Kunstwerke in einer Holzkiste (Foto: Beate Reifenscheid)

Chronologie eines Kunstkrimis Die Suche nach den Werken von Anselm Kiefer in China

Sie sind mehrere Millionen Euro wert und waren in China verschollen: Sechs Werke des Künstlers Anselm Kiefer hatte das Koblenzer Ludwig Museum verliehen und monatelang gesucht.

November 2016 - Ausstellung in Peking läuft nach Plan

In Peking eröffnet eine Ausstellung mit rund 300 deutschen Werken der Künstler Anselm Kiefer, Markus Lüpertz und Renate Graf. Fast alle Bilder gehören der privaten Kunstsammlerin Maria Chen-Tu, einer Deutschen mit taiwanesischen Wurzeln. Organisiert wird der Transport und die Ausstellung der Kunstwerke von der Hamburger Firma Bell Art GmbH und ihrem Geschäftsführer Ma Yue. Auch die Leiterin des Koblenzer Ludwig Museums, Beate Reifenscheid, ist an der Vorbereitung beteiligt und entschließt sich, selbst sechs Kiefer-Werke aus dem Bestand des Museums beizusteuern. Bei den Kunstwerken handelt es sich um Dauer-Leihgaben anderer privater Kunstsammler.  

Dauer
Sendedatum
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18:00 Uhr
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SWR Fernsehen RP

Im Vorfeld der Ausstellung in China gibt es einige Störfeuer, weil sich vor allem Anselm Kiefer darüber beschwert, dass er bei der Planung nicht beteiligt wurde. Er beklagt sich, dass er kein Mitspracherecht gehabt hat, welche seiner Werke in welcher Zusammenstellung in China ausgestellt werden. Auch das Geschäftsverhältnis zwischen Beate Reifenscheid und der Bell Art GmbH wird teilweise kritisiert. Trotzdem wird die Ausstellung wie geplant im November 2016 im Pekinger "CAFA Art Museum" eröffnet. 

Pasiphae von Anselm Kiefer (Foto: VG Bild-Kunst Bonn 2020)
Auch dieses Bild von Anselm Kiefer wird in Peking ausgestellt. VG Bild-Kunst Bonn 2020

März 2019 - Verzögerungen bei Bauarbeiten in Museum von Shenzhen

Wie ursprünglich vorgesehen, geht die gesamte Ausstellung auf Tournee. Unter anderem werden die Werke in Shanghai und Wuhan präsentiert. Im Frühjahr 2019 sollen die Werke eigentlich auch bei der Eröffnung eines neuen Museums in Shenzhen gezeigt werden. Bei einem Besuch kurz vorher stellt die Koblenzer Museumsleiterin Beate Reifenscheid aber nach eigenen Angaben fest, dass die Bauarbeiten längst nicht abgeschlossen sind. Wie befürchtet verzögert sich die Eröffnung. Alle rund 300 Werke befänden sich aber gut geschützt in verschiedenen Lagern, sichert ihr Ma Yuen zu.   

Juni 2019 - Alle Werke sollen verschwunden sein

Kurz darauf erhält Reifenscheid allerdings eine besorgniserregende Nachricht der privaten Kunstsammlerin Maria Chen-Tu. In dieser Nachricht steht, dass alle Kunstwerke verschwunden seien. Reifenscheid hat sich nach eigenen Angaben zu diesem Zeitpunkt schon größtenteils aus der Organisation der gesamten Ausstellung zurückgezogen. Sie habe lediglich als Startanschub den Kontakt zwischen Chen-Tu und Ma Yuen hergestellt. Alles weitere hätten die beiden untereinander geklärt, so Reifenscheid. Trotzdem sorgte sie sich um den Verbleib der sechs Werke aus dem Bestand des Ludwig Museums.  

Juli 2019 - Koblenzer Museumsleiterin bekommt Werke nicht zu Gesicht

Reifenscheid fliegt erneut nach China, um sich dort mit Herrn Ma Yuen zu treffen und die Werke zurück nach Koblenz zu holen. Dieser habe das Treffen aber kurz vorher abgesagt und an eine Frau Wendy verwiesen. Dies sei die Betreiberin und Eigentümerin des verspätet eröffneten Museums in Shenzhen.

