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Bahnlärmgegner im Oberen Mittelrheintal machen Güterzüge für den Felsrutsch bei Kestert mitverantwortlich. Der Geologe Johannes Feuerbach aus Mainz ordnet das Unglück anders ein.

Am Montag waren in der Nähe der Loreley zig Tonnen Felsgestein ins Mittelrheintal abgerutscht, hatten dabei die Bahngleise unter sich begraben - auch die B42 ist seit dem gesperrt. Im SWR-Interview geht der Vorsitzende der "Forschungsstelle Rutschungen" an der Universität Mainz (Spezialgebiet: Oberes Mittelrheintal) von natürlichen Ursachen aus. Außerdem spricht er über die anstehende Sprengung am Samstag, die Gefahrenlage an anderen Flüssen wie der Mosel und darüber, was spezielle Fangzäune können - und was nicht. Das sagt Johannes Feuerbach…

…über die Ursache des Felsrutsches bei Kestert

Laut Feuerbach ist im Oberen Mittelrheintal immer Wasser der Auslöser. Grund dafür sei, dass das Gebirge dort aus Ton-Schiefern besteht. Also aus großen und kleinen Schieferplatten, in deren Zwischenräumen sich Wasser ansammele. Im Laufe von Jahrzehnten, Jahrhunderten und manchmal sogar Jahrtausenden werde das Gestein an diesen Stellen immer weicher. Frost beschleunige den Prozess zusätzlich. Irgendwann könne das weiche Schiefergestein das Gewicht nicht mehr tragen und es komme zu Felsrutschen.

…über die Rolle von Güterzügen im Mittelrheintal

Bahnlärmgegner vor Ort geben Güterzügen zumindest eine Mitschuld an dem Felsrutsch. Die Erschütterungen, vor allem bei alten und beschädigten Rädern, trage dazu bei, dass sich das ohnehin geschädigte Gestein löse. Das könne man zu 100 Prozent ausschließen, sagt Feuerbach. Die Erschütterungen durch Güterzüge fühlten sich zwar an den Gleisen heftig an, sie reichten aber bei Weitem nicht aus, um Felsplatten zu lösen. Dazu bräuchte es Erschütterungen wie bei einem mittelschweren Erdbeben.

In Japan etwa habe man damit tatsächlich große Probleme, weil einige Gebirge dort aus den gleichen Ton-Schiefern bestünden und die Regionen immer wieder von schweren Erdbeben heimgesucht würden. In Rheinland-Pfalz sei die Situation aber anders und es habe auch bislang noch keinen Felsrutsch gegeben, bei dem Züge eine Rolle gespielt hätten.

Johannes Feuerbach - Wissenschaftler Universität Mainz (Foto: Privat)
Johannes Feuerbach ist der Vorsitzende der "Forschungsstelle Rutschungen" an der Universität Mainz (Spezialgebiet: Oberes Mittelrheintal) und bundesweit einer der führenden Wissenschaftler auf dem Gebiet von Fels- und Hangrutschen. Privat

…über die Gefahr von Felsrutschen an Mosel, Lahn, Saar und Nahe

Nach Angaben von Feuerbach sind Schiefer-Gebirge dieser Art in Rheinland-Pfalz weit verbreitet. Die Gefahr bestehe deswegen praktisch genauso auch an der Mosel, der Lahn, der Saar oder der Nahe. In der Vergangenheit sei es auch dort immer wieder zu vergleichbaren Ereignissen gekommen. Zuletzt hatte deswegen eine Bürgerinitiative gefordert, dass die Strecken besser geschützt werden müssten.

…über die Funktion von Fangzäunen

Fangzäune sind an Rhein und Mosel weit verbreitet. Diese sind laut Feuerbach auch geeignet, einzelne größere Felsen aufzufangen. An einigen besonders gefährdeten Stellen gebe es auch mehrere Reihen von Fangzäunen, um Felsrutsche aufzuhalten. Bei einem Ereignis wie in Kestert würden Fangzäune aber an ihre Grenzen stoßen, sagt Feuerbach. Er könne sich nicht vorstellen, dass eine Fangvorrichtung in der Lage gewesen wäre, die Gesteinsmassen zu stoppen.

…über die Suche nach Gefahrenzonen in Rheinland-Pfalz

Um sich besser zu schützen, suchen Geologen nach Angaben des Mainzer Wissenschaftlers regelmäßig nach besonders gefährdeten Bereichen. Dazu gebe es Ortsbegehungen und Überflüge mit Hubschraubern. Teilweise würden sogar Satelliten-Bilder ausgewertet. Das sei eine gute Hilfe, bringe aber keine absolute Sicherheit, so Feuerbach. Es komme immer wieder zu Felsrutschen an Stellen, die vorher nicht als Gefahrenzone erkannt worden seien.

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…über das Video vom Hangrutsch bei Kestert

Der Felsrutsch bei Kestert wurde zufällig von einer Webcam gefilmt. Das sei ein einmaliger Glücksfall für die Forschung und für seine Studierenden an der Universität Mainz, sagt Feuerbach. Es komme ganz selten vor, dass solche Ereignisse festgehalten würden. Eine so detaillierte Aufnahme habe es in der ganzen Region noch nie gegeben.

…über die anstehende Sprengung des Felses

Am Samstag soll nach Angaben der Deutschen Bahn in Kestert ein Fels gesprengt werden, der nach dem Abrutsch instabil geworden war. Eine Gefahr für umliegende Hänge gehe von der Sprengung sicherlich nicht aus, sagt Feuerbach. Solche Explosionen würden von den Fachleuten in der Regel so angelegt, dass der Druck nur nach außen gehe und nicht ins Gestein. Auch in diesem Fall würden die Erschütterungen nicht ausreichen, um an anderer Stelle weitere Felsrutsche auszulösen, so der Experte.

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