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Die Corona-Lage in Indien spitzt sich immer mehr zu. Die Nachrichten von täglich mehreren tausend Toten und Neuinfektionen beunruhigen auch die Schwestern im Dernbacher Kloster Maria Hilf im Westerwald.

Ihr Handy lässt Schwester Prakashamary zurzeit kaum aus den Augen. Es liegt griffbereit vor ihr auf dem Tisch. Ständig schaut die 37-Jährige, ob eine Whatsapp-Nachricht auf dem Display aufblinkt.

Normalerweise telefoniere sie einmal in der Woche mit ihrer Familie in Indien, erzählt sie. Seitdem die zweite Corona-Welle in ihrem Land wütet, steht sie ständig in Kontakt mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern. "Ich habe große Angst um meine Familie. Alle sind in großer Panik. Sie trauen sich kaum, das Haus zu verlassen." Die Ordensschwester ist vor 16 Jahren nach Deutschland gekommen. Seit Januar lebt und arbeitet sie im Kloster Maria Hilf in Dernbach.

Dernbacher Schwester in Ordenstracht schaut aus Sorge um ihre Verwandten im Corona-geplagten Indien auf ihr Handy  (Foto: SWR)
Das Handy ist derzeit ein wichtiger Begleiter für Schwester Prakashamary

Die Bilder aus ihrer Heimat lassen sie nicht los: Frauen und Männer, die auf der Straße sitzen und nach Luft ringen, die keinen Platz in einem Krankenhaus bekommen. Verzweifelte Angehörige, die nicht wissen, wie sie helfen können. Diese Bilder verfolgen Schwester Prakashamary selbst dann, wenn sie in der kleinen Kapelle des Dernbacher Klosters sitzt und betet: "Dann kommen mir manchmal die Tränen. Das berührt mich sehr, was viele Menschen in Indien gerade erleiden müssen."

Angespannte Lage in indischen Krankenhäusern

Ihre Familie lebt in Südindien. Dort sei die Lage sehr angespannt, aber noch nicht so dramatisch wie etwa in der Hauptstadt Neu-Delhi, erklärt Schwester Prakashamary. Aber auch im Süden des Landes seien derzeit viele Krankenhäuser voll. Die Versorgung für Corona-Kranke sei oft nicht gewährleistet.

Diese Erfahrung hat auch Schwester Gonzalo gemacht. Vor zwei Wochen erkrankte ihr Schwager in Südindien an Corona. Sein Zustand habe sich schnell verschlechtert, erzählt die 69-Jährige. Erst sei kein Bett im Krankenhaus für ihn frei gewesen. Dann aber habe er Glück gehabt und wurde doch noch in der Klinik aufgenommen. Jetzt gehe es ihm wieder besser.

Sorge auch um Ordensschwestern in Indien

Aber nicht nur die Angst um die eigene Familie beschäftigt die beiden Frauen, sondern auch die Sorge um ihre 220 Ordensschwestern in den 25 Konventen des Dernbacher Ordens in Nord-, Süd- und Westindien.

Bislang haben sich 30 Schwestern in Indien mit Corona infiziert, berichten die beiden Frauen. Eine sei an der Krankheit verstorben. Trotzdem sei die Situation in den indischen Niederlassungen noch gut: "Die Schwestern können die Quarantäne einhalten und bekommen medizinische Hilfe", sagt Schwester Gonzalo, "dafür bin ich dankbar."

Covid-19-Patienten in Indien (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Wegen der vielen Covid-19-Patienten sind viele Krankenhäuser in Neu-Delhi am Limit. Picture Alliance

Auch die 69-Jährige schaut seit Wochen mehr auf ihr Mobiltelefon als sonst. Sie sieht sich oft Nachrichtenbeiträge von indischen Sendern an. Eine Aufnahme machte sie besonders betroffen: Zwei Brüder, die ihre tote Mutter zwischen sich auf einem Motorrad mit nach Hause nehmen, um sie auf dem eigenen Land zu beerdigen. "Die beiden haben keinen Krankenwagen für den Transport gefunden, das ist so traurig. Manchmal kann ich bei diesen Berichten kaum noch hinschauen."

Spendenaufruf für Indien

Beide Schwestern können nicht nachvollziehen, dass die indische Regierung die zweite Corona-Welle offensichtlich falsch eingeschätzt hat. "Die Menschen durften zum Beispiel große Feste feiern ohne Abstand", sagt Schwester Gonzalo kopfschüttelnd. Auch bei Wahlen in verschiedenen Bundesländern seien die Corona-Regeln nicht eingehalten worden. Deshalb sei die zweite Welle jetzt so heftig.

Gemeinsam mit ihren Dernbacher Mitschwestern beten Schwester Prakashamary und Schwester Gonzalo viel für die Menschen in Indien. Aber sie wollen auch ganz praktisch helfen und Spenden für Indien sammeln.

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