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Kläranlagen bereiten unser Abwasser auf und leiten es dann in Bäche und Flüsse ein. Wirklich sauber ist das geklärte Abwasser aber nicht.

Viele Menschen nehmen regelmäßig Medikamente ein, deren Rückstände über Ausscheidungen ins Abwasser gelangen. Ein Beispiel ist der Wirkstoff Diclofenac, der etwa in schmerzlindernden Salben enthalten ist. Ähnlich verhält es sich mit Hormonen, die beispielsweise in der Antibabypille sind. Mikroplastik hingegen löst sich zum Beispiel von synthetischer Kleidung in der Waschmaschine und gelangt so ins Abwasser. Zu diesem Ergebnis kommt etwa eine Studie des Umweltbundesamts.

Mikroschadstoffe werden nur teilweise herausgefiltert

Das Problem dabei: Die meisten Kläranlagen können diese Mikroschadstoffe gar nicht herausfiltern. Außerdem wird das geklärte Abwasser bei den regelmäßigen Proben nicht auf diese Stoffe untersucht.

„Große Kläranlagen können Mikroschadstoffe zum Teil herausfiltern, davon gibt es im Norden von Rheinland-Pfalz aber nur sehr wenige. Wie man damit künftig im ländlichen Raum umgehen will, das wird gerade erforscht. Es gibt in Deutschland derzeit noch keine Pflicht Mikroschadstoffe herauszufiltern“, erklärt Joachim Gerke, Abteilungsleiter Wasserwirtschaft, Abfallwirtschaft, Bodenschutz bei der Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) Nord.

Alte Kläranlagen kommen an ihre Grenzen

Rund 500 Kläranlagen gibt es im Zuständigkeitsbereich der SGD Nord, sagt Gerke. Er schätzt, dass davon 25 Anlagen alte Teichkläranlagen sind. Die meisten davon gebe es im Westerwald. Eine liegt unterhalb von Steinebach an der Wied im Bereich der Verbandsgemeinde Hachenburg. Sie wurde 1987 gebaut und besteht aus drei Teichen, in denen das Abwasser mithilfe von Rechen, Mikroorganismen und chemischen Stoffen geklärt wird. Ammonium, Stickstoff und Phosphat können so weitestgehend aus dem Abwasser herausgefiltert werden, bevor es in die Wied geleitet wird. Aber eben nicht alles.

„Die Teichkläranlage kommt an ihre Grenzen. Es ist unmöglich, die vorgegebenen Grenzwerte bei den Untersuchungen zu 100 Prozent einzuhalten“, sagt Marco Dörner, Leiter der Verbandsgemeindewerke Hachenburg. Dabei spielt auch der Klimawandel eine Rolle. Die Sommer der letzten drei Jahre waren sehr trocken. Viele Bäche und Flüsse hatten dadurch weniger Wasser, auch die Wied. Das eingeleitete geklärte Abwasser wurde dann also nicht mehr so viel mit frischem Flusswasser verdünnt.

Marco Dörner, Leiter der Verbandsgemeindewerke Hachenburg, an der alten Teichkläranlage in Steinebach an der Wied. (Foto: SWR)
Marco Dörner, Leiter der Verbandsgemeindewerke Hachenburg, an der alten Teichkläranlage in Steinebach an der Wied.

Längere Leitungen oder strengere Grenzwerte

Das Problem hat auch die SGD Nord erkannt. „Vielleicht werden wir dann künftig kein geklärtes Abwasser mehr in kleine Bäche und Flüsse einleiten können“, sagt Joachim Gerke. Die Lösung könnten demnach längere Rohrsysteme sein, die das geklärte Abwasser zu größeren Flüssen, wie etwa dem Rhein, leiten. Oder aber die Grenzwerte für die Einleitung in kleine Bäche und Flüsse müssten strenger werden. Wie man damit künftig umgehen wolle, das werde derzeit untersucht, so Gerke.

Grenzwerte werden nur selten überschritten

Bezüglich der Überschreitung von Grenzwerten gibt Gerke Entwarnung. „Wir liegen bei all unseren Kläranlagen geschätzt bei unter fünf Prozent. Wenn eine Kläranlage zu viele Überschreitungen hat, wird die sogenannte Abwasserabgabe hochgesetzt, die Bürger müssen also mehr fürs Abwasser bezahlen“, erklärt Gerke. Sauberer wird das geklärte Abwasser davon aber nicht. Belastend für die Umwelt werde es aber nur bei regelmäßigen Überschreitungen, nicht bei einzelnen Ausreißern, so Gerke.

„Das Problem wird nicht dadurch gelöst, dass die Klärtechnik immer besser wird. Auch die Bürger selbst sind gefragt.“

Joachim Gerke, SGD Nord

Kläranlagen sollen zusammengelegt werden

Um Grenzwerte künftig noch besser einhalten zu können und um Mikroschadstoffe wie Medikamtenrückstände überhaupt rausfiltern zu können, sollen alte und kleine Kläranlagen stillgelegt werden. Stattdessen sind weniger Anlagen geplant, die dann aber größer und moderner sind. Das gilt auch für die alte Teichkläranlage in Steinebach an der Wied. In rund sieben Jahren soll sie stillgelegt werden. „Wir haben im Bereich der Verbandsgemeinde Hachenburg derzeit 12 Kläranlagen, die wollen wir zu drei moderneren Anlagen zusammenlegen“, erklärt Marco Dörner.

Joachim Gerke von der SGD Nord sieht darin aber nicht die alleinige Lösung. „Das Problem wird nicht dadurch gelöst, dass die Klärtechnik immer besser wird. Auch die Bürger selbst sind gefragt.“ Das heißt, jeder einzelne kann selbst dazu beitragen, etwa Mikroplastik zu verhindern oder zu reduzieren. So gelangt am Ende auch weniger davon in unsere Gewässer.

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