.

"Nichts spricht dafür, dass die Gravuren 25.000 Jahre alt sind."

Steinzeit-Experten glauben nicht an hohes Alter

Unter anderem untersuchten Experten des Archäologischen Forschungszentrums Monrepos in Neuwied die Felskunst eingehend und kamen zum Ergebnis, dass das Bild durchaus alt sei - aber keinesfalls altsteinzeitlich. "Nichts spricht dafür, dass die Gravuren 25.000 Jahre alt sind", sagt der stellvertretende Leiter des Forschungszentrums Olaf Jöris. Die Kunst sei damals völlig anders gewesen.

Auch andere Forscher kommen zu ähnlichen Schlüssen. Das Felsbild passe stilistisch und technologisch nicht in die Altsteinzeit, bilanzierte etwa der australische Archäologe Robert G. Bednarik nach seinen Untersuchungen in Gondershausen. Vor allem aber, sagt Jöris, "kann man fast zuschauen, wie schnell Schiefer verwittert". Es sei sehr unwahrscheinlich, dass ein Bild dort so lange bestehen bleibe. Hinweise auf eine frühere schützende Lössschicht, wie zunächst angenommen, seien nicht gefunden worden.

Experten waren sich 2014 zunächst sicher

Damit widerspricht Jöris dem Archäologen Wolfgang Welker. Der Vorsitzende des Archäologie-Vereins Arrata in Oberwesel hatte sich als einer der ersten mit dem Fund beschäftigt und detailreiche wissenschaftliche Artikel über die Tierdarstellungen veröffentlicht.

Er geht davon aus, dass die Gravuren mehr als 20.000 Jahre alt sind. Es gebe eindeutige Hinweise: Details wie eine verdrehte Vorderhufe oder die Art der Darstellung zweier Pferde hintereinander seien "typisch für die Altsteinzeit". Auch relative Vergleiche mit anderen historischen Felsritzungen im Hunsrück deuteten auf ein hohes Alter hin. Letztlich fehle ein wissenschaftlicher Gegenbeweis für ein jüngeres Alter, sagt Welker.

Felskunst womöglich 2.000 Jahre alt

Die Archäologen des Forschungszentrums Monrepos halten es immerhin für möglich, dass die Pferdedarstellung 100 oder 200 Jahre nach Christus entstanden sein könnte: Damals haben die Römer im Hunsrück Schiefer abgebaut. "Wir haben da einige römische Sandalennägel und auch einen Pickel mit Holzstil gefunden", sagt Experte Jöris. Vielleicht habe ein damaliger Steinbrucharbeiter das Tierbild gestaltet. Womöglich sei aber auch erst viel später ein Anwohner von der im 19. Jahrhundert entdeckten steinzeitlichen Höhlenmalerei von Altamira in Spanien inspiriert worden.

Zu diesen Erkenntnissen sind Jöris und sein Team nach eigener Aussage schon vor mehreren Jahren gelangt. Das sei aber nicht groß öffentlich kommuniziert worden: "Wir haben keine große Eile gehabt, eine Gegendarstellung zu den ersten Publikationen zu machen." Es sei aus wissenschaftlicher Sicht für die Monrepos-Forscher "einfach nicht mehr so interessant gewesen", sagt Jöris.

"Es wird immer weiter verwittern. Das ist der Lauf der Dinge."

Tierdarstellungen: Forscher haben keine weiteren Pläne

Archäologe Welker kritisiert, dass die Forschungsstellen keine eigenen Ergebnisse veröffentlicht hätten. Das Felsbild ist seiner Meinung nach zudem bis heute unzureichend geschützt. Und auch ein detailgetreuer Abguss der Tierdarstellung für die Öffentlichkeit fehle nach wie vor.

Jöris entgegnet, die Felskunst sei mit einem 3D-Laserscanner dokumentiert worden und könne jederzeit nachgebildet werden - das sei aber teuer. Außerdem müssten die Gravuren nicht zusätzlich geschützt werden: "Es wird immer weiter verwittern. Das ist der Lauf der Dinge."

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