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Vor Weihnachten wurde das Flüchtlingslager Lipa im bosnischen Bihac geräumt und anschließend durch ein Feuer zerstört. Die Fotografin Alea Horst aus Reckenroth im Rhein-Lahn-Kreis berichtet im SWR-Interview, wie schlimm die Lage vor Ort ist.

SWR Aktuell: Frau Horst, Sie sind zurzeit vor Ort in Bihac. Worunter leiden die Menschen im Moment am meisten?

Unter der Kälte. Jetzt gerade ist schon wieder Schneeregen, es ist nass und die Menschen im Lager haben unter abgebrannten Betten mit ein bisschen Plastikfolie Obdach gefunden. Sie fragen mich, warum man sie so behandelt?

SWR Aktuell: Was antworten Sie diesen Menschen?

Ich habe keine Antwort darauf, wie man Menschen so behandeln kann. In meinen Augen gibt es keine Entschuldigung dafür und es gibt kaum Unterstützung.

Flüchtlinge im abgebrannten Flüchtlingslager in Bihac (Foto: Alea Horst)
Die Flüchtlinge im abgebrannten Lager Lipa können sich nicht mal richtig waschen. Immer mehr von ihnen leiden an der Krätze, berichtet Fotografin Alea Horst. Alea Horst Bild in Detailansicht öffnen
Aus Protest gegen ihre schlechten Lebensbedingungen hatten die Bewohner des abgebrannten Flüchtlingslagers in Lipa nicht mehr gegessen. Kein EU-Land möchte sie aufnehmen. Alea Horst Bild in Detailansicht öffnen
Das Lager in Lipa war kurz vor Weihnachten von der Internationalen Organisation für Migration (IOM) geräumt worden, weil es von den bosnischen Behörden nicht winterfest gemacht wurde. Kurz daraufhin brannte es aus. Nun leben die Menschen hier unter noch schlechteren Bedingungen als zuvor. Alea Horst Bild in Detailansicht öffnen

SWR Aktuell: Wie sieht es denn mit der medizinischen Versorgung der Menschen im Lager aus?

Wie in anderen Flüchtlingslagern auch innerhalb von Europa werden die Menschen zu schlecht oder gar nicht medizinisch versorgt. Die mangelnde Hygiene bringt Krätze mit sich, was eine unheimlich schmerzhafte Erkrankung ist. Die Leute können sich nicht waschen. Die meisten erzählen mir, dass sie einmal die Woche von Organisationen Essen gebracht bekommen.

SWR Aktuell: Ihre Arbeit vor Ort ist nicht leicht. Die bosnische Polizei möchte offenbar nicht, dass sie direkt im Lager Fotos machen. Trotzdem gelingt es Ihnen aber immer wieder, mit Flüchtlingen zu sprechen. Was erzählen die Ihnen?

Aus Gesprächen mit den Menschen habe ich erfahren, dass die meisten von ihnen, zwischen fünf und 15 mal versucht haben, die Grenze nach Kroatien zu übertreten. Was ihnen dort widerfahren ist, ist wirklich kaum zu übertreffen. Folter, Erniedrigung, Hetzjagden mit Hunden - die Menschen werden gezwungen, sich auszuziehen bis auf die Unterhose. Es werden Ihnen alle Sachen abgenommen. Und dann werden sie halbnackt wieder im Wald ausgesetzt.

Fotografin Alea Horst fotografiert und berichtet regelmäßig aus Krisengebieten. (Foto: Alea Horst)
Fotografin Alea Horst fotografiert und berichtet regelmäßig aus Krisengebieten. Alea Horst

"Die Lager hier in Europa und in der EU sind die schlechtesten, die ich jemals gesehen habe."

Alea Horst, Fotografin

SWR Aktuell: Haben Sie so etwas in anderen Flüchtlingslagern in denen sie schon mal gearbeitet haben gesehen oder erlebt?

Ich war ja auch schon in großen internationalen Lagern. Und ich muss sagen: die Lager hier in Europa und in der EU sind die schlechtesten, die ich jemals gesehen habe. Also wir müssen uns da wirklich in Grund und Boden schämen, wie wir mit den Menschen umgehen. Ich hab dafür überhaupt keine Erklärung und kein Verständnis. Die Menschen sind natürlich ein Spielball der Politik.

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SWR Aktuell: Was wollen Sie mit Ihren Fotos erreichen?

Ich möchte unbedingt Brücken bauen mit meinen Bildern und mit meinen Interviews, die ich veröffentliche. Ich habe ganz stark das Gefühl, dass wir in Europa ein Stück weit die Bodenhaftung verloren haben: das Verständnis, was es bedeutet wirklich verfolgt, wirklich in Armut und Verzweiflung leben zu müssen. Natürlich ist mein größter Wunsch, wieder an die Menschlichkeit zu appellieren, damit wir uns wieder auf das Wesentliche besinnen.

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