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In Kestert gibt es Aufregung um den sechs Meter hohen Schutzwall, den die Bahn vor dem abgerutschten Felshang an den Gleisen aufgeschüttet hat. Die Gemeinde will verhindern, dass der Wall so bestehen bleibt, weil dadurch auch private Grundstücke nicht mehr erreicht werden könnten.

Bis Ende der Woche wolle die Bahn verschiedene Varianten prüfen, ob und wie ein Schutzwall in dem Gebiet errichtet werden könne, sagte Kesterts Ortsbürgermeister Uwe Schwarz. Dabei gehe es auch darum, wie die knapp 75.000 Quadratmeter große Hangfläche hinter dem Wall künftig erreicht werden könne.

Dort befänden sich unter anderem mehrere Grundstücke, Obstwiesen und die Zufahrt zu einem Wohnhaus, sagte Schwarz. All das sei durch den Schutzwall zurzeit abgeschnitten und nicht mehr mit dem Auto zu erreichen. Stattdessen gebe es nur einen schmalen Fußweg.

Eine Skizze der etwa 75.000 Quadratmeter großen Fläche, die durch den Schutzwall in Kestert dauerhaft abgeschnitten würde (Foto: Verbandsgemeindeverwaltung Loreley)
Der gut 100 Meter lange und sechs Meter hohe Schutzwall würde eine Fläche von etwa 75.000 Quadratmetern dauerhaft abschneiden, wenn er bestehen bliebe. (Archivbild) Verbandsgemeindeverwaltung Loreley

VG Bürgermeister Weiland fordert Klarheit

Auch der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Loreley, Mike Weiland (SPD), hatte von der Deutschen Bahn Aufklärung gefordert. In seinem Schreiben heißt es, durch den Schutzwall werde auch die dortige Bahnunterführung unpassierbar. Die Verbandsgemeinde Loreley werde es nicht zulassen, dass dieser Bereich in Zukunft nur noch über eine Treppe oder eine Fußgängerunterführung zugänglich sei.

In einem Gespräch am Montag konnte die Bahn nach Angaben von Ortsbürgermeister Schwarz keine genaue Auskunft darüber geben, ob der Weg künftig auch wieder für Autos nutzbar sei oder nicht. Der derzeitige Wall ist rund sechs Meter hoch und etwa 100 Meter lang. Er war nach dem Hangrutsch im März von der Bahn aufgeschüttet worden und soll die Bahnstrecke vor weiteren ins Tal rutschenden Felsstücken schützen.

Deutsche Bahn spricht von einem Missverständnis

Die Bahn hat inzwischen geantwortet, sie spricht von einem Missverständnis: Der Schutzwall sei nur kurzfristig aus Sicherheitsgründen errichtet worden. Die endgültige Befestigung des Hanges werden die Deutsche Bahn später mit den Behörden und Kommunen vor Ort abstimmen, so wie sonst auch.

Aktuell prüfe man verschiedene mögliche Standorte für einen dauerhaften Schutzwall, auch im Hinblick die Befahrbarkeit des Weges. Alle Auflagen zur Bewahrung der Welterbe-Kulturlandschaft sollten dabei umgesetzt werden. Konkrete Angaben dazu könne man aber zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht machen.

Rechtsrheinische Bahnstrecke wieder eingleisig befahrbar

Seit dem Felsrutsch Mitte März wurde der Bahnverkehr im Mittelrheintal umgeleitet. Die Anwohner auf der rechten Rheinseite haben die Ruhe genossen - seit dem frühen Samstagmorgen (2. Mai) ist die Trasse eingleisig wieder für den Verkehr frei.

Der Schutzwall wurde errichtet, alter Schotter entfernt und neue Gleise eingebaut und verschweißt. Fachkräfte haben laut Bahn auch die Oberleitungsanlage instandgesetzt und einen Mast erneuert. An 620 Felsankern wurden zudem Hangnetze befestigt.

Das zweite Gleis benötigt die Bahn zunächst weiter für den Abtransport von Geröll und Gesteinsresten. Ab Sonntag (9. Mai) sollen Züge die Mittelrheinstrecke dann wieder komplett befahren können.

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Pro Rheintal befragt Anwohner zum Bahnlärm

Das Bürgernetzwerk Pro Rheintal hat in der Zwischenzeit Stimmen von Anwohnern gesammelt, die in den vergangenen sieben Wochen zur Abwechslung mal die Ruhe auf der rechten Rheinseite genießen konnten. Sie sollen laut des Vereins zusammen mit Auswertungen von rund 2.000 Fragebögen sowie Forderungen zum Krach im Mittelrheintal in diesem Sommer als "Bahnlärm-Buch" veröffentlicht werden.

"Bei geöffnetem Fenster in Ruhe schlafen zu können, ist wie ein Märchen"

"Bei geöffnetem Fenster in Ruhe schlafen zu können, ist wie ein Märchen", urteilt Paul Hesse in Braubach bei Koblenz. Auch Elly Emschermann in Kamp-Bornhofen empfindet es momentan "besonders nachts als sehr wohltuend, dass keine Güterzüge fahren, und wir schlafen wesentlich besser". Schon seit vielen Jahren litten sie und ihr Mann unter dem "enormen Bahnlärm" und Schlafstörungen.

