Interview mit Aktivistin Pederzani (Foto: SWR)

Queere Community am Mittelrhein

Koblenzer Aktivistin: Deswegen braucht es den Diversity-Tag

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Patricia Pederzani ist im Verein Queer-Mittelrhein. Im Interview erzählt sie, wer die Beratung sucht, was noch gemacht werden muss und warum es den Diversity-Tag braucht.

SWR Aktuell: Sie bieten bei Queer-Mittelrhein ein Beratungsangebot für queere Menschen sowie für deren Freunde und Bekannte am Mittelrhein an. Wer kommt zu Ihnen?

Patricia Pederzani: Wir sind in erster Linie ein Verein, der für die Beratung von trans- und intergeschlechtlichen sowie nicht binären Menschen da ist. Wir beraten diese Menschen auf ihrem Weg - zum Beispiel dabei, wie es mit dem Outing läuft. Natürlich melden sich auch homosexuelle und bisexuelle Menschen bei uns. Die verweisen wir aber meistens auf andere Gruppen, die es in Koblenz auch gibt, wie zum Beispiel die schwule Jugend oder die lesbische Sichtbarkeit.

SWR Aktuell: Man könnte meinen, die Gesellschaft habe sich in den vergangenen Jahren weiterentwickelt, da es zum Beispiel eine höhere Sichtbarkeit von queeren Menschen in der Gesellschaft gibt. Merken Sie in Ihren Beratungen auch eine Veränderung?

Pederzani: Wir sehen da wenig Veränderung. Definitiv erhöht hat sich aber der Anteil von Schulen, die Beratungsangebote in Anspruch nehmen möchten, um ihre Lehrerinnen und Lehrer zu schulen. Denn es gibt immer mehr Transpersonen in den Klassen, die sich trauen, sich zu outen. Da geht es dann etwa um den richtigen Umgang mit Jugendlichen oder Kindern, die sich als Trans geoutet haben, und darum, wie man die unterstützen kann. Das gleiche gilt auch für Eltern, die ihren Kindern helfen wollen.

SWR Aktuell: Was ist Ihr Eindruck, kommen die Menschen, die Beratung suchen, eher vom Land oder aus der Stadt?

Pederzani: Der Anteil derer, die vom Land kommen ist relativ hoch - gerade aus dem Westerwald melden sich viele Menschen, die Hilfe suchen. Das Verständnis hält sich im ländlichen Bereich leider oft in Grenzen. Aber das heißt nicht, dass queere Menschen dort nicht existieren. Die gibt es dort trotzdem. Und die kommen dann eben zu uns und suchen hier Anschluss, weil sie in ihrer Heimat vereinsamen oder Freunde sich abwenden.

"Man hat immer noch sehr viele Arbeitgeber, die mit diesem Thema nicht umgehen können."

SWR Aktuell: Ein Coming-Out kann auch Konsequenzen am Arbeitsplatz haben - oder hat sich die Situation verbessert?

Pederzani: Nein, so ein Outing ist nach wie vor wahnsinnig schwierig. Wir haben im eigenen Vorstand jemanden, der im letzten Jahr als Lehrer oder Lehrerin im Prinzip in Zwangsrente geschickt worden ist. Man hat immer noch sehr viele Arbeitgeber, die mit diesem Thema nicht umgehen können. Immerhin: Man kann in Deutschland niemandem kündigen, weil diese Person trans ist. Aber das ist meistens auch nicht notwendig. Denn viele Arbeitgeber, die wir kennengelernt haben, üben so lange Druck aus, bis die Personen selbst das Handtuch werfen. Das ist leider ein großes Problem und auch die Arbeitssuche ist wahnsinnig schwierig für viele Menschen.

SWR Aktuell: Heute ist der Diversity-Tag. Wie wichtig finden Sie so einen Tag? 

Pederzani: Ich als Aktivistin weiß, dass solche Tage immer noch notwendig sind, um den Menschen regelmäßig vor Augen zu führen, dass die Welt bunt und vielfältig ist. Es gibt nicht nur die heterosexuellen, weißen Pärchen, sondern so viele andere Formen. Deshalb ist es wichtig, dass wir lernen, damit umzugehen, statt irritiert zu sein, wenn etwas nicht unserer Vorstellung der Norm entspricht. Aber wenn ich ehrlich bin, weiß ich auch, dass das selbst in Deutschland noch einige Jahre in Anspruch nehmen wird.

SWR Aktuell: Zeigt sich das auch in der aktuellen Berichterstattung zu den Affenpocken? Viele Verbände fürchten ja, dass es dabei zu einem Rückfall in alte Denkmuster kommt - nämlich, dass sexuelle Krankheiten eigentlich nur von Homosexuellen übertragen werden. Ist das eine Befürchtung, die Sie auch haben?

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Pederzani: Ja, definitiv. Man fühlt sich momentan schon sehr an die 1980er und 1990er Jahre zurückerinnert. Damals kam es bei HIV/AIDS so rüber, als wäre das eine Krankheit, die nur homosexuelle Männer betrifft. Und das ist einfach nicht richtig. Das war in der Vergangenheit eine Katastrophe, weil diese Personengruppe deshalb diskriminiert und stigmatisiert wurde.

"Diese Affenpocken kann jeder bekommen und sie werden auch nicht nur beim Sex übertragen."

Deshalb läuten bei uns gerade alle Alarmglocken. Zumal diese Sichtweise auch dazu führt, dass sich heterosexuelle Menschen sicher fühlen. Das ist bei HIV auch heute noch so. Da infizieren sich weiter viele heterosexuelle Menschen, während die Zahl der infizierten homosexuellen Menschen zurückgeht. Deshalb darf es nicht passieren, dass wir nur einseitig aufklären. Diese Affenpocken kann jeder bekommen und sie werden auch nicht nur beim Sex übertragen.
 
Das Gespräch führte SWR-Reporter Christian Giese-Kessler.

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