Das Untersuchungsgefängnis auf der Koblenzer Karthause (Foto: SWR)

Zu viele Häftlinge können kaum Deutsch Rheinland-Pfalz setzt auf Video-Dolmetscher im Gefängnis

Die mangelnden Sprachkenntnisse vieler Häftlinge stellen die Vollzugsbeamten in der JVA Koblenz vor große Probleme: Immer wieder kommt es zu Missverständnissen. Jetzt gibt es eine Lösung.

Die Justizvollzugsbeamten im Norden des Landes haben jede Menge Überstunden und die Haftanstalten klagen über Personalmangel. Ein zusätzliches Problem ist der hohe Ausländeranteil in den Gefängnissen in Diez und Koblenz. Auch das nimmt viel Zeit in Anspruch. Im Koblenzer Untersuchungsgefängnis etwa kommen derzeit von den über 160 Inhaftierten fast die Hälfte aus dem Ausland. Die meisten sprechen kaum oder nur schlecht Deutsch.

Das Justizministerium in Mainz kennt das Problem. Es will deshalb verstärkt Video-Dolmetscher in den Gefängnissen im Land einsetzen. Das bedeutet, dass künftig ein Vollzugsbeamter und ein Häftling vor einem Computerbildschirm sitzen und Probleme mit Hilfe eines Dolmetschers besprechen, der per Video zugeschaltet wird.

Ausschreibung für technische Ausrüstung läuft

In der JVA in Rohrbach läuft seit einem Jahr ein solches Pilotprojekt - mit Erfolg. Nach Angaben einer JVA-Sprecherin wird dort das Video-Dolmetschen beim ersten Gespräch mit einem neuen Häftling eingesetzt, oder wenn ein Arzt oder der Sozialdienst mit ihm spricht.

Dieses Projekt soll künftig in allen Gefängnissen im Land möglich sein. Derzeit läuft die technische Ausschreibung. Im kommenden Jahr solle das Video-Dolmetschen dann nach und nach in allen Haftanstalten in Rheinland-Pfalz eingeführt werden.

JVA Diez (Foto: SWR)
Auch in der JVA in Diez sitzen viele Häftlinge mit ausländischen Wurzeln ein

Wer hilft bei Alltagsproblemen oder juristischen Fragen?

Im Koblenzer Untersuchungsgefängnis hofft man, dass der Video-Dolmetscher künftig die Arbeit mit den Häftlingen einfacher machen wird. Der hohe Ausländeranteil macht Justizvollzugsbeamten wie Ralf Etterwend jeden Tag zu schaffen. Und zwar deshalb, weil es dadurch immer wieder zu Missverständnissen kommt. Etwa, wenn der Friseur einem Gefangenen die Haare nicht so geschnitten hat, wie der das gerne gehabt hätte. Solche Alltagsprobleme lassen sich noch vergleichsweise einfach lösen.

Schwerer wird es für die Vollzugsbeamten aber, wenn es etwa um das Gerichtsverfahren der Inhaftierten geht. "Es fängt damit an, dass Briefe für sie kommen, die sie nicht lesen können", sagt Ralf Etterwend. "Oder sie zwar lesen können, aber den Inhalt nicht verstehen. Dann muss ich bislang versuchen, irgendwo einen Dolmetscher her zu bekommen."

Ministerium: Kriminalität ist Frage der Lebenslage

Kriminalität ist nach Angaben des Justizministeriums keine Frage des Passes oder der ethnischen Zugehörigkeit - sondern der Lebenslage. "Zuwanderer unterliegen aufgrund ihrer Lebenssituation kriminalitätsbegünstigenden Einflussfaktoren, wie zum Beispiel Heimatverlust, Zukunftsängsten, unterschiedlicher religiöser und ethnischer Prägung, Rollenbilder, geringeren Bildungschancen, negativer Bleibeperspektiven, Sprachbarrieren und damit einhergehender Integrationsprobleme."

Rund 40 Prozent der Zuwanderer gehören der Altersgruppe der 14- bis 30-Jährigen an. Gegenüber einem Anteil von rund 23 Prozent bei der Bevölkerung von Rheinland-Pfalz insgesamt ist diese Gruppe bei den Zuwanderern deutlich überrepräsentiert. Zugleich weist diese Altersgruppe, insbesondere die der Jugendlichen (14 bis unter 18 Jahre) und Heranwachsenden (18 bis unter 21 Jahre), die statistisch gesehen höchste Kriminalitätsbelastung auf.

"Manche Häftlinge ignorieren Anweisungen von Frauen"

Die Justizvollzugsbeamten sind nicht nur von den Sprachproblemen genervt. Linda Burmeister etwa klagt darüber, dass sie zunehmend aggressiv und respektlos behandelt werde. Vor allem von Männern, in deren Heimatländern Frauen weniger wert seien, erzählt die Vollzugsbeamtin. "Das ist in den vergangenen Jahren schlimmer geworden." Sie und ihre Kolleginnen müssten dann sehr selbstsicher auftreten und möglicherweise auch einen Kollegen um Unterstützung bitten.

Zu wenig Deutschunterricht im Gefängnis

In der JVA Koblenz bietet ein Ehrenamtlicher alle 14 Tage Deutschunterricht für die Häftlinge an. Das ist zwar ein gute Sache, aber viel zu wenig, kritisiert die Gewerkschaft des Justizvollzugs. Gut sei allerdings, dass inzwischen ein Dolmetscher in besonderen Fällen auch telefonisch helfen darf.

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