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Felsrutsch bei Kestert legte Verkehr lahm

Am 15. März waren in Kestert tonnenschwere Schieferplatten von einem Steilhang Richtung Schienen gekracht - 13.000 bis 16.000 Kubikmeter nach Schätzung der Bahn. Verletzte gab es nicht. Seitdem hatte die Deutsche Bahn den Hang im Welterbe Oberes Mittelrheintal mit großem Aufwand gesichert. Dazu zählten Sprengungen von gelockertem Gestein.

Die meisten Güterzüge wurden linksrheinisch umgeleitet. Dort fahren sonst überwiegend nur weniger laute Personenzüge. Nicole Wöllner wohnt in Koblenz-Stolzenfels nur zehn Meter von den linksrheinischen Gleisen entfernt: "Mal abgesehen davon, dass wir ewig vor dem Bahnübergang stehen, bis wir zu unserem Haus gelangen, sowie dem ohrenbetäubenden Lärm, sind am unerträglichsten die Erschütterungen geworden." Wöllner betont: "Es ist wie hundert Mal am Tag ein Erdbeben zu haben."

Kelstert

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Anwohner leiden unter Bahnlärm im Mittelrheintal

Ingelore Becker im linksrheinischen Oberwesel klagt über Risse in zwei Scheiben ihres Wintergartens und in ihrem Haus. Sie fragt, was Umrüstungen sehr lauter Waggons nützten, wenn diese immer nur einen Teil eines Güterzugs ausmachten.

Teresa Arnold-Swiderski im linksrheinischen St. Goar-Fellen empfiehlt den Bahnverantwortlichen, hier selbst ein paar Nächte zu verbringen. Im Herzen des Welterbes ergänzt sie: "Es könnte hier so schön sein. Leider sind wir gezwungen, das Haus wieder zu verkaufen. Hier kann man nicht leben."

Karin Wintermantel im rechtsrheinischen Geisenheim fordert: "Die Bahn, und hier die Bundesregierung, sollte verklagt werden, weil sie mich nicht schützt. Sie foltert die Menschen jede Nacht." Im ebenfalls rechtsrheinischen Braubach sagt Monika Voss: Der Bahnlärm "macht uns das Leben zur Hölle". Urlauber fragten, "wie wir diesen Lärm nur aushalten und nicht krank werden".

Pro-Rheintal fordert Tempolimit für Güterzüge

Der Vorsitzende von Pro-Rheintal, Frank Groß, spricht beim Bahnlärm im Mittelrheintal immer noch von "Mord auf Raten". Er betont: "Wir sind nicht gegen die Bahn." Aber Güterzüge dürften nachts gar nicht mehr oder nur noch langsam fahren - und auch tagsüber nicht mehr mit viel zu hohem Tempo durch Orte dicht an Häusern vorbei rattern. Die Bahnstrecken beiderseits des Mittelrheins sind schon vor mehr als eineinhalb Jahrhunderten mit engen Kurven gebaut worden. In den Augen vieler Kritiker gelten sie als deutlich überlastet.

Die rechtsrheinischen Gleise sind Teil von Europas meistbefahrener Güterzugstrecke zwischen Genua und Rotterdam. Dort sind in den vergangenen sieben Wochen nur noch regionale Personenzüge gefahren.

Boppard

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Die Initiative "Pro Rheintal" aus Boppard hat am Donnerstag eine Zusammenarbeit mit Bahnlärmgegnern in Österreich begonnen. Das länderübergreifende Bündnis fordert, dass der Güterverkehr in Wohngebieten langsamer fahren soll.  mehr...

Bahn verweist auf Schallschutz und Umrüstung von Waggons

Die Deutsche Bahn verweist auf Schallschutzwände im Mittelrheintal sowie die flächendeckende Umrüstung auf leisere Waggons: Dabei sind Bremssohlen aus Verbundstoff eingebaut worden, bei dem die Laufflächen der Räder nicht wie bei alten Bremsklötzen aus Grauguss aufgeraut werden. Glatte Räder auf glatten Schienen rollen leiser. Seit Ende 2020 sind besonders laute Güterwaggons in Deutschland verboten. Kritiker monieren, nicht alle ausländische Bahnunternehmen hätten hier rechtzeitig auf Flüsterbremsen umgerüstet.

Das Bundesverkehrsministerium hat kürzlich mitgeteilt: "Im Rahmen des aktuellen Forschungsauftrages zur Machbarkeit einer leistungsfähigen Alternativstrecke für den Güterverkehr wird nach möglichen Trassenalternativen gesucht, um die Belastung im Mittelrheintal durch den Güterzugverkehr zu reduzieren." Schon seit längerem im Gespräch ist ein mehr als 100 Kilometer langes Tunnelsystem abseits des Rheins durch Westerwald und Taunus. Seine Umsetzung würde Milliarden kosten - und seine Eröffnung wohl Jahrzehnte dauern.

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