Ein Sarg wird im Krematorium in Dachsenhausen im Rhein-Lahn-Kreis eingeäschert (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)

Jetzt Einäscherungen im Dauerbetrieb

Hohe Gaspreise: So spart das Krematorium in Dachsenhausen Gas ein

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AUTOR/IN
Mike Roth

Aus Angst vor einem Mangel im Winter ruft die Regierung Bürger und Unternehmen dazu auf, Gas zu sparen. Auch das Krematorium in Dachsenhausen arbeitet jetzt im Dauerbetrieb - um Energie zu sparen.

Das Rhein-Taunus Krematorium in Dachsenhausen im Rhein-Lahn-Kreis ist nach eigenen Angaben das größte Krematorium in Deutschland. Pro Jahr werden dort 35.000 Verstorbene eingeäschert, erklärt Tobias Klein von der Geschäftsleitung. Wie in den meisten anderen Krematorien auch werde dabei Erdgas für die Verbrennung eingesetzt. Das sei notwendig, um in den Brennkammern die gesetzlich vorgeschriebene Temperatur von etwa 850 Grad zu erreichen.

"Bei dieser Hitze entzünden sich die Särge mit den Verstorbenen von selbst und verbrennen ohne Rückstände", sagt Tobias Klein. Bei einem Gasmangel könne er das im schlimmsten Fall nicht mehr gewährleisten. "Dann müssten wir die Anlage abschalten," so der Juniorchef des Familienunternehmens. Bereits kurz nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine habe er deshalb mit seinem Team nach einer Alternative gesucht.

Zwei Anlagen im Krematorium Dachenhausen auf Dauerbetrieb umgerüstet

Das Rhein-Taunus Krematorium hat insgesamt acht Anlagen, in denen Verstorbene eingeäschert werden. Zwei davon sind für besonders schwergewichtige Verstorbene ausgelegt. Entsprechend groß seien auch die Brennkammern und die darin verbauten Schamottesteine, die die Hitze länger halten als andere Anlagen, so Klein.

Das Unternehmen habe diese beide Anlagen bereits vor Längerem gebaut, um Energie einzusparen. Wenn sie ständig befeuert werden, können sie die vorgeschriebene Temperatur beim Verbrennungsvorgang über längere Zeit halten - auch ohne Erdgas: "Wenn sie einmal auf Betriebstemperatur sind, heizen sie sich selbst durch die Hitze, die bei den Einäscherungen entsteht. Die Hitze wird im Mauerwerk gespeichert und steht beim nächsten Prozess wieder zur Verfügung."

Im Schaltraum des Rhein-Taunus Krematoriums überwachen drei Mitarbeiter eine Einäscherung (Foto: SWR)
Zur Kontrolle des Dauerbetriebs müssen die Mitarbeiter im Krematorium den Prozess im Dreischichtbetrieb überwachen.

24-Stunden-Betrieb ist Kraftakt für das Krematorium

In den vergangenen Monaten haben die Mitarbeiter des Krematoriums daher damit begonnen, den Betrieb der beiden Anlagen nach und nach auf Dauerbetrieb umzustellen. Seit dem 1. August laufen sie jetzt rund um die Uhr. Das könne bis zur nächsten Wartung in ein oder zwei Jahren so weitergehen.

"Das Krematorium spart Gas – aber kein Geld."

Der 24-Stunden-Betrieb der Anlagen ist jedoch ein echter Kraftakt für das Familienunternehmen. Die 60 Mitarbeiter arbeiten im Drei-Schicht-Betrieb. Jede Einäscherung wird digital geplant und überwacht. "So spart das Krematorium Gas – aber kein Geld", betont Judith Könsgen, die in der Geschäftsleitung für die Finanzen zuständig ist.

Deshalb sind nach ihren Angaben auch alle Einäscherungen im Rhein-Taunus-Krematorium teurer geworden. Wieviel die Hinterbliebenen genau mehr zahlen müssen, kann sie nicht sagen. Wenn sie sich aber ausdrücklich eine Einäscherung in den energiesparenden Anlagen wünschten, koste das einen Aufschlag von 100 Euro.

Der Eingang zum Krematorium in Dachsenhausen im Rhein-Lahn-Kreis (Foto: SWR)
Das Krematorium in Dachsenhausen im Rhein-Lahn-Kreis liegt idyllisch im Wald.

Krematorium in Dachsenhausen will noch unabhängiger von Erdgas werden

Vor allem die gestiegenen Personalkosten müsse das Unternehmen an die Hinterblieben weitergeben. Hinzu kämen die gestiegenen Gaspreise für die übrigen der Anlagen, die noch immer mit Erdgas betrieben würden. Zwei dieser Anlagen habe man allerdings derzeit abgestellt. Sie werden derzeit auf den Betrieb mit Propangas umgerüstet. So wolle sich das Krematorium noch unabhängiger von möglichen Problemen bei der Erdgaslieferung machen, erklärt Judith Könsgen.

Bestatter begrüßen neues Angebot

Bestatter wie Michael Menrath aus Nassau begrüßen das neue Angebot im Rhein-Taunus-Krematorium. Dort habe man eine Lösung gefunden, den Betrieb auch bei Gasengpässen aufrecht zu erhalten. "Denn wenn uns Bestattern so eine Anlage drei bis vier Wochen nicht zur Verfügung steht, dann hätten wir wahrscheinlich ein sehr großes Problem", fürchtet er.

Bislang kennt der Bestatter aus Nassau kein Krematorium, das eine ähnliche Alternative anbietet. Er sei jedoch gespannt, wie seine Kunden auf die gestiegenen Kosten reagieren: Denn eigentlich wollten mittlerweile viele Hinterbliebene durch eine Einäscherung ihrer verstorbenen Angehörigen Geld sparen.

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