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Seit bald einem Jahr arbeitet das Labor Koblenz bis zum Anschlag wegen der Corona-Tests. Nun stehen die Mitarbeiter durch die hochinfektiösen Mutationen vor einer neuen großen Aufgabe.

Bisher dauerte es bis zu fünf Tage, um eine Coronavirus-Mutation im Labor nachzuweisen. Wesentlich schneller geht das mit dem Mutations-PCR. Mit ihm ist das Ergebnis innerhalb von 24 Stunden da. Seit knapp einer Woche testet das Labor Koblenz nun mit diesem Verfahren. Der ärztliche Leiter der Mikrobiologie des Labors, Dr. Thomas Mertes, berichtet im Interview über die ersten Erkenntnisse:

SWR Aktuell: Wie viele Corona-Mutationen haben Sie inzwischen nachgewiesen?

Dr. Thomas Mertes: Wir haben letzte Woche Freitag begonnen, sogenannte Mutations-PCRs durchzuführen und haben jetzt Stand heute (Donnerstag, Anm. d. Redaktion) 574 positive Fälle auf Corona-Mutationen nachuntersucht und sind da auf eine besorgniserregende Anzahl gestoßen.

Anzahl der gefundenen Coronavirus-Mutationen ist Grund für Sorge

Besorgniserregend ist es deswegen, weil wir zwar damit gerechnet haben, das wir Mutationen finden werden. Das ist ganz klar, dass wir kein mutationsfreier Raum in Rheinland-Pfalz sein würden. Wir hatten aber mit einer Positivitätsrate gerechnet von ungefähr drei Prozent und nun sind es annähernd acht Prozent geworden. Das heißt aus den 574 Fällen haben sich 44 Mutationen ergeben: 41 mal die englische Variante und drei mal die Varianten Brasilien/Südafrika.

Das Labor Koblenz sucht mittels PCR-Tests nach Mutationen des Coronavirus' (Foto: SWR)
Große Sicherheitsvorkehrungen im Labor sind nötig beim Test auf Cornavirus-Mutationen

SWR Aktuell: Treten diese Fälle gehäuft - beispielsweise in einem Altenheim auf?

Mertes: Nein, wir haben keine Cluster, in denen wir jetzt diese Mutationen gefunden haben. So dass wir jetzt sagen könnten, 20 dieser Mutationen beruhen auf einem besonderen Ausbruchsgeschehen. Sondern wir sehen eine Verteilung durchweg in der ganzen Bevölkerung und es scheint auffällig zu sein, dass hier auch jüngere Gruppen deutlich stärker betroffen sind als von der normalen Coronavirus-Variante. Zumindest in diesen 44 Fällen sind deutlich mehr Menschen, die im Jahr 2000 und später geboren sind. Das ist für uns überraschend. Wir werden deswegen jetzt unsere Diagnostik erweitern.

Mit Mutations-PCRs sind Ergebnisse innerhalb von 24 Stunden möglich

Wir werden zukünftig grundsätzlich bei jedem erstmalig positiven Corona-Ergebnis zusätzlich die Untersuchung auf Coronavirus-Mutationen durchführen. Das ist auch schon mit mehreren Krankenhäusern und verschiedenen Gesundheitsämtern abgestimmt. Die Mutations-PCR eröffnet uns im Gegensatz zu einer Genomsequenzierung die Möglichkeit, das Ergebnis innerhalb von 24 Stunden nach positivem Corona-Test zu berichten.

"Denn Patienten mit einer besorgniserregenden Variante sind deutlich infektiöser als die normalen Patienten."

Dr. Thomas Mertes über die Coronavirus-Muationen

Die Genomsequenzierung hat den Nachteil, dass es ein hochkomplexes Untersuchungsverfahren ist, das etwa drei Tage dauert. Danach muss die Genomsequenzierung noch bioinformatisch ausgewertet werden. Folglich hat man im besten Fall nach vier Tagen, manchmal auch nach fünf oder sechs Tagen ein Ergebnis. Aber die Kliniker sagen, dass das Ergebnis zeitnah benötigt wird. Denn Patienten mit einer besorgniserregenden Variante sind deutlich infektiöser als die normalen Patienten. Von daher muss man sich auch überlegen, wie man mit diesen Patienten umgeht.

Labormitarbeiterin am Computer - Das Labor Koblenz kann Corona-Mutationen jetzt mittels PCR-Test nachweisen (Foto: SWR)
44 Fälle von Corona-Mutationen hat das Labor Koblenz in knapp einer Woche mittels PCR-Tests nachgewiesen.

SWR Aktuell: Sie untersuchen Proben aus ganz Rheinland-Pfalz, haben aber auch überlasteten Laboren aus anderen Städten wie Passau oder Frankfurt geholfen. Wie ist derzeit die Situation im Labor Koblenz?


Mertes: Im Dezember haben wir noch bis zu 4.500 Analysen pro Tag zum Nachweis der Coronaviren durchgeführt. Im Moment hat sich das Ganze etwas stabilisiert. Jetzt sind es am Tag zwischen 2.500 und 3.500 Analysen. Zwischen März und Juni 2020 haben wir noch im Dreischicht-Betrieb gearbeitet, rund um die Uhr und sieben Tage die Woche. Durch eine starke Automation konnten wir die Arbeitsabläufe verbessern, so dass wir jetzt 16 bis 17 Stunden pro Tag arbeiten - aber auch weiterhin sieben Tage die Woche. Und da sprechen wir nur von Corona, die Untersuchungen für die übrigen Laborbereiche laufen normal weiter.

"Wir sind erschöpft, um es ganz ehrlich zu sagen."

Dr. Thomas Mertes über die Arbeitsbelastung seines Teams

SWR Aktuell: Das ist nahezu ein Jahr Dauerbelastung, wie hält das das Team aus?

Mertes: Wir sind erschöpft, um es ganz ehrlich zu sagen. Die MitarbeiterInnen in der Abteilung sind hoch professionell, sie kommen nach wie vor gerne zur Arbeit, das ist alles immer noch spannend, aber es wäre schön, wenn wir ein Licht am Ende des Tunnels sehen würden. Wir würden uns freuen, wenn wir irgendwann wieder in den nächsten Monaten in einen Normalbetrieb übergehen könnten.

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Doch wegen der Mutationen sieht es nicht gerade danach aus. Unsere Hoffnung war natürlich auf die schnelle Impfung der Bevölkerung ausgerichtet und wir hofften, im April oder Mai dieses Jahres deutlich weniger Einsendungen zu erhalten. Was uns jetzt tatsächlich Gedanken macht, sind die neuen Infektionswellen, die in unterschiedlichen Ländern, wie Portugal, Spanien oder auch Israel aufgetreten sind. Und dies hat dort mit den neuen sogenannten besorgniserregenden Varianten zu tun. Daher sind wir davon überzeugt, dass wir mit der diagnostischen Maßnahme der Mutations-PCR am besten dazu beitragen können, eine weitere Verbreitung dieser hochinfektiösen Varianten zu verhindern.

Das Interview führte SWR-Reporterin Heike Löser.

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