Gewalt gegen Männer (Beispielbild) (Foto: picture-alliance / dpa)

Gewalt in engen sozialen Bindungen Wenn Männer die Opfer sind

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Beim Thema häusliche Gewalt sind die Rollen meist klar verteilt: die Frau als Opfer, der Mann als Täter. Aber es gibt auch Männer in der Opferrolle - und die haben es schwer, auch was Hilfsangebote betrifft.

Die Zahlen der Polizeibehörden zur Gewalt in engen sozialen Bindungen sind alarmierend: Im vergangenen Jahr gab es bundesweit knapp 140.000 Fälle, 179 Menschen wurden dabei getötet. Meist sind die Frauen die Opfer, es gibt aber auch Männer, die von ihren Partnerinnen verletzt und gequält werden. 2017 war jedes fünfte Opfer ein Mann.

So wie der Koblenzer IT-Berater René Pickhardt. Der 33-Jährige hat häusliche Gewalt erlebt, "angefangen bei verbaler Gewalt, über emotionale Gewalt bis hin zu körperlichen Übergriffen". Pickhardt berichtet, er sei traumatisiert gewesen, hätte eine Weile lang nicht mehr sprechen können. Ins Detail gehen möchte er nicht - aus Rücksicht auf seine damalige Frau.

Wie Pickhardt geht es auch anderen Männern. Einem 40-jährigen Angestellten aus dem Hunsrück zum Beispiel. Er erzählt, dass seine Frau über ein Jahr hinweg immer gewalttätiger wurde. Am Anfang habe sie ihn nur geohrfeigt, dann habe sie ihn mit der Bratpfanne geschlagen, ihn gebissen bis es blutete oder seine Anzüge in den Müll geworfen. Eines Tages sei es so schlimm gewesen, dass er die Polizei gerufen habe. Sie habe ihm geglaubt, dass er das Opfer ist und ein Kontaktverbot für die Ehefrau erlassen. Heute fragt sich der 40-Jährige, warum er sich das alles so lange gefallen ließ.

Männer sprechen darüber nicht

Auch René Pickhardt musste sich überwinden, mit anderen darüber zu sprechen. Mit dem Bild vom Mann als Gewaltopfer tun sich die meisten schwer - auch die Betroffenen selbst. Darüber sprechen Männer nicht, sagen Experten, sie ertragen es oder arrangieren sich irgendwie. Aber sich jemandem anvertrauen sei bei Männern die Ausnahme. Sie schämten sich. Denn es passt nicht in das Bild vom Mann als dem starken Geschlecht, dass er sich von seiner Frau verprügeln lässt.  

Gewalt gegen Männer (Beispielbild) (Foto: picture-alliance / dpa)
Gewalt gegen Männer (Beispielbild)

Bundesweit gibt es pro Jahr etwa 27.000 dokumentierte Fälle von Männern, die von ihren Lebenspartnerinnen angegriffen und misshandelt wurden. Und die Dunkelziffer - so schätzt die Polizei - ist noch viel größer. Eingestellt hat sich die Gesellschaft darauf aber noch nicht.

Beratungsstellen überfordert

Pickardt etwa wurde in Internetforen, in denen er um Hilfe bat, teilweise sogar noch beschimpft und verhöhnt. Beratungsstellen in seiner Umgebung fühlten sich für sein Problem nicht zuständig. Auch wenn das Familienministerium in Mainz auf SWR-Anfrage schreibt, dass Ehe-, Familien- oder Lebensberatungsstellen auch dafür da seien. Doch keine der Beratungsstellen kennt sich damit wirklich gut aus, sagt Julia Reinhardt von der Koordinationsstelle "Contra häusliche Gewalt!" in Bad Kreuznach: "Warum werden Frauen Täterinnen? Was führt dazu? Da steckt die Wissenschaft noch sehr in den Kinderschuhen."

Spezielle Hilfsangebote für Männer sind rar. In Sachsen gibt es die vom Freistaat geförderte "Landesfachstelle Männerarbeit" mit Männerschutzwohnungen in Dresden, Leipzig und Plauen. In Stuttgart wird eine Männerschutzwohnung von der Stadt finanziert. In Rheinland-Pfalz gibt es so etwas nicht. Pickhardt wollte eine in Koblenz einrichten. Er hatte der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt sogar angeboten, die Miete dafür zu bezahlen. Die konnte das aber nicht durchsetzen. "Das Familienministerium möchte das Thema nicht machen, weil die sozusagen das Frauenreferat haben", betont Pickhardt. "Und im Innenministerium ist man sich zwar der Thematik bewusst, da gibt es aber keinen politischen Willen."

Gewaltthema als Politikum

Das Thema "Gewalt gegen Männer" ist ein Politikum. Dieser Satz fällt oft. Niemand, der sich um misshandelte Frauen kümmere, möchte sich aber mit den Frauenverbänden anlegen, die den Mann eher als Täter denn als Opfer sehen. Und natürlich geht es auch ums Geld.

Doch René Pickhardt fordert gleiches Recht für alle. Julia Reinhardt von der Bad Kreuznacher Koordinationsstelle ist ebenfalls der Meinung, dass etwas passieren muss. "Ich denke, das ist ein Prozess", schränkt sie aber ein. Auch bei den Frauen habe es sehr lange gedauert, bis sie Unterstützungseinrichtungen bekommen hätten. Die Männer müssten ihr Recht nun ebenfalls einfordern, verlangt Reinhardt: "Da muss man dann schon sagen: Männer, macht euch eben auch auf den Weg!"

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