AKW Mülheim-Kärlich Der Kühlturm ist Geschichte

Um 15.38 Uhr krachte der Betonkoloss am Freitag in nur drei Sekunden zu Boden. Der Kühlturm des AKW Mülheim-Kärlich ist damit für immer aus dem Landschaftsbild verschwunden. Der Abriss lief sogar besser als erwartet.

Am Ende ging es ganz schnell: Das einst über 160 und zuletzt noch rund 80 Meter hohe Betonkonstrukt ist am Freitagnachmittag zum Einsturz gebracht worden. Planmäßig, um kurz nach halb vier, sackte der Turm in sich zusammen.

Zuvor hatten zwei ferngesteuerte Bagger - einer mit einem Meißel und einer mit einer Zange - 16 der insgesamt 72 Stützen am unteren Ende des Turms weggerissen. Gerechnet hatten die Experten sogar mit 18. In den Tagen zuvor hatten die Arbeiter den Turm bereits gezielt geschwächt, indem sie Schlitze in den Beton gesägt hatten.

Gelungener Einsturz

Das Gelände wurde nach dem Einsturz gewässert, um den anfallenden Staub aufzufangen. Immerhin fielen etwa 15.000 Tonnen Material zu Boden.

Dauer

Laut Projektleiter liefen die Abrissarbeiten besser als erwartet, da die beiden ferngesteuerten Bagger den Einsatz unbeschadet überstanden. Zudem seien auch die untersten 20 Meter des Turms eingestürzt, sodass sich die eigentlich geplanten Folgearbeiten erübrigten.

Der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Weißenthurm, Thomas Przybylla (CDU), sagte im Anschluss an den Einsturz: "Es wird sicherlich eine Zeit lang dauern, bis man sich hier an das neue Panorama gewöhnt hat." Über Jahrzehnte habe der Kühlturm schließlich das Erscheinungsbild der Region geprägt.

Dreyer und Höfken erfreut über Abriss

Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) und Umweltministerin Ulrike Höfken (Grüne), die beide in Mülheim-Kärlich vor Ort waren, begrüßten den geplanten Abriss des Kühlturms. Der endgültige Abriss stehe für das Ende der gefährlichen Atomenergie im Land. Es sei dem großen Einsatz von Bürgern, Kommunen, Umweltverbänden und der ersten SPD-geführten Landesregierung in Rheinland-Pfalz zu verdanken, dass der "Schandfleck" nun auch sichtbar verschwinde, so Dreyer.

Umweltministerin Höfken betonte, dass der Ausstieg aus der Atomenergie in Mülheim-Kärlich begonnen habe. Sie sehe den Abriss als "großes Symbol" für die Region.

Besser als Kino Ganz nah dran am Kühlturm-Kollaps

AKW-Einsturz (Foto: SWR, Michael Heußler)
Noch steht der Turm: Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) ist zur Abriss-Baustelle gekommen, um den Kollaps des Riesen aus nächster Nähe mitzuverfolgen. Michael Heußler Bild in Detailansicht öffnen
Einige Camper stehen mit ihren vier Wänden auf vier Rädern in der ersten Reihe - die Zuschauer machen es sich gemütlich, es kann losgehen. Bild in Detailansicht öffnen
Komplettausstattung beim "Kühlturm-Tourismus": Fernglas, Campingstühle und ein Kaltgetränk. Da kann nichts mehr schiefgehen, zumindest bei den Zuschauern. Bild in Detailansicht öffnen
My Klappstuhl is my Kinosessel: Hier hat man die beste Sicht von der anderen Rheinseite auf das Kühlturm-Spektakel. Bild in Detailansicht öffnen
Geschafft - diesen Blick gibt es dann aber doch nicht aus dem Campingstuhl, sondern nur aus Drohnensicht. Planmäßig ist der Kühlturm um 15.38 Uhr in nur drei Sekunden in sich zusammengesackt. Mission erfüllt. Bild in Detailansicht öffnen
Der Turm ist Geschichte - oder wie Anwohner sagen: "Dat Elefantenklo es fott." Bild in Detailansicht öffnen

Ende eines Kapitels deutscher Industriegeschichte

Der Einsturz ist das spektakuläre Finale mehrjähriger Abrissarbeiten und das Ende eines jahrzehntelangen Kapitels deutscher Industriegeschichte. Im August 1987 ans Netz gegangen, wurde das Kraftwerk bereits im September 1988 wieder abgeschaltet. Grund waren fehlende Genehmigungen sowie Fehler bei der Untersuchung der Erdbebensicherheit. Es folgte ein jahrelanger Rechtsstreit. 2001 reichte der Betreiber RWE den Antrag zur Stilllegung ein.

Mit dem Kühlturm, der früher sogar den Kölner Dom überragte, verschwindet das augenfälligste Bauwerk am Rhein nördlich von Koblenz. Die obere Turmhälfte hatte seit Sommer 2018 ein eigens dafür konstruierter Abrissbagger mit einer Zange samt Zacken regelrecht abgeknabbert. Er arbeitete sich langsam auf der Mauerkrone des Turms entlang. Im unteren Teil des Turmes konnte er nicht weiterarbeiten, da die Neigung zu groß wurde. Eine Sprengung des Turmrests war nach RWE-Angaben unter anderem wegen der Nähe zum noch stehenden Reaktorgebäude nicht infrage gekommen.

Rückblick: So sah es im Turm aus

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