STAND

Polizisten werden oft mit schwierigen Situationen konfrontiert. Mitunter werden sie selbst Opfer von Gewalt – wie zuletzt in Andernach. Dort hat ein Mann einem Polizisten gegen den Kopf getreten.

Der Polizist wurde bei dem Einsatz so schwer verletzt, dass er sich auch knapp zwei Wochen nach dem Angriff noch in ärztlicher Behandlung im Krankenhaus befindet. Wir haben uns mit dem Sozialarbeiter Martin Schwaab von der Sozialberatung des Polizeipräsidiums Koblenz, der auch Mitglied des Kriseninterventionsteams der Polizei Rheinland-Pfalz ist, und dem Ersten Polizeihauptkommissar Ulrich Sopart darüber unterhalten, wie die Beamten des Polizeipräsidiums Koblenz mit Vorfällen solcher Art umgehen.

SWR Aktuell: Hat die Gewalt gegen Polizisten zugenommen?

Ulrich Sopart: Ja, auf jeden Fall. Seit 2015 sind die Zahlen im Polizeipräsidium Koblenz leicht angestiegen. Wir sprechen da von Widerstand gegen Polizeibeamte, ebenso wie von Angriffen gegen Polizeibeamte.

SWR Aktuell: Wie werden Polizeibeamte denn betreut, die Opfer solcher Angriffe werden?

Martin Schwaab: Die medizinische Betreuung geht erstmal vor. Aber wir versuchen als Sozialarbeiter trotzdem, so schnell wie möglich vor Ort zu sein. Wichtig ist: Wir kommen zwar zum Einsatzort, aber warten, bis der Einsatz beendet ist. Wir sind da, wenn das Adrenalin zurückgeht und die Kollegen und Kolleginnen aus der angespannten Situation herunterfahren. Dann reden wir mit ihnen, geben ihnen unsere Nummer und besprechen, wie es weitergeht. Das erste Ziel ist es immer, die Betroffenen zu stabilisieren und sie in ihren natürlichen Verarbeitungsmechanismen zu unterstützen.

Hilfen ohne "Rezept"

SWR Aktuell: Wie lässt sich so eine belastende Situation verarbeiten?

Schwaab: Da gibt es kein Rezept, das für jeden funktioniert. Jeder ist da anders gestrickt - also braucht es auch individuelle Lösungen. Wenn jemand belastet ist, dann ist das häufig so, dass derjenige ein Stück Hilflosigkeit oder Kontrollverlust erfahren hat. Und das Wichtigste ist dann, dass die Kollegen möglichst schnell wieder in Situationen kommen, in denen sie die Kontrolle haben. Dem einen hilft Sport, dem anderen tut es gut, Zeit mit der Familie zu verbringen. Der eine möchte direkt wieder auf die Arbeit, während der andere lieber einen Tag frei nimmt, um Abstand von der belastenden Situation zu bekommen. Klar ist aber auch: Polizisten müssen lernen, während eines Einsatzes ihre eigenen Emotionen auszublenden, um ihre Arbeit zu erledigen.

Polizisten müssen lernen, während eines Einsatzes ihre eigenen Emotionen auszublenden, um ihre Arbeit zu erledigen.

SWR Aktuell: Wie werden Polizisten denn auf solche schwierigen Situationen vorbereitet?

Sopart: Im Rahmen der Ausbildung durchlaufen die jungen Kolleginnen und Kollegen zahlreiche Trainings, bei denen die verschiedensten Szenarien durchgegangen werden. Zum einen werden sie körperlich, in Form von Abwehrtechniken trainiert, aber es gibt auch Rollenspiele. Da werden die Männer und Frauen beispielsweise darauf vorbereitet, dass ihnen auch aus dem geringsten Anlass heraus plötzlich Aggressionen entgegenschlagen können. Dann ist es natürlich an den Kollegen, das in der Praxis auch alles umzusetzen - die entsprechende Vorsicht an den Tag zu legen und ein Gespür dafür zu entwickeln, wann die Situation kippt und mit welchem Gegenüber es Ärger geben könnte. Das ist ein Lernprozess, bei dem es dann auch hilft, den jungen Kollegen und Kolleginnen möglichst einen etwas erfahrenen Polizisten an die Seite zu stellen.

SWR Aktuell: Ausbildung ist die eine Sache – aber wird das auch nachgehalten?

