Nach langen Diskussionen will die Landesregierung am Freitag ihre "Landarzt-Offensive" vorstellen (Symbolbild). (Foto: dpa)

Ärztemangel im Westerwald Betzdorf lehnt Geldprämie für Ärzte ab

Der Stadtrat in Betzdorf hat sich am Donnerstagabend dagegen entschieden, eine Geldprämie für Ärzte auszuloben. Die Stadt will anders gegen den Ärztemangel vorgehen.

Dafür soll ein Arbeitskreis gegründet werden. Der soll zum Beispiel ausloten, ob ein genossenschaftlich organisiertes Medizinisches Versorgungszentrum eingerichtet werden kann und welche Weichen die Stadt dafür stellen müsste.

Die Stadtverwaltung soll alles in ihrer Macht Stehende tun, um Ärzte nach Betzdorf zu holen. Dazu gehört dann allerdings auch, Medizinern Geld für die Niederlassung zu bezahlen, wenn sie das verlangen. Mit dem Ratsbeschluss hat die Verwaltung dafür freie Hand. Eine klar definierte Prämie, zum Beispiel von bis zu 100.000 Euro wie in der Nachbarstadt Daaden, soll es aber nicht geben.

Ärztemangel wird zunehmend zum Problem

In Betzdorf fehlt es an Hausärzten. Das ist ein großes Problem für die Menschen in der Region. Beispielsweise auch für Lore Wollenweber. Sie ist fast 77 Jahre alt und pflegt seit 19 Jahren ihren Mann. Jeden Tag die selbe Routine: Morgens gibt es Frühstück, dann kommt die Pflege, danach muss sie für beide kochen. Wenn sie isst, liegt ihr Mann schon wieder im Bett. Er ist Mitte 80 und vollständig auf fremde Hilfe angewiesen.

Keine Zeit für Hausbesuche

Das meiste davon übernimmt seine Frau Lore. Aber seit ihr Hausarzt in Betzdorf in den Ruhestand gegangen ist, ist Lore Wollenweber ratlos. Zwar hat sie rund 20 Kilometer entfernt einen Arzt gefunden, der sie noch aufnimmt, aber sie braucht einen Hausarzt, der auch ins Haus kommt. "Keiner der Ärzte macht das", sagt sie. Der Grund: Alle sind vollkommen überlastet. Für Lore Wollenweber ist das eine Katastrophe, denn ihr Mann muss regelmäßig gespritzt und seine Lunge abgehört werden.Weil sie Kräfte sammeln muss, will sie ihren Mann in die Kurzzeitpflege geben. Dafür braucht sie ein Attest - aber wie, wenn kein Arzt kommen kann?

Angst vor einem Wettbieten

Das Thema bereitet auch Betzdorfs Bürgermeister Bernd Brato (SPD) große Sorgen. Trotzdem positionierte er sich im Vorfeld der Stadtratssitzung gegen eine feste Geldprämie für Hausärzte. Er fürchtete ein Wettbieten zwischen den Gemeinden, welches am Ende die armen und ländlichen Regionen verlieren würden.

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Nachbarstadt Daaden zahlt bis zu 100.000 Euro

Die Nachbarstadt Daaden hat sich für eine solche Prämie entschieden. Bis zu 100.000 Euro pro Arztsitz zahlt Daaden - offenbar mit Erfolg. Nach Angaben der Stadt haben bereits drei Mediziner Interesse bekundet, sich in Daaden niederzulassen.

Aufruf an Medizinstudenten aus dem Westerwald

Auch der Kreis Altenkirchen verstärkt seine Bemühungen, junge Ärzte in die Region Westerwald-Sieg zu holen. Zusammen mit der Kreisärzteschaft, den Verbandsgemeinden und den Krankenhäusern hat der Kreis einen Aufruf gestartet, der sich an Mediziner richtet, die in der Region aufgewachsen sind. Ziel ist es, herauszufinden, was junge Medizinstudenten motivieren könnte, wieder in den Westerwald zurückzukehren und sich als Arzt niederzulassen. Alle Studierenden oder Ärzte in Weiterbildung aus der Region, sind aufgerufen, sich zu melden.

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