Interview mit einem Experten "Sie haben hier Brandtemperaturen von über 1.000 Grad"

Es war Glück im Unglück für die 500 Fahrgäste in dem ICE im Westerwald. Auf freier Strecke konnten sie in Ruhe aus dem brennenden Zug aussteigen. Ein Waggon und der Triebwagen brannten komplett aus. Wie konnte es zu dem Unglück kommen?

Hans-Joachim Keim ist Sachverständiger für Kunststofftechnik in Stuttgart. Herr Keim, wie kann es sein, dass Teile eines Zuges plötzlich so heftig brennen?

Es gibt hier unterschiedliche Möglichkeiten. Zum Beispiel die Kunststoffe, die nur maximal eine Minute brandgeschützt sind. Das ist nicht so, wie man es vom Bau her kennt, hier spricht man von 30, 60 oder 90 Minuten.

Müssen denn nicht nur schwer entflammbare Materialien in so einem Zug verbaut sein?

Sie sind schwer entflammbar - jedenfalls nach der Norm. Aber ein Vollbrand geht umso schneller vonstatten, je schneller der Zug fährt. Sie haben hier plötzlich Brandtemperaturen von über 1.000 Grad. Dadurch haben die Flammschutzmittel nicht die Möglichkeit, die schwer entflammbaren Werkstoffe zu löschen.

Es heißt, bei dem ICE-Brand bei Dierdorf könnte ein technischer Defekt der Grund für das Feuer sein. Was kommt da in Frage?

Es sind zwei Dinge, die letztendlich in Frage kommen. Zum einen sind das nicht geöffnete Bremsen. Dadurch könnte durch Reibung starke Wärme entstanden sein und den Wagen entzündet haben. Zum anderen gibt es zum Beispiel Werkstoffe wie Batterien, die relativ schnell brennen können und dann den Wagen in Vollbrand bringen. Wenn jemand einen Computer dabei hatte und den aufgeladen hat, und dabei überladen hat, dann hat man eben einen Brand vor sich. Ich bin gespannt, was rauskommt.

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