Sopart: Ja, da gibt es Fortbildungen zu den verschiedensten Themen, zum Beispiel Kommunikationstrainings, aber auch zum Umgang mit anderen Kulturkreisen. Aber es gibt auch das reine Einsatztraining, bei dem die erlernten Abwehrtechniken wiederholt werden. Diese Fortbildungen sind verpflichtend. Jeder Polizist muss da im Jahr eine gewisse Anzahl an Trainings nachweisen.

Diese Fortbildungen sind verpflichtend. Jeder Polizist muss da im Jahr eine gewisse Anzahl an Trainings nachweisen.

Ausbildung und Aufarbeitung

Schwaab: Ja, und das ist auch gut für die Verarbeitung. Weil - wenn ich etwas gelernt habe, und das dann in einer Situation gut abgearbeitet bekomme, dann kann selbst eine von außen betrachtet sehr schlimme Situation erträglich sein. Es gibt auch schon in der Ausbildung Teamtrainings, wo zum Beispiel besprochen wird, wie im Nachgang mit einem schwierigen Einsatz umgegangen wird. So ist es wichtig, dass man sich nach einer Schicht mit einer problematischen Einsatzsituation mal zusammensetzt und über das Erlebte spricht.

SWR Aktuell: War der Vorfall in Andernach etwas Besonderes? Wird sich dadurch etwas im Polizeipräsidium Koblenz ändern?

Sopart: Ja, er war definitiv besonders, weil wir eine solche Gewalteskalation in der letzten Zeit nicht mehr erleben mussten. Trotz der gravierenden Auswirkungen für die geschädigten Einsatzkräfte müssen wir mit der gegen uns gerichteten Gewalt zurechtkommen. Das ist halt auch ein Teil unserer Aufgabe und leider wird er immer größer.

Der Fall Andernach ist alles andere als ein Einzelfall. Wir erleben täglich Gewalt gegen Einsatzkräfte (...).

Der Fall Andernach ist alles andere als ein Einzelfall. Wir erleben täglich Gewalt gegen Einsatzkräfte – und nicht nur gegen Polizisten, sondern ja mittlerweile sogar gegen Rettungskräfte. Das ist etwas, wofür ich überhaupt kein Verständnis habe. Grundsätzlich glaube ich, dass wir sehr viel dafür tun, um die Kolleginnen und Kollegen darauf vorzubereiten, sodass ich jetzt keine Notwendigkeit sehe, etwas grundlegend anders zu machen.

SWR Aktuell: Glauben Sie denn, dass die rheinland-pfälzische Polizei gut genug ausgerüstet ist für ihre Arbeit?

Sopart: Das Land hat ja in den letzten Jahren gerade im Bereich der persönlichen Ausrüstung sehr umfangreich nachgelegt. Wir haben persönliche Schutzwesten bekommen, eigens zugewiesene Funkgeräte für eine bessere Kommunikation, bis hin zu den neu ausgegebenen Distanz-Elektro-Impulsgeräten. Natürlich wäre das ein oder andere noch wünschenswert, aber ich glaube im Wesentlichen sind wir schon gut ausgestattet.

Hilfsmittel oder Provokation

SWR Aktuell: In Andernach sieht es jetzt aber doch so aus, als ob die Verwendung des Tasers die Lage eher angestachelt und den Angriff sogar erst provoziert hat. Sollte der Gebrauch des Tasers vielleicht nochmal überdacht werden?

Sopart: Speziell zu Andernach möchte ich mich jetzt nicht äußern. Das ist ja ein laufendes Verfahren. Aber ich glaube nicht, dass dieser Fall jetzt dazu führt, dass wir den Taser anders einsetzen. Grundsätzlich kann man sagen: dieses Gerät stellt schon eine sehr große Distanz zu Randalierern oder Störern her. Die wissen sehr wohl, welche Folgen es hat, wenn die Geräte genutzt werden, Manchmal genügt es schon, sie nur in die Hand zu nehmen. Ich halte den Taser für eine gute Alternative zu Reizgas, Schlagstock und Schusswaffe, eine Lage zu bereinigen. Ich glaube deshalb sehr wohl, dass der Taser ein Einsatzmittel ist, das uns, rechtlich und taktisch richtig angewendet, bei der Aufgabenerfüllung gute Dienste leistet.

Rolle der sozialen Netzwerke

SWR Aktuell: Warum werden Polizisten – auch hier in der Region - derzeit stärker angefeindet als früher?

Sopart: Es scheint mir momentan in der Gesellschaft tendenziell eine Entwicklung zu geben, der Polizei ständig zu unterstellen, sie arbeite nicht rechtmäßig. Verbunden mit Alkohol ergibt das oft eine negative bis aggressive Grundhaltung. Warum das so ist, weiß ich nicht.