Frau Wendy bestätigt nach Angaben von Reifenscheid zwar, dass sie eine Reihe von Kisten mit Kunstwerken eingelagert habe. Welche Kunstwerke das seien, wisse sie aber nicht und habe sie auch nicht kontrolliert. Beate Reifenscheid sieht zwar die Kisten, deren Katalognummern auch mit ihren Unterlagen übereinstimmen. Ob sich darin aber wirklich die gesuchten Kunstwerke befinden, kann sie nicht nachprüfen. Ohne die Werke gesehen zu haben, muss sie China wieder verlassen.  

August 2019 - Polizei soll Kisten mit Kunstwerken beschlagnahmt haben

Nach einer neuen Terminabsprache reist Beate Reifenscheid wieder nach Shenzhen. Dieses Mal in Begleitung eines Transportunternehmens, das den Rücktransport der sechs Kiefer-Werke organisieren soll. In Shenzhen angekommen, weigere sich Frau Wendy allerdings, sie in das Kunstlager zu lassen, so Reifenscheid. Stattdessen erzähle die Chinesin, dass die Polizei die Kisten beschlagnahmt habe und Herr Ma Yuen inzwischen im Gefängnis sitze. Angeblich schulde ihr Ma Yuen 400.000 Euro und bevor sie die nicht wiederbekomme, dürfe Reifenscheid die Kisten auch nicht mitnehmen.  

November 2019 - Strafanzeige wegen Betrugs gestellt

Die private Kunstsammlerin Maria Chen-Tu macht auf einer Pressekonferenz zum ersten Mal öffentlich, dass alle Kunstwerke ihrer Ansicht nach verschwunden sind. Schuld daran sei Ma Yuen, dessen Firma Bell Art GmbH inzwischen bankrott gegangen war und der sich nicht an Absprachen gehalten habe. Sie habe ihn aufgefordert, alle Werke in eines ihrer Lager in Honkong zu bringen. Dieser Aufforderung sei er aber nicht nachgekommen. Nach mehreren verstrichenen Fristen habe sie Anfang Juli in Peking schließlich Strafanzeigen wegen Betrugs gestellt.  

Dezember 2019 - Verhaftung des Kontaktmanns - Kunstwerke gefunden

Beate Reifenscheid hat in der Zwischenzeit das Rechtsamt der Stadt Koblenz eingeschaltet und gemeinsam haben sie einen chinesischen Anwalt beauftragt, sich mit dem Fall zu beschäftigen. Wieder wird ein Termin mit der Museumsleiterin Wendy aus Shenzhen ausgehandelt. Dieses Mal ist Reifenscheid in Begleitung des Anwalts und eines Gutachters, der den Zustand der Werke begutachten soll.  

Drei Männer öffnen eine Holzkiste mit Kunstwerken von Anselm Kiefer (Foto: Beate Reifenscheid)
In Kisten in einem Kunstlager in Shenzhen wurden die Kunstwerke von Anselm Kiefer gefunden. Beate Reifenscheid

Beim Treffen in Shenzhen kommt es dann zu einem Tumult, weil auch Ma Yuen eingeladen worden war. Nach Angaben von Reifenscheid lässt Frau Wendy Herrn Ma während des Treffens von der Polizei verhaften. Trotz des Tumults bekommen Reifenscheid und ihr Team die Chance, die Kisten zu öffnen und finden darin die vermissten Kunstwerke. Alle seien in einem guten Zustand, lediglich an einem Werk habe es durch die Ladungssicherung kleinere Schäden gegeben. Allerdings verweigert Wendy die Herausgabe der Kisten. Erst wenn die Probleme mit Ma Yuen gelöst seien, dürfe Reifenscheid die Kisten mit nach Koblenz nehmen.  

Ausblick 2020 - Koblenzer Rechtsamt kämpft für Herausgabe der Werke

Das Rechtsamt der Stadt Koblenz versucht nun, die Herausgabe zu erwirken. Man habe einen deutlichen Brief an Frau Wendy geschrieben, so der Koblenzer Stadtsprecher. Darin wird nicht nur die Herausgabe gefordert, sondern auch mit Schadenersatzforderungen gedroht, sollte etwas mit den Werken passieren. Über den Jahreswechsel wurden auch das Auswärtige Amt und die deutsche Botschaft in China über den Fall informiert. Nun warten die Beteiligten auf die Reaktion von Wendy aus China.  

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