Dunja Neukam aus Neuwied war zwischen 2002 und 2010 vier Mal für die Bundeswehr als Sanitäterin in Afghanistan im Einsatz. (Foto: Foto von Dunja Neukam)

Wut über aktuelle Entwicklung

Afghanistan-Soldatin: "Der Einsatz war sinnlos"

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Dunja Neukam aus Neuwied war vier Mal für die Bundeswehr als Sanitäterin in Afghanistan im Einsatz. Die aktuellen Entwicklungen machen sie wütend. Der Einsatz sei sinnlos gewesen.

SWR Aktuell: Frau Neukam, wie bewerten und sehen Sie die aktuellen Entwicklungen in Afghanistan?

Dunja Neukam: Es macht mich traurig und es ist unheimlich bitter. Ich bin auch wütend, genau wie meine Kameraden, mit denen ich mich unterhalte. Gewisse Dinge waren abzusehen, vor allem durch den hektischen Abzug der Amerikaner. Es gab keine Exit-Strategie und wir mussten folgen, denn ohne die Amerikaner könnten wir in Afghanistan auch gar nichts ausrichten. Dass die Taliban zurückkehren wird, war klar, aber nicht mit welcher Geschwindigkeit. Innerhalb von zwei Wochen haben sie das ganze Land wieder übernommen. Das ist unglaublich. Und da fragt man sich schon, wo und welche Stellen da versagt haben.

"Das Land wird im Stich gelassen."

SWR Aktuell: Was genau macht Sie so wütend?

Dunja Neukam: Im Besonderen bin ich wütend auf die afghanische Regierung: Warum hat sie es nicht geschafft, ihre Armee so zu stärken, dass sie gegen die Taliban ankämpfen kann? Sie wurden von uns schließlich ausgebildet und ausgestattet. Wir haben da über Jahre hinweg so viel investiert. Mich macht außerdem wütend, dass das Land so im Stich gelassen wird. Dass sich die Weltgemeinschaft, allen voran die Amerikaner, nichts überlegt haben, was man nun tun könnte. Ich weiß jedoch auch nicht, was man da hätte besser machen können. Ich bin auch auf unsere Regierung wütend. Am 8. August ist Kundus in die Hand der Taliban gefallen. Spätestens da hätte man sagen können, dass man Menschen, wie etwa deutsche Staatsangehörige, aus der Stadt evakuiert.

SWR Aktuell: Was bedeuten die aktuellen Ereignisse jetzt für die Soldaten und Veteranen?

Dunja Neukam: Afghanistan-Veteranen, die durch den Einsatz ohnehin traumatisiert sind, werden durch die aktuellen Bilder noch zusätzlich getriggert. Es kommt zu Schlafstörungen oder Ängsten. Die Veteranen fragen sich natürlich, wozu das alles gut war, wozu sie Schweiß und Blut im Einsatz gelassen haben. Sie sind nicht nur am Leib, sondern auch an der Seele verletzt worden. Für diejenigen ist es gerade besonders schlimm. Wir vom Bund Deutscher Einsatzveteranen versuchen diese Menschen aufzufangen.

SWR Aktuell: Wie genau kann man sich das vorstellen?

Dunja Neukam: Wir machen Gesprächsangebote und nehmen mit uns bekannten Fällen Kontakt auf. Wir raten ihnen etwa, dass sie nicht so viele Nachrichten schauen sollen. Wenn das nötig sein sollte, versuchen wir die Betroffenen an eine therapeutische Einrichtung zu vermitteln.

Dunja Neukam bei einer Gedenkveranstaltung für gefallen Soldaten in Afghanistan. (Foto: Dunja Neukam)
Dunja Neukam bei einer Gedenkveranstaltung für gefallen Soldaten in Afghanistan. Dunja Neukam

SWR Aktuell: Hat sich das Bild der Soldaten zum Einsatz in Afghanistan über die 20 Jahre verändert?

Dunja Neukam: Als der Einsatz 2002 losging, da waren wir alle noch froh gestimmt. Es gab eine Aufbruchsstimmung, wir wollten dem Land helfen. Wir konnten mit kleinen Mitteln viel erreichen, etwa indem wir die afghanische Bevölkerung medizinisch versorgt haben. Man hat auch gemerkt, dass die Menschen dort freier waren. Man hat zum Beispiel weniger Frauen mit Burkas gesehen. Je länger der Einsatz dann dauerte, desto mehr wurde er auch von den Soldaten hinterfragt.

"Ich versuche mich an den kleinen Dingen festzuhalten, zum Beispiel daran, dass wir Kindern ermöglicht haben, in Frieden groß zu werden."

SWR Aktuell: Wie sehen Sie den Einsatz jetzt?

Dunja Neukam: Wenn man das große Ganze betrachtet, war das alles vergebens. Wir Soldaten haben alles gegeben und dennoch war der Einsatz sinnlos. Ich versuche mich an den kleinen Dingen festzuhalten: Dass wir zum Beispiel vielen Kindern ermöglicht haben, in Frieden groß zu werden.

SWR Aktuell: Und was erhoffen Sie sich von der jetzt anlaufenden Evakuierungs-Mission der Bundeswehr?

Dunja Neukam: Ich hoffe, dass alle meine Kameradinnen und Kameraden gesund wiederkommen. Sollte bei der Evakuierungs-Mission jetzt ein Soldat verletzt oder getötet werden, dann kann ich mir vorstellen, dass das noch Konsequenzen haben wird. Ich könnte mir vorstellen, dass manche Soldaten dann ihren Dienst quittieren. Denn diese Mission hätte so nicht sein müssen.

Die Fragen stellte Stephan Lenhardt.

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