Was ich aber feststelle, ist, dass die Arbeit der Polizei in den sozialen Medien oft recht spektakulär dargestellt wird.

Was ich aber feststelle, ist, dass die Arbeit der Polizei in den sozialen Medien oft recht spektakulär dargestellt wird. Da wird dann der Polizist gezeigt, der den Schlagstock auf den Störer niedersausen lässt. Aber man sieht nicht, warum es überhaupt bis zu diesem Punkt gekommen ist, wie polizeiliche Anweisungen nicht befolgt wurden. Man sieht nicht, wie pöbel- und rüpelhaft sich das Gegenüber verhalten hat, ob die Beamten bespuckt, beschimpft oder sogar angegangen wurden. Diese Dinge, werden fein herausgeschnitten. Das ist ein Aspekt der Entwicklung, den ich sehr unschön finde, den wir von unserer Seite aber nicht ändern können.

Ulrich Sopart und Martin Schwaab vom Polizeipräsidium Koblenz  (Foto: SWR)
Erster Polizeihauptkommissar Ulrich Sopart, Polizeipräsidium Koblenz (re.) und Martin Schwaab, Mitglied des Kriseninterventionsteams der Polizei Rheinland-Pfalz und Sozialberater im Polizeipräsidium Koblenz

Schwaab: Das ist schon sehr belastend, wenn Polizisten in dieser Form in den sozialen Medien dargestellt werden. Denn die Kollegen machen ihre Arbeit und sie wollen dabei auch gerecht behandelt werden. Da werden Aufnahmen eingestellt und äußerst subjektive Aussagen getätigt – oft mit der Intention, die Polizei schlecht dastehen zu lassen – und der betroffene Beamte kann sich nicht dagegen wehren. Denn meist ist es ihm aufgrund laufender Ermittlungen gar nicht möglich, sich zu äußern. Das kann ein Gefühl der Hilflosigkeit auslösen.

Es bedarf einer hohen emotionalen Leistung, sich nicht provozieren zu lassen, deeskalierend zu wirken (...).

Denn es sind ja alles noch Menschen, die da unter der Uniform stecken. Es bedarf einer hohen emotionalen Leistung, sich nicht provozieren zu lassen, deeskalierend zu wirken – die Kollegen und Kolleginnen müssen schon einiges schultern. Wenn dann so ein ungerechtfertigter Vorwurf kommt, ist das äußert belastend.

SWR Aktuell: Wie sollten Polizisten denn auf Anfeindungen im Netz reagieren?

Sopart: Auch wenn es vielleicht schwer fällt – wir empfehlen da am ehesten die Kommentare nicht zu lesen und erst recht nicht zu kommentieren. Allein sich zu erkennen zu geben, kann schon wieder zu Problemen führen. Aber wir raten auch davon ab, weil es einfach nichts bringt. Sie können sagen oder schreiben, was sie wollen, schildern, wie es war – wenn es einen gibt, der das Gegenteil behauptet, dann gibt es 300 Leute, die diese Version glauben.

SWR Aktuell: Wie geht man denn damit um, dass bei vielen Einsätzen direkt ein Handy gezückt wird?

Sopart: Wir müssen uns mit dieser medialen Gesellschaft abfinden. Es ist klar, dass bei einem Einsatz mindestens zwei bis drei Handys auf einen gerichtet sind und diese Dinge aufgenommen werden. Das müssen wir aushalten. Aber das Gegenüber muss dann auch aushalten, wenn die Geräte mal als notwendiges Beweismittel sichergestellt werden, damit wir die Bilder oder Videos für Ermittlungszwecke nutzen können.

Das Interview führten SWR-Reporter Christina Nover und Constantin Hofmann.

Angriff auf Polizisten in Andernach Dreyer: "Tat und Verhöhnung machen fassungslos"

Ministerpräsidentin Dreyer und die Polizei haben mit Entsetzen auf den Angriff auf Polizeibeamte in Andernach reagiert. Dabei waren in der Nacht zum Samstag drei Polizisten verletzt worden, einer von ihnen schwer.  mehr...

Alltag einer Polizeistreife Ludwigshafener Polizisten werden beschimpft und bedroht

Jascha Hönig und Türkan Unvar sind bei der Ludwigshafener Polizei und werden täglich beschimpft und bedroht - einmal sogar so, dass der Taser zum Einsatz kommt...  mehr...

Landesschau Rheinland-Pfalz SWR Fernsehen RP

STAND
AUTOR/IN